Landarzt an der Elbe gesucht

Grüne und Piraten schlagen Gründung eines gemeindeeigenen medizinischen Versorgungszentrums vor, um einen befürchteten Hausärztemangel in der Zukunft in der Elbmarsch zu verhindern. (Foto: AdobeStock)

Grüne und Piraten schlagen Gründung eines gemeindeeigenen medizinischen Versorgungszentrums vor, um einen befürchteten Hausärztemangel in der Zukunft in der Elbmarsch zu verhindern. (Foto: AdobeStock)

Marschacht. Zum 31. März schließt die einzige Hausarztpraxis in Tespe. „Danach haben wir bei uns in der Samtgemeinde Elbmarsch nur noch drei Praxen in Marschacht“, sagt der grüne Ratsherr Malte Jörn Krafft. Auf Dauer sei das zu wenig für eine Samtgemeinde mit rund 13.500 Einwohnern, meint er. „Vor allem, wenn man bedenkt, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren weitere Ärzte in den Ruhestand gehen“, sagt Krafft.

Daher bringt er für die Grüne/Piraten eine Idee als Antrag in den Samtgemeinderat ein, wonach die Kommune ein Tochterunternehmen gründen könnte, das die hausärztliche Versorgung in der Elbmarsch langfristig sichert. Mit einer Gesellschaft zum Betrieb eines gemeindeeigenen medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) könne das gelingen, glauben Grüne und Piraten.

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Wege zum Hausarzt sind schon jetzt lang

Denn eines sei klar, betont er. „Durch die geografische Lage der Samtgemeinde, sie zieht sich wie ein langer Schlauch zwischen Avendorf und Drage sowie durch die Dörfer in der Binnenmarsch, sind die Wege zum Hausarzt schon jetzt lang. Vor allem für ältere Mitbürger, die nicht mehr so mobil sind.“ Da müsse rechtzeitig vorgesorgt werden, zum Beispiel mit Außenstellen eines medizinischen Versorgungszentrums.

Krafft zieht bei dem Vorschlag, ein Tochterunternehmen zu gründen, eine Parallele zur Versorgung der Elbmarsch mit Glasfaser „Die Gemeinden können auch erfolgreich selbst etwas auf die Beine stellen, wenn der Markt versagt.“ Dass die Samtgemeinde dies auf unkonventionellem Weg kann, zeige das Erfolgsmodell der ElbKom. Zumal es es bei der ärztlichen Versorgung schließlich um die Daseinsfürsorge für die Bürger gehe.

Arztpraxen an der Kapazitätsgrenze

„Schon heute ist es schwierig bis unmöglich, eine neue Hausärztin oder einen Hausarzt in der Elbmarsch zu finden, da die bestehenden Arztpraxen bereits an ihrer individuellen Kapazitätsgrenze sind und keine neuen Patienten mehr aufnehmen können“, sagt er. Mit diesem Problem stehe die Samtgemeinde nicht allein da.

Sei es wegen der hohen Arbeitsbelastung, der Unsicherheiten einer Selbstständigkeit oder dem Finanzierungsbedarf für den Erwerb einer eigenen Praxis: „Heutzutage wollen jüngere Mediziner und Medizinerinnen nicht mehr in der aus dem Fernsehen bekannten Idylle des zu jeder Tages- und Nachtzeit ansprechbaren Landarztes leben, sondern verständlicherweise auch Zeit für sich und die eigene Familie haben“, erklärt Krafft.

Bundesweit gebe es mittlerweile einige solcher kommunalen medizinischen Versorgungszentren, die erfolgreich betrieben werden, beispielsweise auf Pellworm oder in Büsum, berichtet Krafft. „Auf die Erfahrungen aus diesen Gründungen kann, neben Gesprächen mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Niedersachsen, zusätzlich zurückgegriffen werden“, schlägt er vor.

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Projekt des Kreises Harburg läuft seit 2011

Eine notwendige und wichtige Maßnahme, wie Reiner Kaminski verdeutlicht. Der Fachbereichsleiter Soziales beim Landkreis Harburg kennt sich mit der Anwerbung und Besetzung von Arztstellen im ländlichen Raum aus.

