"Keen4Greens"

Start-up entwickelt Fleischalternative aus Pilzfasern

Dr. Nina Krahe und Co-Gründer Franziskus Schnabel forschen in einem kleinen Labor in Jelmstorf an einem Fleischersatz aus Pilzfasern. Ihr Geschäft wollen sie groß aufziehen. (Foto: t&w)

Dr. Nina Krahe und Co-Gründer Franziskus Schnabel forschen in einem kleinen Labor in Jelmstorf an einem Fleischersatz aus Pilzfasern. Ihr Geschäft wollen sie groß aufziehen. (Foto: t&w)

Jelmstorf. Mit Fleisch kennt sich Franziskus Schnabel aus. Seit neun Jahren verkauft er in seinem Geschäft – einem ehemaligen Bauernhof an der Bundesstraße in Jelmstorf – Steaks, Spareribs, Schweinenacken und hausgemachte Soßen. Das Fleisch kommt aus der Region: Alle Höfe und Schlachtereien, von denen Schnabel sein Fleisch bezieht, liegen im 80 Kilometer-Radius um den Firmensitz herum.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Doch künftig möchte sich Schnabel von „echtem“ Fleisch verabschieden und mit seinem Start-up „Keen4Greens“ (dt. „Scharf auf Grünzeug“) den rasant wachsenden Fleischersatzmarkt aufmischen. Gemeinsam mit Daniel MacGowan-von Holstein, Gründer der Hamburger Burgerkette „Otto‘s Burger“, hat der 43-Jährige eine Fleischalternative aus Pilzfasern – im Fachjargon Myzel genannt – entwickelt.

In einem selbst gebauten Bioreaktor züchtet das Unternehmen das hochkomplexe Geflecht, das schließlich als Bratwurst oder Geschnetzeltes auf dem Teller landen soll. 1,8 Millionen Euro hat das Start-up von Investoren eingesammelt, um seine Geschäftsidee zu finanzieren.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Allein sind sie mit ihrer Idee nicht. Auch andere Start-ups entwickeln Fleischersatzprodukte aus Pilz-Myzel. Aber im Supermarktregal hat Schnabel noch keines der Produkte entdeckt. Keen4Greens möchte zu den Pionieren gehören: „Noch in diesem Jahr werden wir eine Bratwurst auf den Markt bringen, die gut 30 bis 50 Prozent Pilz-Myzel enthalten wird“, kündigt der Co-Gründer an.

Co-Gründer von "Keen4Greens" Franziskus Schnabel.

Co-Gründer von "Keen4Greens" Franziskus Schnabel.

Verkauft wird sie dann zuerst bei „Beef & Basics“ in der Lüneburger Ritterstraße und in Jelmstorf, Schnabels bereits etabliertem Fleischgeschäft. Der Preis werde ähnlich sein wie beim tierischen Produkt.

Was Pilze so interessant für die Entwicklung von Fleischalternativen macht: Die Pilzfasern liefern ein ähnliches Kaugefühl wie Hühnerfleisch, da die Fasern der beiden Produkte ungefähr die gleiche Größe haben. Zudem haben Pilze von Natur aus einen „Umami-Geschmack“, soll heißen: Sie schmecken herzhaft, würzig und fleischig.

Die Pilze wachsen kontrolliert in Bioreaktoren

"Die Myzelien unseres Speisepilzes enthalten alle acht für uns Menschen essentiellen Aminosäuren, die normalerweise nicht in veganen Produkten enthalten sind", sagt Schnabel. Der Fleischersatz von "Keen4Greens" sei zudem nachhaltiger als ähnliche Produkte aus Erbsen, Soja oder Weizen, da der Produktionsprozess unabhängig vom Wetter und dem Weltmarkt für Agrarprodukte ist. "Wir brauchen kein Land, weil unser Rohstoff in geschlossenen Behältern wächst", erklärt Schnabel.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das Verfahren, mit dem das Start-up das Myzel in großen Mengen züchtet, nennt sich Biomasse-Fermentation. Dabei handelt es sich um einen uralten Prozess, der zum Beispiel beim Bierbrauen eingesetzt wird, mit neuen Technologien aber ganz neue Anwendungsmöglichkeiten eröffnet.

