Sonntag , 27. September 2020
Fröhlich sein trotz aller Widrigkeiten im Leben, das ist Pastor Jürgen Bades Motto. Ende des Monats wird er in den Ruhestand verabschiedet. (Foto: t&w)

Bienenbüttel im Herzen

Bienenbüttel. Es war einmal ein junger Pastor mit drei kleinen Kindern auf der Suche nach Heimat. Von der Frau verlassen, doch von Gottes Kraft getragen, reisten sie eines schönen Tages im Frühjahr aus Himmelpforten kilometerweit gen Süden an einen Ort, wo die Luft vertraut nach Heide roch und eine Gemeinde den Mann und seine Kinder mit offenen Armen empfing, die Gemeinde Bienenbüttel.

17 Jahre oder 700 Beerdigungen

Dieses Märchen begann vor 17 Jahren, oder anders gerechnet: vor etwa 100 Trauungen, rund 300 Taufen und über 700 Beerdigungen, die der Pastor namens Jürgen Bade in Bienenbüttel bis heute abgehalten hat. Jetzt steht er in der St. Michaeliskirche und lässt seinen Blick durch das helle Gemäuer schweifen, rückt mit zusammengekniffenen Augen eine windschiefe Kerze auf dem Altar in gerade Position, sinniert mit ausschweifenden Gesten über das Kreuz und den Glauben – fast, als könne er nicht anders. Das hat er hier immer so gemacht, schon als die Farbe noch von den Kirchenwänden blätterte und der Regen durch das undichte Dach tropfte. All das ist längst Geschichte, all das und bald auch seine Zeit als Pastor von Bienenbüttel: Am Sonnabend, 29. September, um 15 Uhr wird Jürgen Bade im Rahmen des Michaelisfestes in den Ruhestand verabschiedet.

Kirche ist etwas Anstößiges

„Es ist ein Abschied auf Raten.“ Er seufzt. Die letzte Eheschließung, der letzte Freiluftgottesdienst, die letzte Begrüßung der neuen Konfirmanden. „Auf einmal wird einem klar: Die werde ich nicht mehr bis zum Schluss begleiten“, erzählt er mit einem Anflug von Wehmut in der Stimme. Da trösten nur die schönen Erinnerungen. An den Konfirmandenunterricht in der vierten Klasse, den er vor 16 Jahren eingeführt hat, und an das abstrakte, aus Metallstäben zusammengesetzte Kreuz über dem Altar, das ihm so viel lieber ist als der prunkvolle Vorgänger. „Das ist doch ein schrecklicher Tod am Kreuz“, gibt er zu bedenken, den vergoldet abzubilden, das sei ihm immer schon unangemessen erschienen.

Ja, manchmal passen Bades Sichtweisen nicht zu den üblichen Konventionen. „Kirche ist ja auch etwas Anstößiges“, stellt er gerne klar, sie habe zum Nachdenken anzustoßen. Warum etwa muss der Vater die Braut ihrem Bräutigam überreichen? Das ist so eine Frage, der ein speziell badisches Prinzip entsprang: Bei seinen Trauungen ist jedes Paar die letzten Meter allein gegangen, schließlich hätten sie sich entschieden – und nicht der Brautvater, erklärt Bade und lächelt beinahe entschuldigend.

Den Spagat zwischen Glauben und Rebellion – den hat schon seine Großmutter beherrscht. „Der Junge wird sicher mal Pastor“, pflegte sie stets mit einer Prise Stolz zu sagen, legte sich aber ebenso gern mit Geistlichen über die Auslegung der Bibel an, ganz zur Faszination ihres Enkels. Wieder milde gestimmt, trug sie ihm dann abends das Vaterunser vor. „Ich glaube fast, das konnte ich schon vor Mama und Papa sagen“, scherzt Bade. Der schlüpfte schon als Schüler auf dem Munsteraner Kirchplatz in ein weißes Bettlaken, das er und seine Mitstreiter mit dem Schriftzug „Frieden schaffen ohne Waffen“ versehen hatten, war Schulsprecher, las Adorno, kritisierte und studierte: Theologie, klar, hatte die Oma ja prophezeit.

Bienenbüttel nicht bezahlbar

Bereut hat er das nie – trotz der schweren Schicksale, die sich ihm als Notfallseelsorger ins Gedächtnis gebrannt haben. Trotz der Einblicke in Leben, die von Gewalt und Armut geprägt waren und manchmal an Hoffnungslosigkeit zerbrachen. „Gott war mein Begleiter – immer schon, in den Höhen und Tiefen“, sagt der 66-Jährige zu sich und anderen. Und es möge eine göttliche Fügung gewesen sein, dass ihn die Kirchengemeinde Bienenbüttel als geschiedenen, alleinerziehenden Vater so unterstützt habe. Dort hat er seine Kinder großgezogen, eine neue Liebe gefunden. Nur eines fehlt ihm jetzt noch zum vollendeten Glück: die Aussicht auf eine Zukunft in Bienenbüttel. Denn mit jeder Kiste, die der Pastor und seine Frau im Pfarrhaus packten, schwand die Hoffnung auf bezahlbaren Wohnraum in der Gemeinde. Jetzt ziehen sie nach Uelzen. „Und vielleicht ist das auch gut so“, überlegt Bade. Etwas Abstand kriegen, Raum für seinen Nachfolger schaffen. Und solang Bade nicht gestorben ist, so lebt er auch noch morgen – mit Bienenbüttel im Herzen.

Von Anna Petersen