Dienstag , 20. Oktober 2020
Dr. Klaus Bergmann, Vorsitzender der Universitätsgesellschaft, sieht die Institution als Brücke zwischen Stadt und Uni. Foto: be

„Es gibt ein Kommunikationsproblem“

mm Lüneburg. Die Leuphana Universität feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Dass die Uni aus der Taufe gehoben werden konnte, dafür setzte sich auch die Universitätsgesellschaft ein, sie wurde zu diesem Zwecke gegründet. Nun, 25 Jahre später, hat die Universität schon eine Neuausrichtung erfahren. Das kann sich Dr. Klaus Bergmann auch für die Gesellschaft vorstellen. Der Vorsitzende möchte die öffentliche Wahrnehmung stärken, die Gesellschaft könne eine Brücke zwischen Stadt und Uni bilden. Seine Leitlinie soll jetzt bei einem Vorstands-Gespräch diskutiert werden. Sie ist nicht unumstritten. Im LZ-Interview erklärt Dr. Klaus Bergmann, wie er sich ein künftiges Engagement der Gesellschaft vorstellt.

Welchen Zweck erfüllt die Universitätsgesellschaft?

Dr. Bergmann: Die Universitätsgesellschaft wurde gegründet, weil sich engagierte Bürger für eine Universität am Standort Lüneburg eingesetzt haben. Sie hatten Erfolg vor 25 Jahren wurde die Hochschule in den Rang einer Universität gehoben. Heute versteht sich die Gesellschaft als Mittlerin zwischen der Universität, Lüneburger Bürgern, Initiativen, der Verwaltung und der Wirtschaft hier in der Region. Wir sind auch eine Art Förderverein, über Mitgliedsbeiträge unterstützen wir zum Beispiel hilfsbedürftige Studenten oder wissenschaftliche Mitarbeiter.

Jedoch sind die Mitgliederzahlen rückläufig, die öffentliche Wahrnehmung ist gering. Was muss sich verändern?

Dr. Bergmann: Wir stehen an einem Punkt, an dem wir uns neu orientieren müssen. Ziel ist es, eine inhaltliche Brücke zwischen Universität und Region zu spannen. Das Leitbild der Uni, die Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts mitzuprägen, bezieht sich nicht zuletzt auch auf die Region. Dafür müssen die Akteure an der Uni gehört werden und Bürger, Initiativen, Verwaltung und Wirtschaft gleichzeitig die Chance zu einem Dialog auf Augenhöhe bekommen.

Warum ist das bisher noch nicht richtig gelungen?

Dr. Bergmann: Dafür sehe ich zwei Gründe. Auf der einen Seite gibt es ein Kommunikationsproblem. Eigentlich sind genügend Angebote auch zu mehr Bürgerpartizipation an der Uni vorhanden, nur die Bürger erfahren zu wenig davon beziehungsweise nehmen diese kaum wahr. Zum anderen ist die Kluft zwischen Bürgern und Universität noch sehr groß, die muss überwunden werden.

Die Kluft kann auch der Bau des neuen Zentralgebäudes nicht schließen eher das Gegenteil ist der Fall…

Dr. Bergmann: … in der Tat treten im Zusammenhang mit dem Bau viele Missverständnisse zu Tage. Das führt zu einem negativen Image, wie es oft bei öffentlichen Bauvorhaben der Fall ist. Ich denke in 10 bis 15 Jahren werden sich die Lüneburger aber über ein tolles Momentum freuen. Die Uni hat den Ansporn aus dem klassischen wissenschaftlichen Kontext herauszubrechen, das Zentralgebäude ist ein Ausdruck dafür. Im Übrigen war der Gebäudeneubau ein Auftrag der Politik. Die Leuphana sollte zur Modell-Uni im Bologna-Prozess werden.

Rechtfertigt das die hohen Kosten?