Info

 

Pilz ist nicht gleich Pilz

Die 350 essbaren Sorten, wie Champignons, Pfifferlinge und Trüffel bilden nur einen Bruchteil der Artenvielfalt von Pilzen ab. Forscher gehen von 3,5 bis sechs Millionen Arten aus. Davon wiederum sind vergleichsweise wenige überhaupt sichtbar für das bloße Auge und bilden den typischen Fruchtkörper aus, der als Lebensmittel im Supermarkt verkauft wird. Doch Pilze sind noch viel präsenter in unserem Alltag. Waschpulver, Papier, Medikamente wie Antibiotika, Blutdrucksenker und Vitamine oder Biotreibstoff werden mithilfe von Pilz-Biotechnologie hergestellt.

In Fermentationstanks oder „Bioreaktoren“, in die bis zu 500.000 Liter passen, wird das Pilzmyzel unter kontrollierter Luft- und Wärmezufuhr mit Nebenprodukten aus der Lebensmittelproduktion wie etwa Kartoffelschalen „gefüttert“, erklärt Dr. Nina Krahe, die für die Forschung und Entwicklung bei dem Start-up verantwortlich ist.

„Bis auf die Tierfutterindustrie kann niemand mit den Resten etwas anfangen. So erfahren die Nebenprodukte noch eine Wertschöpfung“, sagt die 30-Jährige. Schon nach fünf bis zehn Tagen könne der Rohstoff geerntet werden.

„Wir brauchen deshalb dringend Prozesse, die wenig bis gar kein Wasser verbrauchen, die wir im Kreislauf organisieren können und die vor allem nicht mehr Ackerbaufläche brauchen.“

Franziskus Schnabel, Co-Gründer von "Keen4Greens"

Auch der Wasserbedarf sei gering. Während man für ein Kilo Pilzmyzel zwei Liter Wasser benötigt, stecken in einem Kilo Rindfleisch im globalen Durchschnitt 15.000 Liter Wasser. „Das ist abstrus. Und auch Ackerbaufrüchte brauchen hunderte Liter Wasser, extrem lange Zeiträume und viel Dünger, um zu wachsen“, sagt Schnabel.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Herstellung im Bioreaktor sei hingegen weitgehend von der landwirtschaftlichen Produktion entkoppelt. Mit Blick auf weltweite Dürren, die eine Folge des Klimawandels sind, sei das wichtig: „Wir sehen es zwar nicht auf der Oberfläche, aber die Pegelstände der Flüsse sinken jedes Jahr. International gibt es Landstriche, die bald nicht mehr bewohnbar sein werden“, ergänzt Schnabel.

„Wir brauchen deshalb dringend Prozesse, die wenig bis gar kein Wasser verbrauchen, die wir im Kreislauf organisieren können und die vor allem nicht mehr Ackerbaufläche brauchen.“

Dr. Nina Krahe im Labor

Dr. Nina Krahe im Labor

Bisher forscht das Team in einem Labor, das sie in einem ehemaligen Schweinestall auf Schnabels Hof eingerichtet haben. Doch damit die Produkte so schnell wie möglich auf die Teller kommen können, haben die Gründer ein 6000 Quadratmeter großes Grundstück in Jelmstorf gekauft, auf dem noch in diesem Jahr die Produktion starten soll.

Pop-up-Fabrik in Schiffscontainern

Der Fabrikbetrieb soll CO₂-neutral werden, mit einem Blockheizkraftwerk, das mit Biogas aus der Region betreiben wird, gewinnt die Firma Wärme, die für die Prozesse benötigt werden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Um ihre Anlagen auch in andere Länder exportieren zu können, basteln die beiden Gründer derzeit an einer Art Pop-up-Fabrik in Schiffscontainern. „Unser langfristiges Ziel ist es, unsere Anlagen dorthin zu bringen, wo Lebensmittel gebraucht werden“, sagt Schnabel.

Dort, wo Menschen Hunger leiden, mache es Sinn, aus den Resten aus der Landwirtschaft etwas zu generieren, was eine Nährstoffgrundlage bietet. „Man braucht nur eine Steckdose und einen Wasseranschluss, und dann können wir theoretisch überall auf der Welt produzieren.“

Mehr aus Bevensen-Ebstorf

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen