Freitag , 23. Oktober 2020
Jakob Schramm, Marcel Hoffmann und Tom Koch lassen die Eisbrocken fliegen in der Adendorfer Eissporthalle. Foto: t&w

Kufenkünstler heben ab

Adendorf. Die Eisflocken schleudern quer durch das Walter-Maack-Eisstadion. Es klingt ein bisschen wie ein kurzer aber kräftiger Wasserfall, wenn die Schlittschuhkufen von Jakob Schramm und Tom Koch die Eisfläche in ihre Einzelteile zerschneiden. Ein Geräusch, dass die Schlittschuhneulinge auf der Fläche aufhorchen lässt. Schoben sie sich eben noch mit zittrigen Beinen Zentimeter um Zentimeter über die glatte Fläche, stehen sie nun still da, mit offenen Mündern und bestaunen, was die Gruppe der Ice Fanatics Adendorf zu zeigen hat. Sprünge, Drehungen, Kopfstand – Ice-Freestyle ist eine Mischung aus Tanz und Akrobatik auf Schlittschuhen. Dafür wollen die Adendorfer nun auch den Schlittschuhnachwuchs gewinnen, mit einer neuen Juniorengruppe.

Vor allem cool muss es aussehen

Wenn Marcel Hoffmann an den 15. November 2015 zurückdenkt, klopft sein Herz etwas schneller. Irgendwann zwischen 19 und 22 Uhr begann sie, seine Liebesgeschichte. „Es war bei der Eisdisco“, sagt er und lächelt. Nicht etwa eine Frau verdrehte dem Rettungssanitäter an jenem Abend den Kopf. Es war die Idee von einer eigenen Schlittschuh-Freestyle-Gruppe, die ihn begeisterte.

„Grapevine“, „Butterfly“ oder „Triangle“ heißen die Tricks der Freestyler, bei denen Schlittschuhe möglichst spektakulär über die Eisfläche gewirbelt werden. Dazu kommen Sprünge, Drehungen oder Figuren. Cool sollen sie aussehen – und das ist eigentlich auch die einzige Regel beim Ice-Freestyle. Marcel Hoffmann lernte all das 2014 in einer Eishalle in Hamburg kennen, als er eine Freestyle-Gruppe aus Bremen bei ihrer Sommervorbereitung traf. „Dort habe ich gesehen, wie die Leute verrückte Kunststücke machen. Ich fand das total spannend“, erinnert er sich. Mit seiner Begeisterung für die neue Sportart blieb er nicht lange allein. Gemeinsam mit Freunden gründete er im Jahr 2015 die Ice Fanatics Adendorf. Heute zählt die Truppe sieben aktive Mitglieder.

„Man kann einfach frei nach Schnauze fahren. Nicht so wie beim Eiskunstlauf, wo es vorgegebene Figuren gibt. Man kann in der Gruppe etwas Eigenes herstellen“, sagt Eyreen Lübke, das einzige Mädchen der Truppe. „Seiner Kreativität freien Lauf zu lassen“, macht auch Hannes Weinholz besonderen Spaß an dem Sport. „Man fährt nicht nur im Kreis herum, sondern kann ausprobieren, was alles möglich ist“, sagt der Schüler.

„Man kann einfach frei nach Schnauze fahren. Nicht so wie beim Eiskunstlauf, wo es vorgegebene Figuren gibt.“ – Eyreen Lübke , Ice-Freestylerin

Und möglich ist so einiges, wenn, ja wenn die Nerven mitspielen. „Das Schwierigste für mich ist eigentlich immer, einen neuen Trick zu präsentieren“, sagt Marcel Hoffmann. „Wir müssen uns einfach trauen. Man weiß ja, dass man hoch springen kann. Aber wenn wir übereinander oder nebeneinander springen, ist es schwierig, sich zu überwinden.“

Den Trick „Triangle“ zeigen (v.l.) Hannes Weinholz, Marcel Hoffmann, Tom Koch, Eyreen Lübke und Jakob Schramm. Foto: t&w

Mut gehört zum Sport dazu – immer und immer wieder. Marcel Hoffmann weiß das und zittert dennoch vor jedem einzelnen Auftritt. Der Rettungssanitäter nimmt regelmäßig an Freestyle-Wettbewerben teil, „und jeder Cup ist wie der erste“, sagt er. „Man steht da und die Aufregung ist so groß, dass man am liebsten nach Hause fahren und alles vergessen möchte. Aber sobald die Musik anfängt ist man komplett frei.“

Der Erfolg gibt ihm recht: aktuell führt Hoffmann die Tabelle der deutschen Freestyler in der Anfängerklasse an. Zwei weitere Wettbewerbe stehen noch aus. „Mein persönliches Ziel ist es, den Titel in der Anfängerklasse zu holen. Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, sieht das auch ganz gut aus“, sagt Hoffmann, nicht ohne ein bisschen Stolz.

Neulinge sollen Ice-Freestyle im Juniorenteam lernen

Doch die Ice Fanatics haben sich noch mehr vorgenommen: Mit ihrem neuen Juniorenteam wollen sie auch Freestyle-Neulinge an den Sport heranführen. „Wir wollen den Leuten, die Spaß daran haben, die Möglichkeit geben, Ice-Freestyle zu lernen“, sagt Eyreen Lübke. Derzeit probieren sich immer montags ab 17.45 Uhr etwa acht Junioren an den Tricks der Profis. Auf Schlittschuhen sicher stehen und fahren zu können, ist dabei Voraussetzung. „Das sichere Fahren gehört einfach dazu. Man lernt ja auch nicht tanzen, bevor man laufen kann“, sagt Lübke.

Noch bis zum 17. März hat die Eishalle in Adendorf geöffnet. Zeit, die die Ice Fanatics nutzen wollen, um weiter zu üben. Längst nicht alle Eishallen der Republik begrüßen die neue Trendsportart. Zu gefährlich für andere Besucher seien die Tricks und Sprünge, ist vielfach zu lesen. In Adendorf dürfen sich die Freestyler dagegen weitestgehend ausprobieren, „und wir sind sehr dankbar für die Unterstützung“, sagt Marcel Hoffmann.

Sicherheit spielt beim Training der Gruppe dennoch eine wichtige Rolle – für Freestyler und Zuschauer. Und so werden die besonders heiklen Tricks, wie etwa der Hochsprung nur mit Absperrung der Eisfläche geübt. Dann fliegen die Eisflocken wieder, so lässig, hoch und weit, wie nur irgend möglich.

Hintergrund

Bundesweiter Wettbewerb

Ice-Freestyle ist noch nicht als offizielle Sportart anerkannt. Feste Regeln gibt es demnach nicht. Wer sich jedoch mit anderen messen und beim bundesweiten Ice-Freestyle-Cup antreten möchte, muss der Jury mindestens zwei von drei Pflichtelementen präsentieren. Bewertet werden Ausstrahlung, Schwierigkeitsgrad, Ausführung und Kreativität.

von Anke Dankers