Mittwoch , 28. Oktober 2020
Seit 2006 ist Sascha Spoun Präsident der Leuphana. Unter seiner Ägide richtete sich die Hochschule neu aus. Dass der Schritt erfolgreich war, sieht er unter anderem im guten Betreuungsverhältnis bestätigt. Foto: mm

„Bei Qualität im oberen Drittel“

mm Lüneburg. An der Technischen Universität Dortmund kümmert sich ein Professor um 103 Studenten, an der Uni Flensburg um 70, in Göttingen buhlen 50 Studenten um die Gunst eines Lehrenden das geht aus einer Analyse der „Zeit“ hervor. Demnach liegt das Betreuungsverhältnis im Bundesdurchschnitt bei 1:64, rechnet man private und stark spezialisierte Unis heraus, sogar bei 1:70. Davon weit entfernt ist die Leuphana im positiven Sinn. Auf einen Professor kommen 45 Studenten, nur die Uni Lübeck steht mit einer Quote von 1:34 noch besser da. Was die Lüneburger Uni für Professoren interessant macht, wie die gute Betreuungssituation zustande kam und welche Ziele die Hochschule verfolgt, erläutert Präsident Sascha Spoun im LZ-Gespräch.

An der Leuphana herrscht für Studenten im Vergleich zu anderen Unis ein recht komfortables Betreuungsverhältnis. Wie kommt es dazu?
Sascha Spoun: Einerseits ist da unser Universitäts- und Studienmodell zu nennen. Mit unserem Konzept der Schools (Anm. d. Red.: College, Graduate und Professional School) und einer relativ großen Zahl an Professuren orientieren wir uns an angelsächsischen Vorbildern, bei denen es generell eine gute Betreuungsrelation gibt. Außerdem finanzieren wir aktuell nicht wenige Professorenstellen aus Drittmitteln und Studienbeiträgen. Unser Ziel war immer, ein besonderes Lehrangebot zu haben. Dazu gehören neben der guten Betreuung durch Professoren auch besondere Lehr- und Lernformate.

Welchen Anteil daran hat das Leuphana-Modell?
Spoun: Unser Studienmodell hat uns in Deutschland eine besondere Position verschafft. Wie beim angelsächsischen College-Modell gibt es ein Kerncurriculum, zu dem bei uns das Leuphana Semester und das Komplementärstudium zählen. Zudem besteht jeder Studiengang aus einem Haupt- und Nebenfach, dem Major und Minor. Daraus ergeben sich viele Kombinationsmöglichkeiten. Den Bedürfnissen der Studenten kommt das entgegen. Unser breit angelegtes, stark interdisziplinär ausgerichtetes Modell bietet ihnen zeitgemäße Antworten auf die aktuellen Fragen der Zivilgesellschaft. Den Erfolg zeigen auch über 10000 Bewerbungen auf 1500 Studienplätze im Wintersemester.

Ist der Gedanke, unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen miteinander zu verzahnen, auch für Lehrende reizvoll?
Spoun: Davon können Sie ausgehen. Viele wissenschaftliche Innovationen entstehen dadurch, dass Grenzen einzelner Disziplinen überschritten werden. Ein typisches Beispiel ist das Thema Nachhaltigkeit, das eine Perspektive über unterschiedliche Disziplinen hinweg verlangt. Ähnlich ist es bei den digitalen Medien, Fragen der Informatik und Medienwissenschaft, aber auch aus der Philosophie und Erkenntnistheorie spielen dort eine Rolle. Das gleiche gilt auch für den Gesundheitsbereich: Da geht es nicht nur um Fragen der medizinischen Behandlung, sondern auch darum, wie ein Gesamtsystem aussieht, das ein gesundes Leben ermöglicht.

Wohin soll der Weg gehen?
Spoun: Ein wichtiger Schritt wird für uns eine noch größere Diversität auf dem Campus sein. Dabei denke ich zum Beispiel an ausländische Studenten oder solche mit Auslandserfahrung. Dafür brauchen wir eine größere Zahl an englischsprachigen Lehrveranstaltungen. Außerdem wollen wir die Qualität weiter verbessern. Dabei hilft uns zum Beispiel die Lehrveranstaltungsevaluation. Sie zeigt, was man noch besser machen kann. Als erste Hochschule in Niedersachen streben wir außerdem die Systemakkreditierung an. Auch das wird uns helfen, Qualitätssicherung systematisch und selbstverantwortlich zu gestalten.

