Mittwoch , 28. Oktober 2020
"Es wird schwierig, alle unterzubringen", sagt Pascal Nickel über die Zukunft der Pflege in Altenheimen. Foto: Petersen

Jede Minute ein anderes Gesicht

Lüneburg. Pascal Nickel will Altenpfleger werden. Gerade ist er im dritten Lehrjahr. Der LZ gab er einen Einblick in die Arbeit im Seniorenheim.

Schlechte Bezahlung, körperlich schwere Arbeit, Pflegenotstand. Wenn es um die Altenpflege geht, liegt der Fokus meist auf den Problemen. Zu Recht?
Pascal Nickel: Es ist ja wahr. Man könnte im Büro das Doppelte verdienen. Mein Ausbildungsbetrieb ist ganz gut besetzt, was die Fachkräfte angeht, aber von meinen Mitschülern und aus mehreren Praktika weiß ich: Es kommt in einigen Heimen durchaus vor, dass eine Person 30 Leute betreut. Wie will man unter diesen Umständen noch die nötige Fürsorge aufbringen? Da wird das Essen geliefert und der Azubi rennt nur von Zimmer zu Zimmer, um den Bewohnern löffelweise ihr Essen zu verabreichen. Jede Minute ein anderes Gesicht. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen überprüft zwar die Heime, aber dessen Mitarbeiter schauen sich hauptsächlich die Dokumentation an und sprechen wenig mit den Bewohnern.

Der neue Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verspricht mehr Pflegepersonal.
Die 8000 zusätzlichen Stellen aus dem Koalitionsvertrag sind jedenfalls viel zu wenig. Die würden gar nichts bewirken, geschweige denn den Pflegenotstand auf einmal verschwinden lassen.

Sie im Amt des Gesundheitsministers: Was würde sich verändern?
Ich würde mit einer besseren Bezahlung anfangen. Die jungen Leute sind ja heute fokussiert darauf, wollen kein schlechtes Leben führen. Und das wäre auch eine Form der Wertschätzung der Arbeit mit Menschen. Dass der Job manchmal hart ist, lässt sich nicht ändern, aber vielleicht könnte man etwas gegen diese Vorurteile tun. Auffällig ist nämlich, dass viele, die sich für den Beruf entscheiden, schon Erfahrung mit der Pflege haben – einen Angehörigen betreuen oder Eltern haben, die in diesem Bereich arbeiten. Es sollten frühzeitig Berührungsängste abgelegt werden, schon in der Schule.

Welche Vorurteile sind das?
Wenn ich sage, dass ich Altenpfleger werde, kommt immer folgende Reaktion: „Krass, dass du das machst! Also, ich könnte das nicht: alte Leute waschen und mit Stuhlgang hantieren.“

Und was sagen Sie dann?
Dass das nur die halbe Wahrheit ist. Verbände erneuern, Bewohner wiegen, Blutdruck messen: All diese medizinischen Dinge gehören ja zum Beispiel auch zum Alltag. Wenn die Bewohner lächeln, eine Umarmung möchten, einfach dankbar sind – das macht mich glücklich. Da war ich mir nach meinem Freiwilligen Sozialen Jahr, gleich nach der Realschule, absolut sicher. Und was die Leute vom Leben und von früher zu erzählen haben, ist super interessant.

Trotzdem braucht es mehr Geld, mehr Anerkennung – und mehr Männer?
Das stimmt. In meiner Klasse waren wir im ersten Lehrjahr gerade mal fünf oder sechs Männer neben 18 Frauen. Inzwischen hat sich das etwas verbessert und das ist gut so, denn beim Heben schwerer Personen zum Beispiel werde ich schon öfter mal von Kolleginnen gerufen – einfach, weil es mir als Mann leichter fällt, das kräftemäßig zu leisten.

Wie sieht es eigentlich mit den Karrierechancen aus?
Wohnbereichsleitung, Pflegedienstleitung, Wundmanager, Qualitätsmanager – da gibt’s genug, was man draufsatteln kann. Ich will auch nicht ewig normale Fachkraft bleiben, vielleicht mal anderen Azubis etwas beibringen. Diese Grundpflege schlaucht auf Dauer schon.

Ist das ein Grund, weshalb viele Altenpfleger schon nach wenigen Jahren ihren Beruf wieder aufgeben?
Ja, vielleicht macht es der Körper nicht mit, der Rücken. Das kann schon schnell passieren, wenn man die Hebung falsch umsetzt, die Betten nicht hochfährt und sich zu oft bückt. Oder es fehlt die Disziplin, das durchzuziehen.

Was braucht denn ein guter Altenpfleger?
Empathie und Geduld sind auf jeden Fall sehr wichtig. Und man muss dazu fähig sein, seinen inneren Schweinehund zu besiegen, wenn man Menschen – mit allem, was zum Leben dazugehört – so nahe kommt. Und die Wertschätzung ist das Wichtigste. Man muss immer den Menschen sehen und darf ihn nicht auf sein Leiden reduzieren.

Der tägliche Umgang mit Leid und Tod: Belastet Sie das?
Man muss lernen, sich davon zu distanzieren. Wenn es Bewohnern, die man mit der Zeit vielleicht auch sehr liebgewonnen hat, rapide schlechter geht, wenn man sieht, wie sie langsam abbauen – bis zur Sterbephase… Klar, das trifft mich schon. Aber ich nehme es nicht mit nach Hause.

In den kommenden Jahren soll die Zahl pflegebedürftiger Menschen in Deutschland rapide ansteigen. Bereiten Ihnen solche Meldungen Sorgen?
Es wird schwierig, alle unterzubringen. Schon jetzt sind die Wartelisten in den Heimen lang. Ich weiß nicht, wo das hinführen soll. Mit der Alterung der Bevölkerung steigt die Nachfrage nach professioneller Pflege, gleichzeitig sinkt das Arbeitskräftepotenzial. Da kommen schwere Zeiten auf uns zu.

von Anna Petersen