Das virtuelle Kloster Ebstorf

Das Kloster Ebstorf von oben in dem digitalen, dreidimensionalen Modell von Dr. Stefan Otto. (Fotos: Kloster Ebstorf)

Das Kloster Ebstorf von oben in dem digitalen, dreidimensionalen Modell von Dr. Stefan Otto. (Fotos: Kloster Ebstorf)

Ebstorf. Wer ein Gebäude zeichnen will, braucht Daten: Längen, Breiten, Höhen, Radien – all das ist in Bauzeichnungen in der Regel vorhanden. Wenn Angaben fehlen, wird eben am Objekt nachgemessen. Das jedoch kommt für Dr. Stefan Otto nicht infrage, genauer: Er hat es sich verboten. Der Bauingenieur aus Bayern hat sich nämlich einer Aufgabe gestellt, von deren Lösbarkeit er anfangs selbst nicht ganz überzeugt war: „Ich wollte herausfinden, ob sich eine historische Gebäudeanlage ganz ohne Zeichnungen oder Aufmaß digital in 3D rekonstruieren lässt.“ Mittlerweile weiß er: „Es funktioniert tatsächlich.“

Mit dem Vortrag, den Otto jetzt auf Einladung von Äbtissin Erika Krüger und des örtlichen Heimat- und Kulturkreises im Kloster Ebstorf hielt, nahm der 58-Jährige seine Zuhörer mit auf ein sehr spezielles Themengebiet. Otto geht es um Möglichkeiten der virtuellen Rekonstruktion von Baukörpern mittels moderner Softwareanwendungen. Sogenannte CAD-Systeme (Computer Aided Design), also die Erstellung von Zeichnungen am Computer, sind heute in Industrie und Bauwesen zwar Standard. Unter Verzicht auf vorhandene Daten aber eine komplette Klosteranlage virtuell zu rekonstruieren, liegt fernab der üblichen Anwendungen.

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Berechnungen anhand von Fotos

Dass die Wahl auf das Kloster Ebstorf fiel, ist kein Zufall: „Ich bin hier aufgewachsen, habe als Kind am Kloster gespielt“, verrät Otto. Dazu habe ihn die über Jahrhunderte gewachsene Anlage gereizt: „Die Mauerwerkstrukturen, die besonderen Texturen der Oberflächen, das ist sehr komplex und fasziniert mich.“

Festgelegt wurde, dass der Zustand des Klosters im Jahr 2018 dreidimensional dargestellt werden sollte. Als Ausgangspunkt wählte Otto die Höhe des Kirchturms, die ihm bekannt war. Alle anderen Informationen bezog er von rund 200 Fotos aus dem Internet: „Die Gebäude auf dem Bild wurden im Verhältnis zur Kirchturmhöhe gemessen und berechnet.“ Das klingt einfacher als es ist. Denn Fotos sind oft ungenau, enthalten Schatten, sind durch Weitwinkel verzerrt oder unscharf. „Ich hatte gedacht, vor der Küche ist ein Aufgang“, nennt Otto ein Beispiel. „In Wirklichkeit stand dort ein Stapel Paletten.“

Rund 1000 Arbeitsstunden investiert

Als das Rohmodell stand, ging es an die Fassaden. Eine Mammutaufgabe, denn Bauelemente von der Stange gibt es hier nirgends: 500 verschiedene Fenster und Türen galt es digital nachzubilden. Dabei achtete Otto akribisch auf die Mauertechnik der Rundbögen, auf Nischen, Stufen, Podeste oder Gitter. Auch die passenden digitalen Texturen für die Backsteinwände zu finden, erforderte viel Aufwand. Dass das Ergebnis trotzdem nicht ganz stimmig aussah, lag am Untergrund: „Das Gelände ist nicht plan, sondern fällt von Ost nach West um vier Meter ab“, stellte der Ingenieur fest. Zum Abschluss folgten charakteristische Feinheiten: Der Dachreiter, Uhren samt Zifferblättern, Sitzbänke, Rasen, Bäume und Pflaster und sogar die Beete im Schulgarten arbeitete er in sein digitales Modell ein.

Rund 1000 Arbeitsstunden sind über viele Jahre in das Projekt geflossen. Das Ergebnis hält einer Überprüfung am realen Objekt stand. Eine Abweichung von maximal fünf Prozent vom Original hatte Otto sich selbst als Ziel gesetzt: „Es ist sogar noch ein bisschen besser geworden“, sagt er zufrieden. Da könne man auch verschmerzen, wenn mal eine Kellerluke vergessen wurde. „Es kostete unglaublich viel Zeit, aber es hat sich gelohnt.“

Was nun mit dem virtuellen Kloster Ebstorf passiert, ist offen. Nützlich kann es bei Planungen sein: Die Wirkung einer Scheinwerferbeleuchtung etwa lässt sich auf einen Klick testen. „Es kann vielseitig als Anschauungs- und Lehrmodell oder für ein digitales Archiv genutzt werden“, sagt Otto. „Das ist sicher auch für andere Kirchen und Klöster interessant.“

Von Ute Klingberg-Strunk

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Dr. Stefan Otto. (Foto: uk)

Dr. Stefan Otto. (Foto: uk)

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