Vom Glück der Isolation

Dorothea an ihrem Wohnzimmerfenster. Unsere Reporterin hat sie erwischt. (Foto: phs)

Dorothea an ihrem Wohnzimmerfenster. Unsere Reporterin hat sie erwischt. (Foto: phs)

Tätendorf-Eppensen. Das Haus, in dem wir leben, ist alt. Ich kann vom ersten Stock aus hören, wenn unten die Tür mit hundertjähriger Inbrunst in ihr altersschwaches Schloss kracht – das erste Mal um 6.35 Uhr, dann noch mal um 7.15 Uhr und in aller Regel wieder gegen neun. Heidrun, Ilona, Dorothea. So ging das fast jeden Morgen. Bis vor zwei Jahren. Bis Corona kam – und Dorothea verschwand.

„Ist das wirklich schon so lange her?“ Dorothea zieht ungläubig die Stirn in Falten, greift zum Kalender und blättert von hinten durch die leeren Seiten. Da sitzt sie wieder, draußen vor unserer Tür, auf einem weißen Plastikstuhl. Leibhaftig. Als wäre sie nie fort gewesen. Streng genommen war sie das ja auch nie. Sie war unter uns, neben uns – und doch weit weg.

Sie hat an einem Mittwoch vor zwei Jahren die Wohnungstür hinter sich zugezogen und sie einfach nicht mehr geöffnet. Nicht, wenn sie nicht musste. 730 Tage lang. Und hätte ich sie nicht zufällig erwischt, beim Müllrausbringen vor ein paar Tagen, ich wüsste bis heute nicht, warum.

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Leben nach Stechuhr

Warum? Dorothea seufzt. „Ich musste aufräumen.“ Eine Frau, die sich zwei Jahre lang isoliert, um aufzuräumen – das klingt, nun ja, zu einfach. „Die ganze Wahrheit“, fragt Dorothea, als grenze das an einer Zumutung. Ja, die ganze Wahrheit. „Also gut.“ Und dann erzählt sie von einem Leben nach Stechuhr, bis sie einfach nicht mehr konnte. Schwere Grippe. Krankmeldung im Februar 2020. „Tja, und dann kam mir Corona zu Hilfe.“ Dorothea grübelt kurz über das Gesagte nach und ergänzt: „Ne, das darf man so nicht sagen. Oder doch?“

Jedenfalls gab es mit dem ersten Lockdown auf einmal einen Grund, das zu tun, was sie immer schon mal wollte: Pause machen – von der Gesellschaft. Aufräumen – mit allem, was man über sechs Jahrzehnte so anhäuft. Erklären, was noch einer Erklärung bedarf, bevor es zu spät ist. „Und weißt Du was?“, sagt Dorothea. „Es waren die glücklichsten zwei Jahre meines Lebens.“

Das Haus, in dem wir leben, hat einen Garten. An sonnigen Tagen saß Dorothea früher oft im Schatten unter dem Nussbaum und las. Ich habe ihr häufiger dabei zugesehen, als dass ich mit ihr geredet habe. Und wenn wir redeten, dann nur über das Offensichtliche – die Krokusse im Frühjahr oder das Rattenproblem am Müllcontainer. Weder wusste ich, wie alt sie ist, noch ob sie Familie hat, geschweige denn, was sie liest. Ach doch, eins wusste ich: Ein Buch wollte sie schreiben. Sie schreibt bestimmt ein Buch.

Dorothea schrieb kein Buch. Dafür war keine Zeit. Genau genommen gab es schon bald überhaupt keine Zeit mehr in Dorotheas 77-Quadratmeter-Wohnung. „Man kommt irgendwann in so einen Zustand, in dem die Uhr zur Dekoware wird“, erklärt Dorothea. „Die hängt da noch, aber befiehlt mir nichts mehr. Denn ich muss ja nichts mehr.“

Sie schrieb kein Buch, sie schrieb Briefe

Seit Juni 2020 ist Dorothea offiziell in Rente. Als Sängerin war sie ständig unterwegs: Auftritte in Deutschland, Italien, Frankreich oder Polen, Unterricht in London und Graz. „Ich habe mein Leben lang geackert. Mich immer wieder getreten: mehr und mehr!“ Sie lehnt sich in den Plastikstuhl zurück und murmelt: „Irgendwie hatte ich Angst, eines Tages zu gehen, ohne jemals für mich Zeit gehabt zu haben – und die Dinge, die ich immer machen wollte.“ Als Corona kam noch einmal mehr.

