Dienstag , 29. September 2020
Autofahrer und Radler kommen sich häufiger in die Quere. Folge sind dabei oft verbale, manchmal auch handgreifliche Auseinandersetzungen. Polizeihauptkommissar Uwe Schröder fordert mehr Toleranz von den Verkehrsteilnehmern. Foto: A./kwl

Der Egoismus gibt Gas

rast Lüneburg. Sie fahren dicht auf, bremsen andere aus, schneiden, überholen rechts, zeigen obszöne Gesten. Aggressive Autofahrer und Radler geben sich da in Lüneburg nichts. Trauriger Höhepunkt war gestern der Vorfall im Mittelfeld, bei dem ein Rentner schwer verletzt wurde (siehe oben). Aber auch ein Beispiel von Montag zeigt das, als sich laut Polizei ein Audi-Fahrer bei Deutsch Evern nicht von einem Biker überholen lassen wollte es kam zu einer Berührung, der Kradfahrer stürzte und verletzte sich. Auch zwischen Radlern und Fußgängern fallen häufiger laute Worte. So beschwerte sich eine Urlauberin darüber, dass sie in Lüneburg dreimal fast von Radlern „umgenietet“ worden sei (LZ berichtete). Als Grund für die zunehmenden Aggressionen auf den Straßen sieht Polizeihauptkommissar Uwe Schröder ,,egoistisches Verhalten“.

Schröder ist Verkehrssicherheitsberater der Polizei, er geht davon aus, dass ,,die Toleranz bei vielen abhanden gekommen ist“ und Rücksicht für sie ein Fremdwort sei. Statt zunächst den Fehler bei sich selbst zu suchen, werde der andere verantwortlich gemacht: „Und dann eskalierts irgendwann.“ Den Grund für die Aggressionen sieht er tiefer liegend: „Es ist die schnelllebige Gesellschaft“, viele würden zum Beispiel zu Terminen hetzen: „Sie starten auf den letzten Drücker, statt früher loszufahren. Die Ruhe und Sachlichkeit fehlt ihnen.“

Der Polizeihauptkommissar ist in der Inspektion auch für die Schulwegsicherung zuständig, er weiß: „Für gestresste Eltern, die ihre Kinder zur Schule bringen, heißt es oft nur ,schnell, schnell, schnell.“ Diese Mentalität färbe auf die Kinder ab. Egoistisches Verhalten, mangelnde Toleranz und fehlende Ruhe sieht Schröder „schon bei den Kleinsten“ auch bei den Radfahrprüfungen, die er in den Schulen abnimmt: „Viele aus den 4. Klassen sind durchgefallen.“ Das sei vor Jahren noch anders gewesen. Sind die Radler dann älter, gefährden sich viele von ihnen selbst: „Siehe die ganzen Verstöße an den roten Ampeln.“ Laut Verkehrsunfallstatistik ist im Bereich der Polizeiinspektion Lüneburg etwa jeder fünfte Schwerverletzte ein Radler, obwohl sie nur ein Siebtel aller Verkehrsteilnehmer stellen.

Der Hauptkommissar hat ein einfaches Rezept, wie Konfrontationen im Verkehr vermieden werden können: ,,Sich zurücknehmen.“ Wer sich ins Auto oder aufs Zweirad setzt, sollte rechtzeitig, also mit Zeitpuffer, losfahren, sich Termine nicht zu eng legen. Das Navigationsgerät sollte vor der Fahrt programmiert werden, und während der Fahrt sorgt Musik für Entspannung. Lautstarke Diskussionen mit Mitfahrern sollten vermieden, das Handy ausgestellt werden. Sollten andere Verkehrsteilnehmer aggressiv agieren oder reagieren, hupen und gestikulieren, hat Schröder folgenden Tipp: ,,Ruhig bleiben, niemand meint Sie persönlich, also nehmen Sie es nicht persönlich.“ Schon ein Lächeln könne als Entschuldigung für das eigene Fehlverhalten verstanden, eine Eskalation so vermieden werden.