Donnerstag , 1. Oktober 2020
Die Gemeinde Rullstorf hat den Trampelpfad südlich der Kreisstraße 2 mit Unterstützung der Bürger gebaut. Der Sonderpreis Trampelpfad ärgert Bürgermeister Matthias Naß deshalb umso mehr. Foto: t&w

Gemeinden kommen unter die Räder

emi Handorf/Rullstorf. Auszeichnungen „der besonderen Art“ sorgen derzeit im Kreis Lüneburg für Verstimmung: Die Mitglieder der Radverkehrsinitiative „Cycleride“ haben Handorf den ,,Pannenflicken in Gold“ des Jahres 2013 verliehen, als „radverkehrsfeindlichster Kandidat“ unter mehr als neun Nominierten aus ganz Deutschland. Rullstorf wurde der ebenfalls zweifelhafte „Sonderpreis Trampelpfad“ wegen einer „deutlichen Verschlechterung für den Radverkehr“

In Handorf geht es um den gemeinsamen Geh- und Radweg entlang der Hauptstraße (Kreisstraße K49) im Ortskern. Warum dieser Fall bei der bundesweiten Pannenflickenwahl 2013 „vollkommen zu Recht“ auf dem ersten Platz gelandet sei, begründen die Vertreter der Initiative so: „Da unmittelbar westlich der Gemeinde die Bundesstraße 404 verläuft, herrscht auf der K49 ein sehr überschaubares Verkehrsaufkommen und es ist wohl kaum davon auszugehen, dass dem Radverkehr auf der Fahrbahn irgendwelche außerordentliche Gefahren drohen. Dies hat die zuständige Behörde aber nicht davon abgehalten, auf dem einseitig angelegten und lediglich etwa 1,20 bis 1,50 Meter ,breiten Bürgersteig eine Benutzungspflicht für den Radverkehr anzuordnen.“ Auf dem zusätzlich durch Blumenkübel und Pflanzenbeete verengten Weg, der auch noch im Zweirichtungsverkehr befahren werden müsse, würden Radfahrer und Fußgänger so „völlig unnötig gefährdet“.

Die Vertreter der Radverkehrsinitiative kritisieren zudem: „Leider hat Handorf unseren frühzeitigen Hinweis auf die Pannenflicken-Nominierung ungenutzt gelassen und nicht darauf reagiert.“ Das bestätigt auf LZ-Nachfrage Peter Herm. Handorfs Gemeindebürgermeister findet die Auszeichnung „lächerlich“, schließlich habe die Gemeinde nicht die Entscheidungshoheit. „Wenn die von der Initiative noch nicht einmal wissen, wer der Baulastträger ist, sollen sie erstmal ihren Job richtig machen“, schimpft Herm. Für den Radwegebau an Kreisstraßen sei nämlich vielmehr der Landkreis zuständig.

Kreissprecherin Elena Bartels kommentiert auf LZ-Nachfrage: „Zu dem genannten Radweg in Handorf liegen dem Landkreis Lüneburg bislang keine Beschwerden vor, weder von Nutzern noch von Anwohnern.“ Der Kreis habe das Thema Radwege aber bereits grundsätzlich aufgegriffen und damit begonnen, landkreisweit die Radwegsituation gemeinsam mit der Polizei und dem Radverkehrsbeauftragten des Landkreises Lüneburg zu prüfen. „Dazu gehört auch der Radweg in Handorf. Im Zuge dessen wird auch die bestehende Benutzungspflicht überprüft.“

Auch in Rullstorf ist Bürgermeister Matthias Naß „verärgert“ über die unschöne Würdigung. Rullstorf erhielt den „Sonderpreis Trampelpfad“ für den Weg an der Südseite der Kreisstraße 2. Laut „Cycle­ride“ soll der „eine deutliche Verschlechterung für den Radverkehr“ darstellen. In der Begründung heißt es: „Der unbefestigte, etwa einen Meter schmale Trampelpfad wurde im Zweirichtungsverkehr für benutzungspflichtig erklärt, das Radfahren auf der Fahrbahn damit verboten. Abgesehen von dem deutlich schlechteren Fahrkomfort Rennradfahrer kommen kaum durch den Sandweg durch hat die Maßnahme auch eine erhebliche Verschlechterung der Verkehrssicherheit zur Folge.“ Radfahrer aus Richtung Osten müssten wegen des abrupten Fahrbahnverbotes auf freier Strecke „an unbeleuchteter Stelle ungeschützt von der rechten Fahrbahnseite über die Fahrbahn auf den linken Trampelpfad wechseln, der im Winter übrigens nicht geräumt wird“.

Matthias Naß „verstimmt“ der unvorteilhafte Preis, weil der Weg in Eigenleistung gebaut worden ist, „in der Hoffnung, dass der Landkreis das übernimmt“. Schließlich koste die Einrichtung eines solchen Weges einen Ort mit kleinem Budget“ viel Geld. Der Bürgermeister wäre aber bereit, die Beschilderung des Weges prüfen zu lassen. Bartels sagt jedenfalls: „Es ist das Ziel des Landkreises, den sicheren Fahrradverkehr im Kreisgebiet zu fördern.“

Über „Cycleride“

Die bundesweite Initiative von Radfahrern hat sich unter anderem dem Kampf gegen die Benutzungspflicht von Radwegen verschrieben. Sie wurde 2005 von Benutzern des Internetforums des Radsportmagazins „Tour“ gegründet, weil diese ihr Anliegen bei den etablierten Vereinen nicht vertreten sahen.

Jedes Jahr verleiht die Initiative den „Pannenflicken“ an Städte, Gemeinden und Landkreise in ganz Deutschland, „die sich allzu offensichtlich, mitunter grob fahrlässig, nicht an die Gesetze, Vorschriften und Empfehlungen in Bezug auf Radverkehr und Radverkehrsanlagen halten“.

Pannenflicken-Beauftragter Eric Liebold erklärt gegenüber der Landeszeitung: „Die Nominierungen kommen von Radfahrern, die die Stellen dokumentieren und uns melden.“ Knapp ein Jahr lang würden Bilder und Texte gesammelt und gefiltert, ehe die rund 200 Mitglieder über die Plätze abstimmen. Der „Pannenflicken“ soll indirekt für eine überlegtere Verkehrsplanung im Hinblick auf den Radverkehr sorgen.

Weitere Informationen über die Initiative im Internet unter www.cycleride.de.