Dienstag , 22. September 2020
Altes Blech neu aufpoliert: (v.l.) Nathaniel Ranzinger, Robin Koch, Pascal Villain und Erik Timendorfer begeistern sich für die Simson-Schwalbe aus der ehemaligen DDR. Fotos: t&w

Die Lüneburger Schwalbenkönige

mm Lüneburg. Die vier Freunde verbindet eine gemeinsame Leidenschaft: Moped fahren. „Aber nicht diese neumodischen Plastikroller“, wie sie sagen – eine Simson-Schwalbe muss es sein für Pascal Villain, Nathaniel Ranzinger, Robin Koch und Erik Timendorfer. Das Kult-Moped aus der DDR erlebt gerade eine Renaissance. Umso trauriger war es für Villain, seine Simson ziehen lassen zu müssen. Er machte einen Motorradführerschein, dafür verkaufte er sein treues Gefährt. Den Abschiedsschmerz verarbeiteten Villain und seine Kumpels in einem selbstgedrehten Roadmovie – zu sehen auf dem Online-Videoportal Youtube.

Inspirieren ließ sich das Quartett für seinen Kurzfilm von Roadmovie-Klassikern wie dem US-amerikanischen Kassenschlager Easy Rider. Statt über ellenlange Highways geht es für die Schwalbe-Fahrer jedoch durch die engen Altstadtgassen Lüneburgs, über Landstraßen und huckelige Feldwege in der Umgebung. „Wir wollten die Schönheit der Stadt und der Region festhalten und gleichzeitig das glanzvolle Blech unserer Maschinen präsentieren“, sagt Villain. 50 Stunden Arbeit hätten sie in ihr Filmprojekt investiert.

Herausgekommen sind elf Minuten. Der Kurzfilm transportiert auch die Solidarität und Verbundenheit unter Schwalbe-Fahrern. „Die Gemeinschaft wächst“, erklärt Pascal Villain. Er und seine Kumpels lernten sich über das Internetforum www.schwalbennest.de kennen und verabredeten sich zu gemeinsamen Touren. Um die zehn Lüneburger seien derzeit in dem Forum aktiv.

Das Schöne daran, Schwalbe zu fahren, sei auch, dass man oft mit anderen, für Schönheiten auf Rädern ähnlich begeis“terungsfähigen Leuten ins Gespräch komme, gerade mit Old“timer-Fans, erzählt Robin Koch. Er ist Lehrer am Gymnasium in Munster, zur Schule aber fährt er nicht mit seiner Simson. „Das würde doch zu lange dauern, trotz 60 km/h Höchstgeschwindigkeit“, gesteht der 31-Jährige. Dennoch: „Mit dieser Geschwindigkeit schaffen wir es auch in unserem Alter noch, Jugendliche auf ihren Zweirädern abzuziehen“, verkündet Villain ein bisschen stolz.

Eigentlich sei diese Maximalgeschwindigkeit für Mopeds unzulässig. Für die Zweitakter aus der DDR, die bis 1992 in den Verkehr gekommen sind, gebe es jedoch eine Ausnahmeregelung. Das müsse man aber auch schon mal manchem Polizisten erklären, berichtet die Crew, deren Simson-Schwalben vom Typ KR 51/2 um 1980 gebaut wurden. Von diesem Modell gebe es unterschiedliche Ausführungen. Die E-Variante verfügt über eine elektrische Zündung. Noch besser geht es nur noch mit hydraulischen Stoßdämpfern in der Luxusvariante. Ohne jeglichen Komfort kommt das N-Modell daher. Statt elektrischer Zündung sorge eine Unterbrecherzündung für den Kickstart. Die ist manchmal nicht ganz unproblematisch, weiß Nathaniel Ranzinger. Des Öfteren muss er beim Starten händisch nachhelfen.

Seine Simson kaufte sich der 33-Jährige „aus einer Not he“raus“. Ranzinger: „Ich hatte weder Fahrrad noch Auto.“ In einer Scheune entdeckte er die Simson, für 250 Euro konnte er sie gleich mitnehmen. Die lange Standzeit hatte jedoch Spuren an Motor und Gehäuse hinterlassen. Ranzinger musste seinen Zweitakter erstmal wieder für die Straße fitmachen. 1400 Euro habe er noch einmal reingesteckt — bis dato. Dabei entdeckte er die Lust am Schrauben. Das gehöre zum Schwalbenfahren einfach dazu. „Man muss oft reparieren. Der Vorteil ist, dass man vieles selber machen kann“, sagt Ranzinger.

Dass die Zweitakter wieder neue Beliebtheit erlangt haben, dafür spricht auch, dass es laut den vier Schwalbenfans ,,extrem viele Ersatzteile“ gebe. Eine Menge alter Maschinen würde momentan wieder fahrtauglich gemacht. Und das freut auch die vier Schwalbenkönige: „Die Simson ist ein echt sympathisches Modell“, finden sie.

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