Samstag , 31. Oktober 2020
Erste Versuche noch ohne Augenbinde: Drücken bedeutet vorwärts gehen, sobald ich die Hand von Sarah Eicke nicht mehr zwischen meinen Schulterblättern spüre, bleibe ich stehen. Foto: t&w

Wenn plötzlich alles schwarz ist

Lüneburg. Ich spüre einen leichten Druck zwischen meinen Schulterblättern. Er signalisiert mir, dass ich weitergehen kann. Vorsichtig taste ich mich vorwärts, S chritt für Schritt. Meine Hände greifen ins Nichts. In meinem unmittelbaren Umfeld scheint also kein Hindernis zu sein. Der Druck von Sarah Eickes Hand auf meinem Rücken lässt nach, ich bleibe stehen, spüre und höre, wie jemand an mir vorbeigeht. Weiter geht‘s. Wo wir uns wohl gerade befinden? Der Temperatur und dem Luftzug nach in einem Treppenhaus, in der Ferne höre ich gedämpfte Stimmen. Plötzlich wird es heller, ich schrecke zurück, widerstehe dem Drang, meine Augen zu öffnen. Ich erwische mich beim Gedanken: Zum Glück ist das nur ein Experiment, zum Glück kann ich sehen.

Eine andere Teilnehmerin des Workshops „Unsichtbarkeit erleben“ an der Lüneburger Universität formuliert es treffend: Sehen zu können, ist ein Privileg. Man schätzt diesen Sinn auf eine ganz andere Weise, wenn man eine Weile lang ohne ihn auskommen muss.

Workshop ermöglicht Perspektivwechsel

Niclas Schmidt hat den Workshop im Auftrag des Gleichstellungsbüros aus genau diesem Grund angeboten, er möchte anderen Menschen einen Perspektivwechsel ermöglichen. Äußerlich ist dem jungen Mann nicht anzusehen, dass er nur noch über einen rechnerischen Sehrest von zwei Prozent verfügt. Das hat er auch selbst jahrelang dazu genutzt, seine Sehschwäche zu verstecken. „Ich wollte es nicht wahrhaben“, sagt Schmidt, der so lange Skateboard und Fahrrad gefahren ist, bis er nur noch Unfälle baute. Auch in der Schule ließ er sich nichts anmerken – bis ihm eines Tages sein Biologielehrer sagte, dass er seine Klausur aufgrund der schlechten Lesbarkeit nicht mehr bewerten könne.

„Wenn Euch ein Blinder begegnet, ist es wichtig, dass Ihr ihn klar adressiert, Euch vor ihn stellt und fragt, ob Ihr helfen könnt.“ Am hilfreichsten sei die sogenannte sehende Begleitung, das Anbieten des eigenen Arms. „Man kann und sollte immer ein Angebot machen, ablehnen kann es derjenige ja jederzeit“, sagt Schmidt, der sich gern am Ellenbogen seines Helfers festhält und führen lässt. „Ich befinde mich so einen halben Schritt hinter der Person, kann jederzeit loslassen, wenn es mir zu viel wird.“

Workshop-Leiter Niclas Schmidt. Foto: t&w

Zurück zum Selbstversuch. Wir müssen uns verschiedenen Aufgaben stellen – ausgestattet mit einer völlig abdichtenden Augenbinde. Konnte man zuvor durch die Lider noch Helligkeit und Dunkelheit erahnen, ist plötzlich alles schwarz. Zunächst testen wir die sehende Begleitung im Gebäude 9, im Gang vor dem Seminarraum. Ich kann gleich nachvollziehen, was Niclas Schmidt meint. Das Gefühl, die Person durch das Festhalten an der Armbeuge vor mir zu wissen, ist wesentlich angenehmer als der Druck auf dem Rücken.

