Mittwoch , 23. September 2020
Schüler und Eltern kämpfen für den Erhalt der Sprachförderklassen an der Heiligengeistschule. Dazu gehören (v.l) die achtjährige Laura, Bärbel Vögtle-Bonatz, Astrid Ruske, Iris Mennerich und ihre Tochter Sophie. Foto: t&w

Eltern empört über Aus für Förderklassen

mm Lüneburg. Eigentlich schien alles wie jedes Jahr beim Schulfest der Heiligengeistschule. Auf dem Pausenhof herrschte lebhaftes Treiben, die Klassen präsentierten Berge an Kastanien. Insgesamt hatten sie 4456 Kilogramm – also fast viereinhalb Tonnen – gesammelt. Doch dieses Mal gab es nicht nur Kastanienberge zu bestaunen. Empörte Eltern sammelten Unterschriften für eine Petition gegen die von SPD und Grünen in Niedersachsen geplante Abschaffung der Förderklassen, von denen es zurzeit fünf an der Grundschule gibt.

Sophie Mennerich (9) besuchte bis zum dritten Schuljahr eine solche Förderklasse. Sie konnte durch eine Blockade ihrer Zungenbändchen Wörter und Buchstaben nicht richtig artikulieren. Noch jetzt verwechselt sie manchmal Buchstaben beim Sprechen. Durch den speziellen Förderunterricht lernte sie unter anderem Buchstaben durch Handzeichen zu verdeutlichen und Laute mit den Händen zu ertasten. Es gab für sie ein permanentes Training der Aussprache. Aber es geht nicht nur um Probleme bei der Aussprache, sondern auch um Beeinträchtigungen beim Lesen, Schreiben und Rechnen. So ist oft die Wahrnehmung der betroffenen Kinder gestört.

An ihrer Heimatgrundschule in Amelinghausen hätte Sophie „niemals diese Lernfortschritte gemacht und wäre im Schulalltag untergegangen“, ist sich ihre Mutter Iris Mennerich sicher, dort gibt es keine Förderklassen. Ein oder zwei Stunden pro Woche hätte Sophie eine Sprachförderung bekommen. Anders an der Heiligengeistschule. Sophie selbst sagt: „Ich habe viel Selbstbewusstsein bekommen. Hier haben mir alle geholfen.“

Das Konzept der Schule fußt auch auf der Unterstützung der Eltern. Ausdruck hierfür ist die Gestaltung eines Wandkalenders, der beim Schulfest präsentiert wurde. Schüler aller Klassen entwarfen Motive, der Förderverein begleitete sie dabei. „Da steckt viel Herzblut drin“, sagt Inke Hachmann, Erste Vorsitzende des Fördervereins.

Ab dem Schuljahr 2014/15 soll es nach Bestreben der Landesregierung keine Einschulungen in Sprachförderklassen mehr geben. Kinder wie Sophie gehen dann ab der 1. Klasse als Inklusionskinder in den Regelunterricht. Für Inklusionsklassen soll es zwei Förderstunden pro Woche und Klasse geben. Inklusion findet an allen niedersächsischen Grundschulen seit dem Schuljahr 2013/14 statt. An der Heiligengeistschule gibt es sie schon lange. Förderschüler werden in einigen Fächern in den Regelunterricht integriert. Durch die Abschaffung der Förderklassen würden die Schüler weniger spezifische Förderung erhalten. Der Lehrkörper und die Eltern der Heiligengeistschule sehen die neugewollte Inklusion als „reine Sparmaßnahme“. „Durch die Abschaffung der Förderklassen gehen Kompetenzen verloren“, sagt Schulleiterin Barbara Geck. Es gäbe aber keine Gefährdung des Schulstandortes, möglicherweise erhöhten sich die Klassenstärken.