Mittwoch , 30. September 2020
Der Circus Morelli ist regelmäßig zu Gast an Schulen. In Lüne begeisterte er die Schüler, Lehrer und Eltern, Nachbarn aber fühlten sich gestört. Foto: nh

Das störende Kinderlachen

ahe Lüneburg. Wenn Kinder Spaß haben, wenn sie lachen, gar jubeln, dann machen sie das in der Regel unbeschwert und damit für ihre nahe Umgebung akkustisch wahrnehmbar. Während sich die einen von der kindlichen Freude anstecken lassen, empfinden andere die Begeisterung des Nachwuchses nur als störenden Lärm. In Lüne führte diese unterschiedliche Wahrnehmung nun dazu, dass eine Woche voller Begeisterung und toller Erlebnisse für Grundschüler mit einer großen Enttäuschung endete.

Die Schule Lüne hatte in der vergangenen Woche Besuch vom Mitmachzirkus Morelli. Das Prinzip, das an vielen Schulen in Stadt und Landkreis seit Jahren auch von anderen Anbietern als Projekt gern in Anspruch genommen wird: Ein Zirkus, meist ein kleiner Familienbetrieb, kommt an die Schule, die Profi-Artisten üben mit den Kindern Kunststücke wie jonglieren oder zaubern, im Anschluss zeigt der Nachwuchs den Eltern, Großeltern und anderen Kindern, was er gelernt hat. Pädagogen schätzen das Projekt, weil Schüler dort mal unentdeckte Talente entdecken und beweisen können, der Applaus des Publikums stärke das Selbstbewusstsein der Kinder.

Auch in Lüne waren Schüler, Lehrer und Eltern angetan. Manuel Maatz, dessen Ehefrau und ihre fünf Jahre alte Tochter kamen mit großem Gepäck, bauten auf der Wiese vor der Grundschule ihr Zirkuszelt auf und übten mit den Schülern klassenweise von Dienstag bis Donnerstag Kunststücke ein, die abends jeweils zwischen 18 und 20 Uhr in einer Aufführung den Eltern, Omas, Opas und Geschwistern gezeigt wurden. „Herausgekommen ist ein Programm, das alle begeisterte, die Mädchen und Jungen brachten fantastische Leistungen, hinter denen harte Arbeit steckte“, bilanziert die stellvertretende Schulleiterin Ursula von Wolff.

Doch im Grunde stimmt das nicht ganz, denn zwar waren im Zelt alle begeistert, draußen aber gab es mindestens zwei, die den Spaß der Kinder nicht teilen mochten. Ein Ehepaar, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohnt, erwies sich als Spielverderber, es empfand das abendliche Treiben als Krach, den es nicht hinnehmen wollte. Die beiden Rentner reklamierten für sich ein besonderes Ruhebedürfnis zwischen 18 und 20 Uhr, sie beklagten sich bei der Polizei und schalteten die Stadt ein. Dort ist das Paar „bestens bekannt“, heißt es.

Ursula von Wolff sagt: „Wir hatten uns das Zirkus-Gastspiel vorher extra bei der Stadt genehmigen lassen. Schon als die Polizei das erste Mal da war, habe ich das Gespräch gesucht und bei der Nachbarin angerufen, ihr sogar Freikarten für eine Vorstellung angeboten. Das hat sie abgelehnt, fand es sogar frech, dass wir mehrere Vorstellungen geplant hatten.“ Die Nachbarn hätten mit Dezibel-Grenzwerten argumentiert, die im Umfeld eines Klosters gelten würden. Weil alle Vermittlungsversuche nicht fruchteten, habe die Schule die für Freitagmittag geplante Gala abgesagt. „Das war ein Entgegenkommen unsererseits. Aber die Kinder waren natürlich sehr traurig. Dort sollten noch einmal die besten Artisten vor anderen Schülern und Kita-Kindern auftreten“, verdeutlicht die Konrektorin.

Nicht nur die Kinder waren enttäuscht. Stephan Seeger vom Schulelternrat sagt: „Es ist schade, dass es offenbar Leute gibt, die Kinderlärm, wenn man das überhaupt so nennen will, nicht ertragen können.“ Zumal es ja keine dauerhafte „Belästigung“ gewesen sei, sondern es sich um vier Tage gehandelt habe. Die Stadt sah keinen Grund, maßregelnd einschreiten zu müssen, zum Beispiel wegen von der Norm abweichender Dezibelwerte. Pressesprecher Daniel Steinmeier erklärt: „Es gab rechtlich für uns keinen Handlungsbedarf, denn das Projekt gilt als seltenes Ereignis, muss deshalb auch von Anwohnern mal hingenommen werden. Zumal es sich in nicht gesondert geschützten Ruhezeiten abgespielt hat.“

Auch Ursula von Wolff findet: „Es kann doch nicht sein, dass so eine tolle Veranstaltung ausfällt, nur weil zwei Leute sich beschweren.“ Sie wolle sich nun über die rechtliche Situation bezüglich der zulässigen Lautstärke am Kloster informieren. Denn die Schule möchte das Projekt gerne alle vier Jahre wiederholen, „damit jedes Kind in seiner Grundschulzeit einmal in den Genuss kommt, dabei mitzumachen. Notfalls würden wir versuchen, eine Ausnahmegenehmigung zu erwirken“.