Also hoffte Dorothea, unter all dem Geröll des Alltags, zwischen alten Akten und To-do-Listen, zu finden, was ihr verloren gegangen war: sich selbst. „Ich habe jedes Teil in meiner Wohnung in die Hand genommen und mich gefragt: Was hat das mit Dir zu tun“, erinnert sich die 67-Jährige. Manchmal sprach sie dabei auch mit Freunden und Verwandten, ohne dass sie es je gehört hätten: „Papa, das sind Deine Noten, nicht meine. Die brauch’ ich nicht.“ Ab in den Müll. „Mama, Papa, ihr kriegt jetzt jeder einen Schuhkarton, mehr will ich nicht mitschleppen.“

So ging das Woche um Woche. „Bleiben durfte nur, was ich in meinem Leben realistisch noch verwirklichen kann und will“, erklärt Dorothea. Bücher, die sie niemals lesen würde, Noten, die sie niemals singen würde... Ein Pfiff zischt durch Dorotheas Lippen. „Alles weg!“

Es muss irgendwann im Sommer 2020 gewesen sein, als die Stille um Dorothea so laut wurde, dass wir sie nicht mehr überhören konnten. „Vielleicht sollten wir mal klingeln“, überlegt Rebecca von unten. „Vielleicht braucht sie Hilfe“, sagt Ilona von gegenüber. „Ach was“, erwidert ihr Mann Manni, „so lang sie die Post reinholt, wird schon alles gut sein.“ Fast täglich legte der Postbote ein Päckchen für Dorothea auf den Tisch im Flur – manchmal formten wir sie zu kleinen Türmchen. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann... Frage: Wie begegnet man einem Menschen, der niemandem begegnen will?

Ilona hat es ausprobiert – und eines Tages einfach die Klingel gedrückt. „Sie wollte wissen, ob ich was brauche.“ Dorothea schüttelt den Kopf. „Da hab ich nur durch die geschlossene Tür gerufen: Nein, nein, alles gut!“ Zu diesem Zeitpunkt war sie für Dorothea bereits zur „Challenge“ geworden, die Sache mit der Isolation. „Ich wollte zum Beispiel herausfinden, wie lange ich ohne Einkauf zurechtkomme, was ich überhaupt brauche.“ Nicht allzu viel, wie sich herausstellte.

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Einkäufe für acht Wochen

Nur noch alle acht Wochen verließ Dorothea das Haus, um sich mit Lebensmitteln einzudecken: Frischwaren für die ersten Tage, Haltbares für die späteren. Es soll ab und an auch vorgekommen sein, dass sie sich draußen die Beine vertrat. Nur gesehen hat das niemand. Wann genau das gewesen sein soll? Schulterzucken. „Du weißt doch, ich lebe ohne Zeit.“

Doch die Uhren tickten weiter, auch als Dorothea sie längst nicht mehr hörte. Mit jedem Tag wuchs die Sorge, nicht nur in unserem Haus. Öfter klingelte bei Dorothea das Telefon. Beliebte Frage, weil so schön beiläufig: Was machst Du gerade? „Ich will ganz ehrlich sein: Manchmal habe ich einfach irgendwas gesagt, damit sich niemand Sorgen macht“, gesteht Dorothea. Weil ihr das aber auch nicht richtig vorkam, „habe ich mir irgendwann angewöhnt, nur noch zu sagen: Ich bin“.

Eine Notiz nach jedem Telefonat

Einem aber reichte das nicht, ihrem Bruder aus Norwegen: „Was ist denn, wenn Du irgendwann nicht mehr ans Telefon gehst und hilflos in der Wohnung liegst“, wollte er wissen. Also suchte Dorothea alle Festnetznummern zusammen, die sie von uns, ihren Nachbarn, im Telefonbuch finden konnte. „Da war er dann zufrieden.“ Nach dem Telefonat mache sie sich eine kurze Notiz, wie immer, wenn jemand anrief. Der Grund: „Ich wollte die Übersicht über meine Kontakte behalten, um sozialkompatibel zu bleiben und nicht eines Tages wunderlich zu werden.“

Anrufe kamen auch von ihren vier Kindern. „Die Verbindung zu ihnen ist so viel besser nach diesen zwei Jahren“, stellt Dorothea fest. Das bedarf einer Erklärung, Dorothea weiß das und holt tief Luft: „Es ist doch so: Manchmal ist der Alltag wie ein Sieb, in dem ganz viel hängenbleibt, was man sich nie richtig anschaut.“ Gefühle zum Beispiel, Enttäuschungen, verdeckte Aggressionen. Dorothea hat zwar kein Buch geschrieben, aber Briefe an ihre Kinder. Der offene Blick in den Spiegel, manchmal war er schmerzhaft. „Ich habe geheult, geheult und geheult“, verrät Dorothea. „Da habe ich dann begriffen: Ich brauche eine Struktur.“ Die fortan lautete: „Drei Tage heulen ist in Ordnung, am Vierten machst Du was anderes.“

Herbst 2020: Ich habe sie entdeckt. Endlich. Dorothea, wie sie hinterm Buchenhain am geöffneten Wohnzimmerfenster steht, nein hüpft, und dabei munter mit den Armen seitlich in der Luft wedelt. Das könnte ein Gruß sein, oder eine Übung? Jedenfalls kein Hilferuf. Sie schnauft, sie hüpft, sie lacht... und wirkt dabei so beschwingt – wortwörtlich –, dass es mir widersinnig erscheint, nach ihrem Wohlbefinden zu fragen. Was war in den Paketen? Ein Trampolin?

