Mittwoch , 30. September 2020
Kostenlose Corona-Tests für Reiserückkehrer? An vielen Flughäfen ist das möglich. In Lüneburg gibt es noch Probleme. Foto: Foto: dpa/Sven Hoppe

Und dann bekommt das Kind Fieber

Lüneburg. Eigentlich hatte sich Anna Heidelberg-Stein das ganz entspannt vorgestellt: Sonntagabend kam sie mit ihren vier und sieben Jahre alten Töchtern aus dem Dänemark-Urlaub zurück. Bevor es weiter zu den Großeltern ging, wollte sie am Montag mit den Kindern kostenlose Corona-Tests machen lassen, wie sie jüngst angeboten werden. „Denn ich nehme die Situation durchaus ernst und will alles richtig machen“, sagt die Lüneburgerin. Doch das erweist sich als schwierig bis unmöglich: Rund 70 Telefonate hat sie von Montagfrüh bis Dienstagnachmittag geführt – einen Test konnte die Familie aber noch immer nicht durchführen lassen.

Zunächst zum Haus- oder Facharzt, dann dort den Test machen oder sich an eine der fünf Schwerpunktpraxen übeweisen lassen – diese Marschroute wird derzeit von der Kassenärztlichen Vereinigung vorgegeben. Doch sowohl die Kinderärztin als auch der Hausarzt von Anna Heidelberg-Stein sind derzeit im Urlaub. „Die beiden Vertretungspraxen des Hausarztes waren überhaupt nicht erreichbar, dort war immer besetzt oder niemand hat abgenommen“, schildert sie. Bei der Kinderarzt-Vertretung in Winsen kommt sie schließlich durch. „Aber die Arzthelferin dort sagte, von kostenlosen Corona-Tests sei ihr nichts bekannt.“

Vier von fünf Schwerpunktpraxen geschlossen

Also ein Anruf beim Lüneburger Gesundheitsamt. „Dort bestätigte man mir, dass ich im Prinzip Anspruch auf einen Test hätte. Den würde man mir vor einem Besuch bei meinen Eltern auch empfehlen.“ Allerdings benötige sie eine Überweisung in die einzige der fünf derzeit geöffneten Schwerpunktpraxen…. Andere Lüneburger Urlaubsrückkehrer schildern ähnliche Probleme.

Die Situation ist unbefriedigend – das räumt man auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung Lüneburg ein. „Die Zahnräder greifen noch nicht ineinander“, sagt deren Geschäftsführer Oliver Christoffers. Allerdings fühlt sich die KV auch von der Politik überfahren, innerhalb weniger Tage seien die kostenlosen Urlauber-Tests beschlossen worden und vor Ort müsse man dann den plötzlichen Ansturm in den Griff bekommen.

Große Verwirrung um Abrechnungsssystem

Nicht nur die Abläufe, auch das Abrechnungssystem kritisiert die KV harsch und spricht gestern in einer Pressemitteilung von einer „babylonischen Verwirrung“. Viele Hausärzte seien angesichts des „heillosen Wirrwarrs bürokratischer Vorgaben“ hoffnungslos überfordert. Denn die Kosten für die Tests werden aus verschiedenen Töpfen bezahlt.

Wer Symptome aufweist, gilt als krank, die Behandlung kann ganz normal quartalsweise über die Krankenkasse abgerechnet werden. Wer aber ohne Beschwerden aus dem Auslandsurlaub kommt, wird über das Bundesamt für Soziale Sicherung abgerechnet. Und zwar monatlich. „Ärzte, die selber testen, können dies dann nicht über ihr Praxisverwaltungssystem abrechnen“, kritisiert KVN-Chef Mark Barjenbruch. Und dann sind da noch die Arbeitnehmer, die etwa im Altenheim oder Krankenhaus arbeiten und sich vorsorglich testen lassen möchten. Sie müssen das dann, im Gegensatz zum Ballermann-Rückkehrer, privat bezahlen.

Die vierjährige Tochter von Anna Heidelberg-Stein hat derweil am Dienstag 39,3 Fieber bekommen. Das macht die Arztsuche noch komplizierter. Denn jemand mit Symptomen muss isoliert von den anderen versorgt werden. „Ich kann im besten Fall ab 19 Uhr einen Arzt im Bereitschaftsdienst auf der Hotline erreichen, der dann mit Glück zu uns käme“, schildert sie ihren neuesten Sachstand. Mit noch mehr Glück hätte der auch einen Corona-Test dabei – allerdings nur für das Kind mit Symptomen.

Von Thomas Mitzlaff