Seit 2011 versucht der Landkreis in Kooperation mit den Krankenhäusern, den niedergelassenen Ärzten und der Kassenärztlichen Vereinigung mit der Kampagne „StadtLandPraxis“ einer gravierenden Unterversorgung mit Hausärzten entgegenzuwirken. „Mit rund 45 Ärzten und 24 Weiterbildungsassistenten – Ärzten in Weiterbildung - haben wir bereits ein sehr gutes Ergebnis erzielt", berichtet Kaminski. Dies werde auch so von der KV anerkannt, ergänzt er.

„Um aber ein kommunales medizinisches Versorgungszentren auf die Beine zu stellen, bedarf es einer sehr hohen Sachkenntnis“, sagt er. Nicht nur das – eine klare Linie mit einer langfristigen Planung und fachlichen Beratung sei nötig. Schließlich müsse der Betreiber nicht nur Ärzte finden, sondern auch Räume für den Praxisbetrieb zur Verfügung stellen. Überdies benötige dieser einen medizinisch Verantwortlichen und Mitarbeiter, die sich mit den Abrechnungen von Leistungen auskenne, die Arztpraxen erbringen. „Da hängt viel dran“, sagt Kaminski.

Projekt birgt einige Risiken

Dem Kreistag Harburg hatte Kaminski 2019 eine Einschätzung über den Betrieb von MVZ durch Kommunen vorgestellt. In einer Vorlage von ihm heißt es etwa: „Ein durch einen Landkreis gegründetes MVZ ist nicht bekannt. Es bedarf eines hohen Investitionsvolumens. Die Wirtschaftlichkeit und Attraktivität kann nur mit mehreren Ärzten und Ärztinnen und örtlich passenden Rahmenangeboten gewährleistet werden, ist aber auch dann nicht sicher.“ Es bestehe die Gefahr, dass die dauerhafte Übernahme von jährlichen Fehlbeträgen erforderlich werde.

Malte Krafft unterstreicht, dass der Vorstoß von Grünen und Piraten erst einmal einen Denkanstoß geben soll. „Damit wir auch vorbereitet sind, noch bevor der Ärztemangel bei uns akut wird.“

Von Stefan Bohlmann

<span style="color: #ff0000;">UPDATE, 27. Januar</span>

Die Bürgermeisterin der Samtgemeinde Elbmarsch, Kathrin Bockey (SPD), kann der Idee eines medizinischen Versorgungszentrum in ihrer Kommune etwas abgewinnen. Wie berichtet, wollen Grüne und Piraten den Denkanstoß für ein solches Projekt geben. „Als Bürgermeisterin freue ich mich immer über gute Anträge aus der Kommunalpolitik. Der Antrag der Grünen zur Gründung eines medizinischen Versorgungszentrums in der Elbmarsch trifft bei mir und allen drei Gemeindebürgermeistern auf offene Ohren“, erklärt Bockey in einer Pressemitteilung.

Gemeinsam mit den Gemeindebürgermeistern Michael Cramm (Tespe, SPD), Dirk Müggenburg, (Drage, CDU) und Heiko Scharnweber (Marschacht, CDU) bemühe sie sich um eine Verbesserung der Situation. Alle drei Ortsbürgermeister hätten darüber hinaus schon Einzelgespräche geführt. Dabei setzten sie auf die Unterstützung der Ärzte in der Samtgemeinde, in einem ersten Schritt sei man gemeinsam auf die Hausärzte und die örtliche Apotheke zugegangen. Alle Praxen seien aktuell dabei, ein Anforderungsprofil für ein regionales Versorgungszentrum oder auch ein rein hausärztliches medizinisches Versorgungszentrum zu erstellen.

„Wir befinden uns in einem sehr frühen Stadium der Sondierung zu Finanzierungsformen, Grundstücksfragen und Trägerschaft.“ Sie hofft, dass die Kommunalpolitik sich und ihr die Zeit gebe, ergebnisoffen an der Thematik zu arbeiten und an einem Strang ziehen.

Regionale Versorgungszentren böten die Möglichkeit, medizinische Begleitbehandlungen oder Dienstleistungen ebenso einzubinden, wie zum Beispiel Räumlichkeiten für eine Seniorentagespflege oder Kinderbetreuung, meint Bockey. „Letzteres könnte sich beim Anwerben um eine junge Ärzteschaft als echter Standortvorteil erweisen“, sagt sie. lz

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