Dienstag , 22. September 2020
Die Universität geht mit ihrer Startwoche für Erstsemester, die mit einer zentralen Veranstaltung in St. Johannis eingeläutet wurde, einen individuellen Weg. Jetzt erntet das Präsidium Kritik von Studenten für den Ablauf Anfang Oktober. Foto: t&w

Enttäuschte Erwartungen

mm Lüneburg. In einem offenen Brief an das Leuphana-Präsidium kritisieren Studenten des ersten Semesters die Startwoche. Zum Studiumsbeginn sollten die rund 1500 Neuankömmlinge in einer Projektwoche praktische Lösungen für die Probleme alternder Gesellschaften entwickeln. Die Idee kam an. Allerdings stieß die Umsetzung auf Unmut. „Uns hat die Ausführung der Startwoche sehr enttäuscht“, schreiben die Verfasser. Tenor: Die Ausrichtung zu wirtschaftsorientiert, zu wenig Zeit zur Reflexion. Jetzt suchen sie das Gespräch mit der Uni-Leitung.

Die Protestler hätten sich neben der Projektarbeit mehr Zeit gewünscht, um Lüneburg und studentische Initiativen kennen zu lernen. „Nach vollen Programmtagen von über zehn Stunden hat dafür leider bei den meisten kaum die Energie gereicht“, bemängeln die Studenten in ihrem Brief. Durch den straffen Zeitplan habe es ebensowenig Raum für Reflexionen von Vorträgen gegeben. Das Thema der Startwoche, sich die Welt im Jahr 2099 vorzustellen, hätten sie als spannende He­rausforderung wahrgenommen. Doch die Erwartungen seien enttäuscht worden.

„Wir dachten, es ginge da­rum, wie 2099 eine faire Gesellschaft aussehen könnte und wie wir leben, arbeiten und wirtschaften werden und diese zukünftige Gesellschaft viele alte Menschen integrieren kann“, schreiben die Studenten. Allerdings hätten wirtschaftlich tragfähige Konzepte im Vordergrund gestanden. „Bei einigen von uns kam leider das Gefühl auf, bei einer Fortbildung für junge Unternehmer gelandet zu sein, statt an einer Universität, die kritische Köpfe hervorbringen soll.“ Vertreter eines Projektteams bemängeln: „Für unser Projekt sollten wir die Zielgruppe, Verkaufszahlen und Wachstumsprognosen ermitteln. Weder soziale noch ökologische Auswirkungen spielten bei den Kriterien für die ersten Plätze eine Rolle.“

Beim Wettbewerb gingen 105 Projektteams an den Start, die besten Ideen wurden prämiert. „Die Auswahlkriterien wurden im Vorfeld mit den Teilnehmern besprochen und umfassten Bewertungen in fünf gleichberechtigten Kategorien: Wirkung und Mehrwert, Kreativität und Innovation der Idee, Durchführbarkeit, finanzielle Plausibilität und Präsentation der Idee“, sagt Uni-Pressesprecher Henning Zühlsdorff. Aus Sicht der unzufriedenen Studenten führte der Wettbewerb dazu, dass manche Gruppen gegeneinander arbeiteten. Weniger Wettbewerb, dafür mehr Gemeinschaft hätten sie sich gewünscht.

Die Briefschreiber warben auf dem Uni-Campus um Unterstützung für ihr Anliegen, einen Dialog zwischen Uni-Führung und Studenten über die Gestaltung der Startwoche zu eröffnen. Dazu sammelten sie Unterschriften. Es gab 388 Unterzeichner aus dem ersten Semester, auch sechs Tutoren der Startwochenteams setzten ihre Namen auf die Liste.

Die Studentenvertretung, der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA), begrüßt den Vorstoß: „Studenten sollen Mitsprache üben und ihr Studium so gestalten können, wie sie es möchten“, sagt AStA-Sprecherin Kristina Heller. Der AStA sieht sich als kritischer Begleiter der Hochschulentwicklung. „Wir beobachten mit Wohlwollen, dass es auch kritische Regungen aus der Studentenschaft heraus gibt. Für uns ist das Protestschreiben und die Unterschriftenaktion ein deutliches Zeichen an die Uni-Leitung, dass die Studenten aus Eigenantrieb mobilisieren.“

Die Verfasser des Schreibens sahen sich nicht dazu legitimiert, Sprachrohr der Studentenschaft zu sein. Deshalb ließen sie im Studierendenparlament über ihr Anliegen abstimmen. Ihrer Forderung, die Studenten stärker in die Planung der Startwoche miteinzubeziehen, schlossen sich die 17 Delegierten bei der Sitzung am Mittwochnachmittag einstimmig an. Die Antragsteller wurden autorisiert in Zusammenarbeit mit dem AStA und anderen Studenten in Verhandlung mit dem Uni-Präsidium zu treten. Derweil wurde von dieser Seite Gesprächsbereitschaft signalisiert.