Samstag , 19. September 2020
Der Freifahrtschein zu Freunden und Familie im Vereinigten Königreich: Mit dem britischen Pass sollten auch nach dem Brexit Grenzkontrollen kein Problem darstellen. (Foto: t&w)

Doppelt hält besser

Lüneburg. An meine erste Cola erinnere ich mich ganz genau: Ich war vier Jahre alt, saß zwischen meinen großen Brüdern auf der Rückbank unseres hellblauen Renault 19. Es war halb vier Uhr nachmittags im Sommer 1996, und ich drohte einzuschlafen. Vor uns und hinter uns: Autos, so weit das Auge reichte, die – wie wir – an der französisch-britischen Grenze darauf warteten, den Zug durch den Ärmelkanal zu borden. Jedes Auto wurde inspiziert, jeder Pass kontrolliert, und „Schengen“ war an dieser Grenze nur der Name eines luxemburgischen Dorfes.

Wie lange wir noch warten müssten? Das konnte mir damals niemand sagen, doch merkte ich, dass mein süßer Schlaf verhindert werden sollte, schließlich hatten alle noch eine längere Autofahrt vor sich, und in acht Stunden wollte sich wohl niemand um ein frisch erholtes Kleinkind kümmern. Darum warfen meine Eltern für einen kurzen Moment ihre ernährungserzieherischen Grundsätze über Bord und öffneten mir eine Flasche des zucker- und koffeinhaltigen Erfrischungsgetränkes. Für mich war das damals einer der aufregendsten und schönsten Momente meines noch jungen Lebens.

Alle Grenzkontrollen danach haben mir deutlich weniger Spaß bereitet. Als Sohn eines britischen Vaters war der jährliche Sommerurlaub an der Südküste Englands gesetzt, und während wir von den niederländischen, belgischen oder französischen Grenzen kaum etwas mitbekamen, war die zum Vereinigten Königreich nicht nur aufgrund der geographischen Barriere namens Ärmelkanal eine Geduldsprobe. Immerhin: Mit dem deutschen Personalausweis kam es eigentlich nie zu größeren Komplikationen.

Das könnte sich jedoch bald ändern. Selbst nach dem Brexit-Referendum von 2016 wollte ich nie so recht daran glauben, dass so etwas wie ein „ungeordneter Brexit“ wirklich Realität werden könnte. Mein Vater hat den Braten schon früh gerochen, sich 2015 nach über 40 Jahren in Deutschland schließlich einbürgern lassen. Jetzt, im Jahr des Boris Johnson, bin ich den umgekehrten Weg gegangen: Weil ich fürchtete, dass sich meine Einreise auf die Insel in Zukunft deutlich erschweren würde, wenn es so gar keine Absprache mit der EU gibt, versuchte ich, einen britischen Pass zu beantragen. Und siehe da: Es ging. Ganz bequem und über die Website der britischen Regierung – die doppelte Staatsbürgerschaft hatte ich seit meiner Geburt inne.

„Jetzt kann der Brexit kommen“, dachte ich, als ich das königliche Ausweisdokument in meiner Hand hielt – aber nur kurz. Viele Freunde von mir in London blicken mit Unbehagen auf die Zukunft, insbesondere nach dem Wahlerfolg Boris Johnsons. Jüngst fragten sie mich, ob ich ihnen vielleicht einen deutschen Pass besorgen könnte. Doch das wird wohl schwierig.

Von Robin Williamson