Samstag , 26. September 2020
Kutscher Jens Bußmann will in die Saison starten. Wenn alles läuft wie geplant, möchte er sogar im Winter Touren anbieten: Die weihnachtlichen Giebel im Licht wären eine schöne Kulisse für Ausfahrten. Foto: t&w

Kutscher testet Tour mit ,,Mädels“ + + + Mit LZplay-Video

ca Lüneburg. Die Äbtissin kommt zur Begrüßung in den Innenhof des Lüner Klosters. Reinhild von der Goltz hat das romantische Klappern der Hufe auf dem Pflaster gehört. Das uralte Gemäuer soll eines der Ziele von Jens Bußmann werden. Wenn alles gut läuft, will er Mitte März seinen Kutschenbetrieb aufnehmen. Das Kloster ist ein attraktiver Halt: Seine Gäste könnten im Café auf Kaffee und Kuchen einkehren, die beiden holländischen Friesenstuten Zara und Weitzke würden derweil eine Verschnaufpause einlegen. Äbtissin und Kutscher schütteln sich die Hände, sie sind sich einig: Ein paar Details gilt es noch zu klären, auch mit der Stadt.

Denn im Rathaus steht man den Plänen des 42-Jährigen zwar positiv gegenüber, doch noch hat er keine Genehmigung für seinen Betrieb. Wie berichtet, will Bußmann neben den bestehenden Kutschfahrten von Andreas Gensch ebenfalls mit Pferd und Wagen aufbrechen. In seinen postgelben Wagen ,,passt eine Fußballmannschaft, und wenn er nicht zu breit ist, noch ein Ersatzmann“, sagt Bußmann und lacht. Er möchte drei Linien anbieten, sie sollen ins Wasserviertel, zum Sand und in die Altstadt rund um Michaelis führen. Ob er alle drei Routen täglich fahren kann, ist noch nicht klar: „Das müssen wir mit dem Tierschutz klären.“ Denn überanstrengen will er seine beiden Stuten nicht. Beginnen sollen die Ausfahrten morgens um 10 Uhr, gegen 16, 17 Uhr will er zurück zum Stall.

Die Pferde sind Anstrengungen gewohnt. Die zehn und elf Jahre alten „Mädels“ kommen aus Wernigerode der Harz mit seinen Steigungen fordert den Zugtieren mehr ab, als die paar Meter Höhenunterschied zwischen Auf dem Meere und dem Rathaus.

Derzeit üben Pferde und Kutscher. Bußmann war zuvor auf dem weitgehend autofreien Eiland Juist unterwegs. Der „Liebe wegen“ kam er an die Ilmenau und baut sich eine neue Existenz auf. „Hier zu fahren, ist natürlich anders als auf der Insel“, sagt er. Der Autoverkehr nimmt nicht immer Rücksicht auf das 1,80 Meter breite zuckelnde Gefährt, das so teuer ist wie ein Mittelklassewagen. Auf der Tour zum Kloster überholt mancher Fahrer auf der Erbstorfer Landstraße rasant und knapp. Doch daran sind Mensch und Tier inzwischen gewöhnt.

Bußmann sitzt rechts wie in einem englischen Auto, um die Kutsche zu lenken. Das sei seit napoleonischer Zeit so, erklärt er. Die Zügel hält er links. Warum, das erklärt er mit einem Lächeln: „Da hatte der Kutscher die rechte Hand frei, um mit dem Zylinder oder der Melone zu grüßen.“

Die gemächliche Fahrt endet an einem Stall in der Nähe des Klosters. Dort stehen die Tiere auf einer Weide, idyllische Ruhe im Vergleich zum Sound der Stadt. Kraftfutter, Heu, frisches Gras, es scheint den beiden Damen zu gefallen. Bald sehen sie noch schmucker aus, sie verlieren ihr Winterfell. In neuem Kleid will das Duo mit Bußmann in den Frühling starten.

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