Dr. Bergmann: Oft wird argumentiert, weniger Kosten kämen Forschung und Lehre zu Gute. Das ist in gewisser Hinsicht ein Trugschluss. Tatsächlich würden Einsparungen im Gebäudeetat an anderer Stelle in Beton verbaut werden dann aber eben nicht an der Leuphana. Lüneburg beansprucht aus dem niedersächsischen Etat für Hochschulen in zehn Jahren nominell ein Prozent, stellt aber ungefähr fünf Prozent der Studenten in Niedersachsen. Die Leuphana spielt hier in der gleichen Liga wie die Uni Oldenburg, dort stehen allerdings deutlich mehr Mittel für Mitarbeiter und Gebäude zur Verfügung.

Viel Geld hält auch der Innovationsinkubator an der Uni bereit. Oft wird kritisiert, das Geld würde nicht zweckmäßig eingesetzt. Teilen Sie diese Auffassung?

Dr. Bergmann: Häufig wird kritisiert, der Innovationsinkubator sei undurchschaubar, die Verwendung der Gelder nicht transparent genug. Tatsächlich passiert bei der Verknüpfung von Universität und regionaler Wirtschaft aber sehr viel. Ich sehe den Inkubator nicht negativ. An einigen Stellen ist Kritik angebracht, im Hinblick auf das Gesamtpaket ist sie aber nicht angemessen.

Und wie kann die Lücke zwischen Bürgern und Uni nun geschlossen werden?

Dr. Bergmann: Es gibt ein signifikantes Interesse auf beiden Seiten für das Thema Nachhaltigkeit. Die entsprechende Fakultät hat einen hervorragenden Ruf auch international. Das übergeordnete Thema Nachhaltigkeit begegnet in Lüneburg allen Studierenden und Wissenschaftlern, auch in den Fakultäten Bildung, Kulturwissenschaften und Wirtschaft. Für die Stadtverwaltung ist sie ein wichtiges Zukunftsthema. In Lüneburg gibt es eine organisierte Zivilgesellschaft mit etwa 250 Gruppen, unter denen viele das Thema Nachhaltigkeit aufgreifen, unter anderem in den Bereichen Energie, Ernährung, Mobilität, Bildung, Wohnen oder auch Kultur- und Kunstvermittlung. Nun geht es darum zusammenzubringen, was zusammengehört. In Kooperation zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Verwaltung und Wirtschaft kann hier eine besondere, eine bürgergerechte Zukunftsregion entstehen. In Deutschland gibt es nur wenige Orte mit so guten Voraussetzungen.

Welchen Beitrag will Ihre Gesellschaft konkret leisten?

Dr. Bergmann: Wir wollen den Dialog fördern. Es geht darum, was im Zusammenspiel von Universität und Stadt geschaffen werden kann. Dafür organisiert die Uni-Gesellschaft mit Beginn des Wintersemesters eine Veranstaltungsreihe. Heimische Wissenschaftler werden Vorträge halten. Der Unterschied zu anderen Formaten wird ein roter Faden sein, der sich durch die Reihe zieht. Wir sehen eine dichte Taktung der Vorträge vor. Kontinuiät im Dialog ist wichtiger als ab und zu eine größere Veranstaltung. Die Vorträge richten sich an engagierte Bürger, Studierende, junge Familien, Initiativen und Institutionen. Jeder ist ein gern gesehener Gast. Wir suchen für jeden Vortrag eine entsprechende Partnerinitiative oder Institution.

Uni-Gesellschaft in Zahlen
Die Universitätsgesellschaft hat aktuell 131 persönliche und 28 korporative Mitglieder. Für Projektförderungen wurden im vergangenen Jahr rund 8600 Euro (Vorjahr 24 000 Euro) aufgewendet. Es gab 25 Anträge auf Förderung, von denen wurden elf bewilligt. Betragsmäßig bewegten sich die Förderungen zwischen 179 und 1200 Euro. Gefördert werden zukünftig hauptsächlich Projekte, die vor Ort wahrnehmbar sind. Das können Forschungsprojekte, akademische Veranstaltungen, Publikationen (Druckkostenzuschüsse zu Dissertationen, Diplomarbeiten etc.), Aufenthalte von Gastwissenschaftlern und ausländischen Studenten sein. Besonders geschätzt werden Arbeiten und Aktionen mit Handlungsbezug in der Region. Den Vorsitz der Uni-Gesellschaft hat seit März 2013 Dr. Klaus Bergmann inne.