Donnerstag , 22. Oktober 2020
Stefan Erb mit seinen Schafen am Deich. Vier Tiere sind im Sommer vom Wolf gerissen worden, nun macht sich Erb über Schutzmaßnahmen Gedanken. Foto: t & w

Der Schäfer und der Wolf

off Bleckede. Es ist das Thema der vergangenen Tage: die Rückkehr des Wolfes. Seit bei Melbeck insgesamt 15 Schafe gerissen wurden, wird die Ausbreitung des Räubers wieder hitzig diskutiert – oft hochemotional, „aber leider viel zu selten nüchtern und sachlich“, bedauert Stefan Erb. Der Bleckeder Berufsschäfer hat im Juni selbst vier Schafe an den Wolf verloren (LZ berichtete), trotzdem will er weder für noch gegen die Rückkehr Isegrims eine Lanze brechen. Das Anliegen des Vorstandsmitglieds im niedersächsischen Landesschafzuchtverband: Er will die Position der Schafhalter deutlich machen. „Denn auch wenn Leute behaupten, es wäre einfach, Schafe vor Wölfen zu schützen“, sagt er, „in der Praxis ist es das ganz und gar nicht.“

Grundsätzlich hat Erb als Schäfer zwei Möglichkeiten, um seine Tiere vor Wolfsangriffen zu schützen. Erstens das Aufstellen meterhoher Stromzäune. Und zweitens der Einsatz von Herdenschutzhunden. Möglichkeit eins scheidet für die meisten Berufsschäfer wie Erb aus, „weil der hohe zusätzliche Arbeitsaufwand nicht zu schaffen ist“, sagt er. Fraglich sei zudem, wie wolfssicher solche Zäune tatsächlich sind. „Auch in Radegast, wo im Sommer vier unserer Schafe gerissen wurden, standen 90 Zentimeter hohe Schutzzäune, die wolfssicher sein sollten.“ Und die für Isegrim trotzdem kein unüberwindbares Hindernis waren.

Bleibt für Erb nur die Möglichkeit, Herdenschutzhunde einzusetzen. „Doch auch das hört sich in der Theorie viel leichter an, als es tatsächlich ist“, sagt er. Erste Erfahrungen mit den Hunden gesammelt habe einer seiner Berufskollegen aus dem Raum Munster, „und die zeigen, dass man sich nicht einfach Herdenschutzhunde kauft und das Wolfsproblem los ist“, sagt Erb. Mindestens zehn Tiere, zwei pro Herde, müsste er sich für seine fünf Schafherden anschaffen, damit die Hunde sozial nicht vereinsamen. „Und die müssten für mich und mein Team auch zu händeln sein.“ Nicht selbstverständlich, denn Herdenschutzhunde seien sehr selbstbewusst und daran gewöhnt, selbstständig zu arbeiten. „Eine besondere Herausforderung“, sagt Erb.

Hinzu kommt, dass die Schafe des Bleckeders das Leben mit Herdenschutzhunden nicht kennen, „und es braucht lange, bis Schafe und Hunde aneinander gewöhnt sind“. Ist das gelungen, lebten die Hunde in einer Art Symbiose mit der Schafherde, „das heißt, sie verteidigen ihre Schafe gegen alle Eindringlinge, nicht nur gegen den Wolf“. Sollten sich die Wolfsangriffe auf Schafherden in der Region häufen, wird Erb um den Einsatz von Herdenschutzhunden dennoch nicht herumkommen. „Aber alle Erfahrungen anderer Schäfer mit den Hunden zeigen, dass das kompliziert werden kann.“

Vorerst wartet Erb allerdings ab, hofft, dass der Wolfsriss im Sommer für ihn ein Einzelfall bleibt – ohne wirklich daran zu glauben. „Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass wir Wolfsgebiet werden“, sagt er, „und zwar sachlich.“ Was passiert zum Beispiel, wenn seine Schafe von einem Wolf in Panik versetzt werden, ausreißen und vor ein Auto laufen? Wie geht man damit um, wenn ein Herdenschutzhund seine Herde gegen den Hund eines Spaziergängers verteidigt? Nur einige der Fragen, die Schafhalter wie ihn beschäftigen – und „auf die es sicherlich Antworten gibt“, sagt Erb, „aber eben keine einfachen.“