Freitag , 25. September 2020
Der 41 Jahre alte Angeklagte (r.) mit seinem Verteidiger Volker König vor Prozessstart in Saal 21 des Landgerichts. Er berichtete von dem Streit am Tatabend, an die Würge-Attacke aber könne er sich nicht erinnern. Foto: Hackenberg

Sie lieben und sie quälen sich

Lüneburg. „Ihre Aussage gefällt mir überhaupt nicht. Ich habe den Eindruck, dass Sie den Angeklagten in einem leidlich guten Bild darstellen wollen.“ Das hielt Franz Kompisch, Richter am Landgericht Lüneburg, einer 45-jährigen Uelzenerin vor, die ihren Lebensgefährten nach einer Würge-Attacke schwer belastet hatte. Oberstaatsanwalt Jochen Kaup wirft dem 41-Jährigen unter anderem versuchten Totschlag vor. Das Opfer allerdings wollte oder konnte sich gestern zum Prozess­auftakt nicht so recht an Details erinnern.

Dem Gericht präsentierte sich gestern die Geschichte eines Paares, dass sich seit fünf Jahren immer wieder streitet – vor allem, wenn Alkohol im Spiel ist. Die beiden lieben und quälen sich, er beleidigt sie, sie wirft mit Tellern und einem Aschenbecher nach ihm.

Eskalation am Abend

Die Eskalation gab es am 11. November 2017 nach 23.30 Uhr in der Uelzener Wohnung der Frau, die Anklage geht von folgender Geschichte aus: Das Paar verbrachte den Tag in einer Spielhalle, zusammen fuhren der Angeklagte aus dem Wrestedter Ortsteil Wieren und die Frau zur Wohnung. Beide saßen auf einer Matratze vor dem Fernseher und tranken weiter Alkohol, sie ging auch auf den Balkon, schrieb WhatsApp-Nachrichten, sie und er bekamen auch Anrufe. Es kam zu einem lautstarken Streit, wobei der 41-Jährige Morddrohungen ausstieß wie „Dreckiges Miststück, Du wirst jetzt sterben“ oder „Du kommst nicht mehr lebend aus der Wohnung“. Dann kniete er sich auf sie und würgte sie. Vom Lärm aufgeschreckt, kam der Sohn (20) der Frau hinzu, versetzte dem Mann einen harten Schlag ins Gesicht und einen Tritt in die Seite, sodass das Opfer zu einer Nachbarin fliehen konnte, die die Polizei alarmierte. Der Mann wartete in der Wohnung auf die Beamten. Durch das Eingreifen des Sohnes kam die Frau mit leichten Verletzungen davon, die laut einer Rechtsmedizinerin „nicht akut lebensgefährlich“ waren.

Der Angeklagte, der als Lagerarbeiter beschäftigt ist, beschrieb sich als äußerst eifersüchtig: „Sie sagte, sie hätte mit ihrer Schwester WhatsApp-Nachrichten geschrieben, das habe ich ihr nicht gelaubt.“ Er selbst sei bereits am Vortag „verärgert“ gewesen, habe sich betrunken: „Da hatte sie Geburtstag, sie wollte aber nicht mit mir, sondern mit Freundinnen feiern. Am nächsten Tag haben wir uns wieder versöhnt.“ Als dann am Tatabend auch er einen Anruf bekam und sie wissen wollte, wer denn das gewesen sei, kam es zu dem Streit, denn auch die 45-Jährige ist nach eigenen Angaben sehr eifersüchtig.

„Ich sehe noch, wie ich aufihr drauf saß,dann setzt derFilmriss ein.“  – Der Angeklagte

Der Angeklagte berief sich gestern auf Erinnerungslücken: „Ich sehe noch, wie ich auf ihr drauf saß, dann setzt der Filmriss ein.“ Und auch seine Freundin äußerte, sie wisse nicht mehr, was sie ihrer Nachbarin und der Polizei direkt nach der Tat erzählt habe. Beamte und Nachbarin allerdings machten gestern klar, dass die Frau ihnen vom Tathergang und den Todesdrohungen berichtet habe. Und der Sohn des Opfers bestätigte nicht nur, dass eine solche Drohung nicht nur gegen die Frau gerichtet war: „Als er im Hausflur von der Polizei abgeführt wurde, drohte er mir, dass er unsere ganze Familie umbringt, wenn ich was sage.“

Nach der Würge-Attacke hatte das Opfer eine einstweilige Anordnung erwirkt, dass der Mann ihre Wohnung nicht mehr betreten darf, sich nach ihrer Aussage aber zwei Wochen später wieder mit ihm versöhnt. Beide sind wieder ein Paar und beide erzählten den Richtern, dass sie seit November 2017 keinen Alkohol mehr getrunken haben – und beide nahmen diese Behauptung am ersten Prozesstag wieder zurück, das Gegenteil wurde belegt. Der Vorsitzende Richter deutete an, dass bei einem Urteil auch eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt in Betracht komme. Der psychiatrische Gutachter Dr. Frank Wegener jedenfalls empfahl eine Therapie: „Sonst könnte in Zukunft Ähnliches wieder passieren.“

von Rainer Schubert