Sonntag , 20. September 2020
Ingrid Henker schließt ihren Laden Das Buch zum Ende des Monats. Die Konkurrenz durch das Internet sei zu groß gewesen, sagt sie. Einen Teil des Sortiments räumt sie aus den Regalen und schickt es an die Verlage zurück. Foto: ca

Das letzte Kapitel

ca Lüneburg. Einige Regale sind leer, in einer Ecke stapeln sich Bücher auf dem Boden, und auf all das schaut Ingrid Henker mit traurigem Blick: Sie schließt ihren Laden Das Buch zum 30. September. „Es hat am Ende nicht gereicht“, sagt sie. Die Lüneburgerin hat einen Insolvenzantrag gestellt, um alles abzuwickeln. Kosten und Einnahmen passten nicht mehr zusammen. Eine Zukunft gibt es nicht, Insolvenzverwalter Thomas Becker hat keinen Nachfolger für das kleine Geschäft an der Roten Straße gefunden.

In einem Grund für das Ende sind sich Verwalter und Chefin einig: Bestellungen im Internet sind eine massive Konkurrenz für den stationären Buchhandel. In der Innenstadt bleiben nun noch zwei klassische Buchhandlungen übrig, denn bekanntlich hat vor Monaten auch das Traditionshaus Perl an der Bäckerstraße seine Türen geschlossen.

Auch für die Kolleginen von Bücher am Lambertiplatz ist es kein einfaches Geschäft. Andrea Westerkamp-Stützel und Annette Matthaei betreiben ihr Geschäft seit drei Jahren. Sie hoffen, dass nach dem Weihnachtsgeschäft zum ersten Mal so viel übrigbleibt, dass sie einen Gewinn einstreichen. Sie müssen genau rechnen, damit es sich rechnet. „Eine Putzfrau haben wir nicht“, sagt Annette Matthaei. „Das erledigen wir selber.“ Zudem steuern Mitbringsel wie Eislöffel oder Kuchenformen einen Teil des Umsatzes bei, da sei die Verdienstspanne deutlich höher als beim Buch. Ihr Sortiment prüfen die Frauen immer wieder; was nicht läuft, geht schnell zurück an die Verlage: „Totes Kapital.“

Die Präsentation sei ein wichtiges Stichwort. Krimis stehen am Eingang, dazu bieten die Geschäftsfrauen ein breites Sortiment an Kinderbüchern an. Bei Sachbüchern halten sie sich zurück, nur was aktuell sei, werde von Kunden nachgefragt. Beratung und persönliche Ansprache seien das A und O, erzählen die beiden. Stammkunden schätzen den Service. Und so gebe es einige, die neben dem Besuch im Laden auch die Bestellung per E-Mail nutzen, das Buch dann aber im Laden abholen. Was auch locke, seien beispielsweise Abende, an denen Neuerscheinungen vorgestellt werden oder Autoren zu Gast sind.

Wer am Lambertiplatz kauft, der muss gezielt dort hingehen, Laufkundschaft wie an den Hauptmeilen ist selten. Die beiden Bücherfrauen wissen jedoch um die nicht einfachen Standortbedingungen und machen aus der Not eine Tugend. Andrea Westerkamp-Stützel sagt: „Wir haben uns 14 Objekte angeschaut, bevor wir hierher gegangen sind.“ Die Innenstadtlagen seien alle so teuer, „die konnten wir uns nicht leisten“.

Mittendrin liegt Lünebuch. Jan Orthey betreibt sein Geschäft über mehrere Etagen am Markt, beschäftigt 33 Mitarbeiter. Er engagiert sich über die Grenzen Lüneburgs hinaus im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Nach Jahren des Umsatzrückgangs spüre die Branche nun wieder Rückenwind. Um rund zwei Prozent sei das Geschäft im Vergleich zum Vorjahr gewachsen, und das Weihnachtsgeschäft stehe noch bevor.

Wie auch seine Mitbewerberinnen vom Lambertiplatz setzt er auf Aktionen wie Leseabende. Darüber hinaus veranstaltet Orthey das Krimi-Festival, zu dem Autoren von Weltrang an die Ilmenau kommen. Auch an der Jugendbuchwoche arbeitet Lünebuch aktiv mit.

All das sei aber nur ein Teil im Konzert der Aktivitäten rund um das Leseglück. „Das Internet ist kein Problem, sondern eine Herausforderung“, sagt Orthey. Natürlich sei man im Netz vertreten, natürlich könne man dort bestellen. Das sei Standard. Doch nur auf Gedrucktes zu setzen, reiche nicht mehr, Hörbücher oder E-Books gehören zum Sortiment.

Auch Orthey setzt auf einen Appell an die Kunden. Das Bestellen bei riesigen Internet-Dienstleistern wie Amazon habe eine Kehrseite. Denn wer lokale Händler nicht unterstütze, laufe im Zweifel irgendwann durch „Geisterstädte“ ohne die vielen kleinen Geschäfte, die eine Stadt prägen. Da habe es bei Kunden einen Bewusstseinswandel gegeben, der erkläre auch den steigenden Umsatz.

Einen leichten Wandel zum Besseren hatte auch Ingrid Henker in den vergangenen Monaten gespürt. Doch es reichte nicht. „Wir haben die Reißleine gezogen“, sagt sie. Der Abschied von ihren Stammkunden falle ihr nicht leicht: „Aber es hilft nichts. Ende des Monats schließen wir.“