Sonntag , 20. September 2020
Der Aldi-Markt an der Willy-Brandt-Straße. Über einem solchen Flachdachbau könnten Wohnungen entstehen, finden die Grünen. Schließlich ist die Nachfrage nach Wohnraum gerade im Zentrum Lüneburgs groß. (Foto: t&w)

Schlafen über dem Discounter

Lüneburg. Es kommt nicht häufig vor, dass sich die Grünen die Vermarktungsstrategien der Lebensmittel-Discounter zu eigen machen. In der jüngsten Ratssitzung aber war Fraktionschef Ulrich Blanck voll des Lobes für sogenannte „Wohn-Laden-Hybridbauten“, einem Konzept, mit dem Aldi an seinen Berliner Standorten zugleich Wohnungen bauen will. Der Antrag der Grünen, dies auch in Lüneburg zu forcieren, kam bei der Mehrheit im Rat gut an, daran konnten selbst rückwärtsfahrende, piepende Lastwagen nichts ändern, die von der Verwaltung als Argument ins Abstimmungsrennen geschickt wurden.

„Wir brauchen keinen Beschluss, um Briefe zu schreiben.“
Ulrich Mädge, Oberbürgermeister

„Ich sehe hier niemanden, der dort einziehen will“, sagte Oberbürgermeister Ulrich Mädge zum Antrag der Grünen und hatte dabei den Lärm verursachenden Lieferverkehr und entsprechende Anwohnerbeschwerden im Blick. Mit dem Antrag war die Verwaltung aufgefordert worden, gemeinsam mit den Discountern auszuloten, ob auch in Lüneburg die „Berliner Lösung“ umsetzbar ist. Dabei geht es darum, an künftigen Supermarkt­standorten den in Städten stets knappen Platz besser zu nutzen, indem Parkflächen in Tiefgaragen verlegt und Wohngeschosse über den Märkten entstehen. Blanck bezog sich dabei auf Pläne von Aldi-Nord, eingeschossige Märkte in Berlin durch „Hybridbauten“ zu ersetzen (LZ berichtete). Im Mittel entstünden so über jedem Supermarkt 150 Wohneinheiten, davon 30 Prozent Sozialwohnungen, führte Blanck aus.

150 Wohneinheiten pro Hybridstandort?

Dass dies in Lüneburg nicht von heute auf morgen gehe, sei klar, in Gesprächen aber hätte Aldi ihm gegenüber Interesse sig­nalisiert, dies auch in Lüneburg umzusetzen, sagte Blanck. Seinen Vorschlag, die Stadtbaurätin könnte doch mal „ein nettes Schreiben an die Discounter“ schicken, bürstete Mädge schroff ab: „Wir brauchen keinen Beschluss, um Briefe zu schreiben.“ Dies sei nicht die Zuständigkeit des Rates, „lassen Sie es bei den Leuten in den Fachverwaltungen“.

Stadtbaurätin Heike Gundermann hatte zuvor dargelegt, dass es bereits sechs Standorte in Lüneburg gebe, an denen Supermärkte und Wohnraum als Einheit entstanden sind, weitere seien in Planung. Vorstellungen der Grünen, wonach an einem Hybrid-Standort 150 Wohneinheiten entstehen könnten, seien für sie aber nicht nachvollziehbar: „Dies würde sechs- bis achtgeschossige Gebäude voraussetzen, es sei denn, man legt mehrere Märkte zusammen.“ Das aber könnte zu Lasten der wohnortnahen Versorgung gehen, an der sich das Lüneburger Einzelhandels-Entwicklungskonzept orientiere. Das Thema sei komplex, „aber wir sind dabei und brauchen nicht noch mehr Ermunterung“, sagte Gundermann.

Mit Lärm müsse man richtig umgehen

Den Sinn des Antrags vermochte auch Klaus-Dieter Salewski (SPD) nicht nachzuvollziehen: „Aus meiner Sicht ist das, was vorgeschlagen wird, tägliche Praxis.“ Er lehne den Antrag deshalb ab.
„Wir brauchen dringend Wohnraum und sollten alle proaktiven Lösungen suchen und auch umsetzen“, brachte Michèl Pauly (Die Linke) in Erinnerung. Nur weil etwas bereits gemacht werde, bedeute das nicht, nicht auch für den Antrag zu stimmen.

Für den Antrag sprach sich auch Birte Schellmann (FDP) aus: „Und wenn es am Ende nur ein einziger Standort ist, hat es sich gelohnt.“ Zu ihrem Vorschlag, auch über eine Änderung der Bebauungspläne nachzudenken, bemerkte der Oberbürgermeister: „Das wäre auch ein Eingriff in die Eigentumsverhältnisse der dort ansässigen Unternehmen.“ Zu dem von Mädge angemerkten Anlieferungslärm und piependen Lastwagen meinte Blanck, Geräusche seien nicht nur über, sondern auch gegenüber den Supermärkten zu vernehmen, mit Lärm müsse man nur richtig umgehen. „Letztlich weiß ich doch, wo ich dann hinziehe.“

Gegen die Stimmen von SPD und AfD wurde der Antrag mehrheitlich zur weiteren Behandlung in den Bauausschuss verwiesen.

Von Ulf Stüwe