Die erste große Hürde ist die Treppe, vorsichtig taste ich mich heran. Sicher fühle ich mich durch den Handlauf, der mir mit einem Knick signalisiert, dass ich die Zwischenebene erreicht habe. Noch einmal die gleiche Menge an Stufen. Geschafft. Erstmal durchatmen. Was nun? Ich entscheide mich dafür, mit verbundenen Augen ein Geschenk für eine Freundin zu kaufen, die bald Geburtstag hat. Sie liebt skandinavische Thriller.

Schnell wird mir klar, wie schwer die Aufgabe ist. Wie finde ich mich in einem Buchladen zurecht? Woher soll ich wissen, welche Geschichte lesenswert klingt? Kann ich von einer Mitarbeiterin erwarten, dass sie mir sämtliche Buchrücken vorliest? Und: Ist ein Buchladen überhaupt ein Ort, den ein Blinder aufsuchen würde?

Der Buchkauf wird zum Abenteuer

Als hilfreich empfinde ich lediglich die Tatsache, dass ich mich auf dem Uni-Campus gut auskenne, doch die Ortskenntnis ist wenig hilfreich, wenn man nicht weiß, in welche Richtung man gehen muss. Permanent bin ich damit beschäftigt, Geräusche und die Beschaffenheit des Bodens mit vorhandenen Bildern in meinem Kopf zu verknüpfen.
Etwas hilflos klammere ich mich an Sarah Eicke, die mir in dem Workshop als Partnerin zugeteilt wird. Mit Anweisungen wie „Vorsicht, jetzt wird der Boden uneben“ warnt sie mich vor dem Kopfsteinpflaster. Ich versuche, nicht umzuknicken, einen Fuß direkt vor den anderen zu setzen, um bloß nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Später frage ich mich, wie das wohl ausgesehen haben muss. In dem Moment ist es mir egal.

Der Buchladen liegt nur etwa 50 Meter von Gebäude 9 entfernt, dennoch kommt mir die Strecke unendlich lang vor. Sarah Eicke geleitet mich hinein, bugsiert mich zu einem Regal mit Bestsellern. Sie darum zu bitten, mir einzelne Titel samt Autorenname vorzulesen, fällt mir schwer. Der Drang, die Augenbinde hochzuschieben und selbst einen Blick auf die Auswahl zu werfen, wird immer stärker. Wieder wird mir bewusst, wie viel ich eigentlich mit den Augen mache.

Blinde Menschen müssen ein ganz anderes Vertrauen in sich selbst und in andere haben. Sie müssen im Wortsinne blind darauf vertrauen, dass die ihnen angebotene Hilfe ernst gemeint ist. Das Geleiten über die Straße, Aufhalten einer Tür, das frühzeitige Hinweisen auf Hindernisse.

Die Sache mit dem Bezahlen

Mir wird dieser Vertrauensvorschuss beim Bezahlen meines Thrillers an der Kasse bewusst. Ich benötigte eine gefühlte Ewigkeit, mein Portemonnaie in meinem Beutel zu finden, kann Bons von Geldscheinen unterscheiden. Ich entscheide mich für den Test. „Hier sind 20 Euro“, sage ich zur Verkäuferin und halte ihr einen Schein hin, von dem ich gar nicht weiß, welchen Wert er hat. Die unterschiedlichen Riffelungen kenne ich nicht. „Das sind 10 Euro, haben Sie noch ein Zwei-Euro-Stück?“, fragt sie mich. Ich krame im Kleingeldfach, reiche etwas über den Tresen, was sich wie eine Zwei-Euro-Münze anfühlt. Sie drückt mir etwas Wechselgeld und einen Bon in die Hand, hilft, das Buch in der Tasche zu verstauen.

Ich verlasse den Laden mit einem guten Gefühl. Das habe ich auch noch, als sich meine Augen eine Stunde später wieder an die Helligkeit gewöhnt haben. Der 20-Euro-Schein ist noch im Portemonnaie, es fehlt tatsächlich nur ein Zehner. Übrigens: Letztlich habe ich meine Begleiterin entscheiden lassen, welches Buch ich kaufen soll. Ich habe ihr vertraut. Blind.

von Anna Paarmann