Donnerstag , 24. September 2020
Die Lüneburgerin Lena Starke kümmert sich um eine werdende Mutter. Die Beleghebamme sieht für ihre freiberuflichen Kolleginnen eine alarmierende Entwicklung. (Foto: t&w)

Keine Hilfe für die Geburtshilfe

Lüneburg. Wer eine schwere Geburt vermeiden will, sollte folgende zwei Aspekte unbedingt beachten: Die Ferien sind als Termin der Niederkunft ebenso ungeeignet wie ein Wohnort auf dem Land, denn Hebammen sind rar, Nachwuchskräfte zudem nicht in Sicht – und das könnte schlimme Folgen haben.

Schlechte Arbeitsbedingungen, nervenaufreibende Bürokratie und permanent steigende Kosten für die eigene Absicherung haben den Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren leergefegt. „Alles hat damit angefangen, dass die Prämien für die Haftpflichtversicherung immer weiter gestiegen sind“, erklärt Lena Starke, Mutter von vier Kindern und Beleghebamme am Krankenhaus Winsen, „da haben sich viele Kolleginnen neue Nischen wie Osteopathie und Akupunktur gesucht oder sich auch komplett umorientiert.“

Kampf gegen die Windmühlen des Gesundheitswesens

Mehr als verzehnfacht haben sich von 2002 bis 2017 die Gebühren für freiberuflich tätige Geburtshelferinnen – unabhängig von den zu betreuenden Frauen und den eigentlichen Schadensfällen. „Das ist ja gerade das Interessante an der Entwicklung“, sagt die Lüneburgerin, „wir zahlen immer mehr, obwohl das Risiko nachweislich gleich geblieben ist und lediglich die Kosten für schwere Schäden aufgrund der besseren medizinischen Versorgung und des rasanten Anstiegs der Schadensersatzansprüche gestiegen sind.“

Das ist aber nur ein Aspekt, den die 37-Jährige für die alarmierende Entwicklung verantwortlich macht. „Wir kämpfen seit Jahren gegen die Windmühlen des Gesundheitswesens, müssen ständig neue Steine aus dem Weg räumen – auch jetzt wieder.“ Seit dem 1. Januar 2018 sieht eine Neuregelung der Krankenkassen vor, dass eine freiberufliche Beleghebamme nur noch zwei Frauen gleichzeitig betreuen soll – eine dritte dann gar nicht mehr abrechnen darf.

Der bürokratische Aufwand wächst

„Welche Folgen das für die Praxis hat, kann man noch nicht sagen, aber allein der bürokratische Aufwand ist so weiter gestiegen.“ Zeit, die für die eigentlichen Aufgaben fehlt. Was die Gesundheitsversicherungen damit bezwecken, kann Lena Starke nur ahnen: „Ich vermute, dass die Geburtshilfe gebündelt wird, es künftig nur noch Geburtszentren in großen Kliniken geben soll. Das ist für die Hebammen zwar zeitsparend, weil die mitunter langen Wege für die Hausbesuche wegfallen – für die Frauen aber sicherlich keine große Hilfe. Besonders dann, wenn sie auf dem Land wohnen.“

Gerade auf den Dörfern sind junge Mütter auf Hausbesuche angewiesen, denn nicht alle haben ein Auto. Und mit einem Neugeborenen ist jede Fahrt ohnehin ein großer Aufwand – wenn dann noch Wochenbettleiden hinzukommen, eine wahre Zumutung. Katrin Schröder, Hebamme in Bleckede, rät Frauen deshalb, sich so früh wie möglich um eine Betreuung zu kümmern – was einige auch schon beherzigen: „Ich habe mittlerweile zunehmend Anrufe von werdenden Müttern, die gerade eben einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen halten.“

Dass Eile geboten ist, wird aber nicht allen bewusst: „Ich bekomme viele Anfragen und muss leider auch häufig ablehnen“, sagt die Bleckederin, „was 2018 betrifft, bin ich bis Juli bereits ausgebucht.“ Besonders in den Ferienzeiten sei es für die Frauen sehr schwierig, eine Betreuung zu bekommen, „denn viele meiner Kolleginnen sind selbst Mütter und kümmern sich dann um die eigenen Kinder.“

In den Ferien wird es schwierig

Von Problemen in der Ferienzeit hat auch Dr. Nils Onken, niedergelassener Kinderarzt aus Lüneburg, gehört. Ansonsten ist das Thema Hebammenmangel in seiner Praxis noch kein Diskussionspunkt: „Wir können bisher nicht feststellen, dass sich Frauen vermehrt an uns mit Fragestellungen wenden, die eigentlich in den Bereich der Vor- und Nachsorge fallen.“ Er räumt jedoch ein: „Wenn die Arbeitsbedingungen für Geburtshelferinnen weiter so unattraktiv bleiben, kann ich mir durchaus vorstellen, dass dieses künftig auf uns zukommen könnte.“

Vielerorts bieten Hebammen bereits Notfallsprechstunden an für werdende oder frischgebackene Mütter, die ohne Betreuung dastehen. Auch die Geburt selbst wird zunehmend ein Risiko, weiß Lena Starke: „In großen Kliniken ist nicht immer ein Kreißsaal frei, viele kleinere Häuser haben ihre Entbindungsstation geschlossen.“ Das kann skurrile Folgen haben: „Eine Frau hat schon ihr drittes Kind im Rettungswagen entbunden, da die Klinik Harburg keinen Kreißsaal mehr hat und der Weg nach Winsen zu weit wurde.“

Hintergrund

Zuwachs nur durch Klinik-Angestellte

So viele Kinder wie zuletzt 1982 kommen wieder in Deutschland zur Welt, gleichzeitig wird ihre Betreuung durch Hebammen immer schwieriger – ein fatales Missverhältnis. Zwar ist die Zahl der Geburtshelferinnen und Entbindungspfleger zwischen 2000 und 2015 von 16 000 auf 23 000 gestiegen, doch der Zuwachs geht ausschließlich auf festangestellte Hebammen der Kliniken zurück.

2015 arbeiteten insgesamt rund 13 000 Hebammen dort, nur knapp 2000 davon als Belegkräfte – Hebammen, die sich per Vertrag an eine Klinik binden. Laut Hebammenverband gibt es darüber hinaus derzeit rund 10 000 Frauen, die keine Entbindungen begleiten, aber Vorsorge und Wochenbettbetreuung anbieten. Gleichzeitig schließen immer mehr Kliniken ihre Entbindungsstation aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen Personalmangels: Gab es zu Beginn der 1990er-Jahre noch mehr als 1110 Krankenhäuser mit Kreißsaal, waren es 2015 nur noch 700. So wurden in Diepholz, einem der größten Kreise in Niedersachsen, in den vergangenen zehn Jahren alle drei Geburtsstationen geschlossen.

Von Ute Lühr