Wie grenzt sich die Uni mit ihrem Modell von anderen Hochschulen ab?
Spoun: Es gibt eine große Gruppe von Traditionsuniversitäten, die zu jedem Fach eine große Fakultät vorhalten können. Das hat mit deren Geschichte und ihrer materiellen Ausstattung zu tun. Wir sehen unsere Stärke darin, im Grenzbereich der Disziplinen zu arbeiten und an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis. Dazu schaffen wir Verbünde mit Partnern in der Region und auch auf internationaler Ebene. So können wir ein sehr spezifisches Profil entwickeln.

Kehrt die Leuphana der Massenuniversität den Rücken und verkörpert stattdessen eine Hochschule neuen Typs?
Spoun: Das kann man eindeutig mit Ja beantworten. Die Leuphana steht für Profil und Qualität.

Welche Lehreinheit sehen Sie am Besten aufgestellt und wo gibt es Luft nach oben?
Spoun: Die Lehreinheiten sind in einer sehr dynamischen Entwicklung und befruchten sich gegenseitig. Nehmen wir die Umweltwissenschaften: Im Hinblick auf Interdisziplinarität ist man hier sehr weit. Oder betrachten Sie das neue Lehrangebot Digital Media, das komplett in englischer Sprache stattfindet. Die Umweltwissenschaftler wollen sich daran orientieren und ab Herbst 2015 ebenfalls einen Teil der Lehrveranstaltungen in englischer Sprache anbieten. Unser Studienmodell fördert das gegenseitige Lernen. In den Wirtschaftswissenschaften wird es ab Herbst ein Lehrangebot geben, das sich konzeptionell mit den kritischen Entwicklungen in der Wirtschaft auseinandersetzt. Da geht es nicht mehr nur um traditionelle Wirtschaftswissenschaft, sondern auch um Fragen etwa der Ethik oder des Allgemeinwohls.

Bedeutet eine Verstärkung des englischsprachigen Angebots eine große Umstellung für Ihre Lehrenden?
Spoun: Das ist natürlich eine Herausforderung, wenn man es über Jahre gewohnt ist, in Deutsch zu lehren. Wir helfen mit Unterstützungsangeboten. Einer unserer Professoren entwickelt zum Beispiel gerade mit britischen Kollegen ein Modul, das auch bei uns umgesetzt werden kann. Wir befinden uns hier in einem Entwicklungsprozess, der darauf abzielt, die Universität international attraktiver zu machen. Die Universität kann so zu einem internationalen Drehkreuz werden, von dem auch die Region Lüneburg profitieren kann.

Auf einer Skala von 1 bis 10, 10 ist sehr gut, wo steht die Leuphana mit ihrem Lehrangebot?
Spoun (lacht): Es gibt insgesamt eine aufsteigende Tendenz. Betrachtet man verschiedene Indikatoren, würde ich uns etwa beim Betreuungsverhältnis oder bei der Qualität des Lehrangebotes im oberen Drittel sehen.

 

Ein Professor für 45 Studenten

Die Betreuungsrelation von 1:45 zwischen Professoren und Studenten ergibt sich aus einer Publikation des Statistischen Bundesamtes, die sich auf Zahlen von 2012 bezieht. Da kamen an der Leuphana auf 174 Professuren knapp 7800 Studenten. Die zugrunde liegende Zahl der Professoren schließt sowohl ordentliche Professuren als auch Junior- und drittmittelfinanzierte Professuren ein. Für Forschung und Lehre steht der als Stiftung organisierten Hochschule eine dauerhafte Finanzhilfe des Landes zur Verfügung, die liegt derzeit bei 52,3 Millionen Euro. Hinzu kommen unter anderem Drittmittel (rund 27 Millionen Euro) und Studienbeiträge (rund 6 Millionen Euro), die nach dem Wegfall der Studiengebühr zum nächsten Wintersemester vom Land durch Studienqualitätsmittel kompensiert werden.