Trödel-Queens aus Bad Bevensen im TV

Gina (45, links) und Patrizia Steinforth (24) sind in Bad Bevensen keine Unbekannten mehr - bald sind sie zudem für Zuschauer aus ganz Deutschland zu sehen, in der RTL-Serie "Die Retourenprofis". Nun muss nur noch das Plural-s hinter den Schriftzug an ihrem Laden in Bad Bevensen gesetzt werden. (Foto: lat)

Gina (45, links) und Patrizia Steinforth (24) sind in Bad Bevensen keine Unbekannten mehr - bald sind sie zudem für Zuschauer aus ganz Deutschland zu sehen, in der RTL-Serie "Die Retourenprofis". Nun muss nur noch das Plural-s hinter den Schriftzug an ihrem Laden in Bad Bevensen gesetzt werden. (Foto: lat)

Bad Bevensen. Gina Steinforth strahlt bei der Begrüßung, ihre jüngere Schwester Patrizia macht erst einmal Tee. In ihren Läden in Bad Bevensen fühlt es sich mehr wie in exzentrischen Wohnzimmern, als in Geschäftsräumen an. Und so darf auch auf dem Sofa aus dem 19. Jahrhundert Platz genommen werden – berühren hilft ja bekanntermaßen bei der Kaufentscheidung. Und im Trödel- und Antiquitätenladen von Gina steht praktisch alles zum Verkauf. Heute läuft das Geschäft gut. Doch weder die goldenen Stuckleisten noch die vielen alten Schätze im Laden sehen die Frauen als selbstverständlich an.

"Die Pandemie hat mich wirklich erwischt", sagt Gina. "Ich weiß noch genau, wie ich meine Tische im März 2020 auf einer Messe bei Kiel aufgebaut hatte und es dann hieß, vergiss es, es ist alles abgeblasen." Fast jedes zweite Wochenende wäre sie in dem Jahr in Deutschland unterwegs gewesen, um ihren eigenen Schmuck zu verkaufen. "Das war alles vorfinanziert. Da hat es mir beinahe die Existenz unter den Füßen weggezogen."

Sie ist mehr der Typ für Menschen. Die Sache mit dem Online-Verkauf war nie ihr Ding. Doch es nützte ja alles nichts. Also bot Gina notgedrungen eines ihrer selbstdesignten Schmuckstück über Facebook zum Verkauf an.

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Soldat aus Kabul bestellte in Bad Bevensen

Patrizia muss bei der Erzählung schmunzeln: "Das war das erste Mal überhaupt, dass sie so etwas gemacht hat." Gina redet schnell weiter. "Ich fand das Internet immer furchtbar. Aber ganz ehrlich, als mein Handy dann pausenlos bingte und sich die Anfragen stapelten, habe ich erst die Tragweite verstanden." Nie wieder wollte sie sich an einen Laden binden – acht Jahre Schmuckladen in Lüneburg haben sie zu der Erkenntnis gebracht. Das Geschäft in Bad Bevensen ist daher nur ab und an geöffnet. Das meiste wird heute online verkauft.

Neben den Schmuckstücken kamen dann nach und nach auch Antiquitäten dazu. "Da hat zu Beginn einmal ein deutscher Soldat aus Kabul bei uns online eine Bronzestatue gekauft. Das fand ich irre." Verkauft wird also überall hin. Aber um Waren lagern zu können, musste ein Raum her. Da stolperte Gina über den Laden in Bad Bevensen. "Das sah hier aus, das kannst du dir nicht vorstellen", sagt sie und zeigt auf ihrem Handy Videos von der Sanierung. "Das hier ist mein Sohn, da schichtet er die Ytong-Steine an die Wand." Patrizia nickt und murmelt: "Vom Spachteln habe ich erst mal die Nase voll." Sechs Wochen haben die Frauen geackert, bis ihr Geschäft im Herbst 2020 stand. "Wir waren zwar auch sehr motiviert, aber vor allem mussten wir fertig werden, um verkaufen zu können", erklärt Patrizia. Ihre große Schwester nickt. Gina sagt von sich, ihr liegt die Selbstständigkeit im Blut. "Aber klar, ich sage dir ganz ehrlich, es gab auch Tage, da war der Kühlschrank nicht so voll. Und jetzt siehst du uns hier mit gemachten Nägeln und schick angezogen, aber wir können auch anders."

Die kleine Schwester hat den Laden nebenan

Ob Zufall oder Schicksal – aber als Ginas Laden Ende 2020 fertig war, wurde die Geschäftsfläche genau nebenan frei. "Da habe ich dann zugeschlagen", erzählt Patrizia. Die gelernte Visagistin hatte zuvor mehrere Jahre in Spanien gelebt. "Aber Leute zu schminken mit 1,5 Meter Abstand, klappt halt nicht gut." Also kam sie zurück und wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. Es gibt sogar einen Durchgang vom einen zum anderen Laden. In ihrem Teil verkauft Patrizia unter anderem eigene Bilder und arbeitet alte Möbel auf. "Alle sagen immer, wie mutig es von uns ist, eigene Läden zu führen. Aber wenn einfach anfängt kann es auch klappen. Ich habe zu Beginn Möbel vom Sperrmüll aufgearbeitet. Und dann geht es immer so weiter, jetzt kaufe ich schon teurere Möbel und richte sie her." Außerdem ist ihr das Gewerbe nicht fremd.

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Als Kind schon unter Flohmarkt-Tischen geschlafen

Als Kind schon sei sie auf Flohmärkten groß geworden. "Wenn ich zu müde war habe ich auch schon mal unter dem Tisch geschlafen." Der verstorbene Vater der Schwestern hatte früher bereits mit Antiquitäten gehandelt. "Und das Verrückte ist, er liegt hier in Bad Bevensen auf dem Friedhof begraben. Sonst hat uns nichts mit dem Ort verbunden. Das hat so sollen sein", ist sich Gina sicher. "Weißt du, Patrizia kurbelt manchmal das Fenster herunter wenn wir an der Stelle vorbeifahren und ruft `Papa, wir lieben dich´- und zwar richtig laut. Wenn die Leute das lesen, glauben die, wir spinnen." Die Zwei sehen sich an und lachen sich zu. Ob Spinnerinnen oder nicht. Nun sind sie erst einmal im Fernsehen zu sehen. "Das muss ich erzählen, da war ich gerade gestern hier beim Bäcker, und dann sagt die Verkäuferin ,Sie wissen schon, dass sie das Stadtgespräch sind?' Wie irre ist das denn."

Seit Ende September sind die selbsternannten Trödel-Queens oft zum Dreh in Richtung Münster gefahren. Catering, Kameras, Hotelübernachtung – das volle Programm. "Nur die Visagisten haben bei uns nichts zu tun, das macht ja alles meine Schwester", sagt Gina – ein bisschen stolz.

Darum geht’s bei den Retourenprofis

Das RTL-Format "Die Retourenprofis" soll ab dem 15. November täglich in der Woche ausgestrahlt werden. Es treten dort verschiedene Händler-Paare gegen einander an. Dabei gewinnt das Paar, dass eine Palette mit Retouren-Ware am gewinnbringendsten verkauft. Was da auf der Europalette liegt, wissen die Händler vorher meist nicht. "Wir haben die Sachen auch erst hier im Laden ausgepackt", erklärt Patrizia. Sie erzählt, dass die Verkäufe nicht gestellt sind. "Wir haben die Palette mit unserem eigenen Geld gekauft und arbeiten dann so, wie wir es immer tun würden."

Ob sie bereits am ersten Ausstrahlungstag nächsten Montag zu sehen sein werden, wissen die beiden nicht. "Wir werden aber mit unserer Mutter vorm Fernseher sitzen. Mama hat sogar an dem Tag Geburtstag", sagt Gina. Ein wenig Aufregung verspüre sie schon. Denn welche Szenen den Schnitt der Fernsehproduktionsfirma überlebt haben, ist auch für die Trödel-Queens noch eine Überraschung. "Vielleicht sieht man uns dann auch mal morgens um 6 Uhr im Auto sitzen, auf dem Weg zu einem Kunden, wenn die Stimmung noch nicht so gut ist." Die beiden lachen. "Wenn wir uns anzicken, ist das halt echt. Das geht unter Schwestern." Patrizia sagt, bisher seien sie das einzige rein weibliche Paar in der Serie. "Weißt du, in unserer Familie gab es schon viele schwierige Zeiten. Wir sind damals aus der DDR geflohen, unser Vater ist früh gestorben, andere sind krank geworden. Aber irgendwann, das wusste ich immer, hat man auch wieder Glück, sagt Gina. "Und ich finde, wir haben das jetzt verdient."

Von Laura Treffenfeld

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