Als die tränenreiche Phase überwunden war, führte Dorothea ein paar neue Regeln ein. Immer morgens – oder war es mittags? – schaltete sie den Fernseher an und schaute „Stadt Land Kunst“ auf Arte. Dorothea nennt das ihre „Schule“. Gebannt verfolgte sie die Berichte über ferne Länder, unbekannte Komponisten oder aufstrebende Autoren. Auf einer Weltkarte markierte Sie alle Orte, die sie noch eines Tages sehen wollte. Sie lernte Norwegisch und Französisch, bestellte Bücher, sang Lieder, die sie zuvor nicht kannte.

Nach der „Schule“ ist vor dem Sport

Nach der Schule dann ein Cappuccino zur Stärkung vor dem Training: Yoga oder Walking auf dem Trampolin, das zuvor jahrelang nur in der Ecke stand. Dorothea tippt auf die glitzernde Plastikelfe, die vor uns auf dem Gartentisch in den verwelkten Blumen steckt. „So fühl ich mich jetzt. Na ja, fast.“

Das Haus, in dem wir leben, hat eine Veranda. Oft habe ich die letzten zwei Jahre dort gesessen und geschrieben – über Menschen, die isoliert im Krankenhauszimmer lagen. Über Angehörige, die nicht richtig Abschied nehmen konnten. Und über Verbände, die per Telefon versuchten, der grassierenden Einsamkeit aus der Distanz zu begegnen. Und je mehr Leid ich in meine Tastatur tackerte, desto mehr verwoben sich Einsamkeit und Traurigkeit in meinem Kopf zu zwei untrennbaren Zuständen.

Das Alleinsein ist nicht jedermanns Sache. Wenn Alleinsein zu Einsamkeit wird, können Menschen daran kaputtgehen, das weiß auch Dorothea. „Dass mich die Isolation glücklich gemacht hat, das darf man so vielleicht nicht sagen“, überlegt sie. Womöglich dürfe man das auch nicht schreiben. Aber nun, genau so war’s.

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„Loslassen, immer wieder loslassen“

„Es war wieder wie damals, als wir Kinder zu Beginn der Sommerferien die Schuhe auszogen und sie erst nach sechs Wochen wieder anzogen“, beschreibt Dorothea. Als sich Zeit noch unendlich anfühlte und Dorothea noch alle Dorle nannten. „Als wir auf dem Rücken im Gras lagen und einfach nur die vorbeiziehenden Wolken beobachteten.“

Neulich lag wieder ein Päckchen im Flur, darin ein Blechschild: „Loslassen, immer wieder loslassen“, steht darauf in fetten Lettern geschrieben. Das hängt jetzt in Dorotheas Küche. Damit sie es nicht vergisst.

Frühjahr 2021: „Hast Du schon gesehen? Dorothea hat ihre Klingel abgebaut.“ Rebecca ist es zuerst aufgefallen. Wir deuten das als Zeichen: Dorothea will nicht gestört werden. Oder doch? Wir kennen nicht ihre Telefonnummer, auch nicht die ihrer Verwandten. Wir kontrollieren das Tischchen im Flur: Der Paketturm der letzten Tage ist verschwunden.

„Ich hab’ die Klingel nicht abgebaut, sie ist einfach abgefallen“, stellt Dorothea klar. Dreimal habe sie erfolglos versucht, sie wieder anzubauen – und schließlich eingesehen: „Das ist höhere Gewalt.“ Wer keinen Besuch will, braucht auch keine Klingel. So einfach ist das.

Wie ein frisch geschlüpftes Küken

Doch wie lang soll das noch so gehen? Hat sich Dorothea auch schon gefragt – und erst vor wenigen Wochen beschlossen: Am 1. März kehrt sie zurück. Zurück in die Gesellschaft, zurück in diese Zeit. Auch das klingt einfach, ist es aber nicht. Dass sie ihre Wohnung schon jetzt so lang verlassen habe, für unser Gespräch auf der Veranda, „das war eine erste Herausforderung“, resümiert sie. „Ich fühle mich wie ein frisch geschlüpftes Küken, das noch keine Federn hat und vollkommen schutzlos ist.“

Dorothea fragt sich, wie das wohl sein wird – wieder auf die Uhr zu schauen, überhaupt eine zu tragen. Wieder Erwartungen zu haben – und solche auch erfüllen zu müssen. Da fällt ihr ein: „Ich muss noch meine Armbanduhr zum Laufen bringen. Die Batterie ist leer.“

Mittwochnachmittag, noch 127 Stunden bis März. Ich bin wieder auf der Veranda und schreibe über die Frau, die zehn Meter entfernt von mir in ihrer Zeitblase sitzt und ihre Rückkehr plant. Da kracht links neben mir die Tür ins Schloss. Dorothea. „Weißt du was“, fragt sie, legt eine Kunstpause ein und seufzt. „Ich kann meine Armbanduhr nicht finden.“

Von Anna Petersen

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