Samstag , 26. September 2020
Die Aufschrift ,,Notarzt hat Dr. Helmut Schwarze auf seinem Fahrzeug schon einmal aus Protest abgeklebt. Der Landkreis Lüneburg will den Mediziner nämlich nicht mehr alarmieren. Foto: kre

Notarzt sieht Rettungsdienst als Notfall

kre Dahlem. Vor wenigen Wochen hat der Landkreis seinen Rettungsdienst-Bedarfsplan fortgeschrieben: Dieser sei „tragfähig und zukunftsorien­tiert“, lobte nicht nur der Kreistagsabgeordnete Herbert Meyn (SPD). Völlig anders beurteilt das Dr. Helmut Schwarze. Der Mediziner aus Dahlem erhebt schwere Vorwürfe, behauptet: „Der Landkreis verstößt gegen das niedersächsische Rettungsdienstgesetz!“ Die dauerhafte und flächendeckende Notarzt-Versorgung sei mitnichten sichergestellt. Im Gegenteil: „Der Rettungsdienst, so wie er in Stadt und Kreis organisiert wird, ist gesetzwidrig“, klagt Dr. Schwarze an.

Nun könnte man die Vorwürfe des Mediziners als bloße Retourkutsche verstehen: Denn zwischen Schwarze und dem Kreis ist das Tischtuch schon lange zerschnitten. Die Behörde und der Mediziner verkehren inzwischen vorzugweise über Anwälte. Der Mann ist unbequem, dem Typ des telegenen Fernseharztes entspricht er schon gar nicht. Doch das ist laut Kreis nicht der Grund, warum der Dahlemer weder als Notarzt noch als ,,ärztlicher Ersthelfer“ alarmiert wird. Die Behörde zweifelt die Einsatzfähigkeit des Mediziners an, da Schwarze eine Erwerbsminderungsrente bezieht. Der hat zwar ein ärztliches Attest vorgelegt, ,,das belegt, dass ich als Notarzt einsatzfähig bin“. Doch das reicht dem Kreis nicht. Ein Gutachten sei notwendig.

Für Schwarze ein klarer Fall von „Mobbing“: Aber er sagt auch: „Das ändert nichts am Grundproblem!“ Dadurch, dass er nicht mehr alarmiert werde, sei die Notarztversorgung der Bürger vor allem im Ostkreis nicht mehr so gewährleistet, wie es das Rettungsdienstgesetz vorschreibe.

Erstaunt ist Schwarze zum Beispiel darüber, dass der Gutachter 2008 einen Bedarf für ein zweites Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) aufgrund eines hohen Einsatzaufkommens von 7 bis 23 Uhr festgestellt habe, der Schwerpunkt für dieses Einsatzaufkommen aber in Lüneburg liege. „Wieso wird das zweite NEF zwischen 16 und 23 Uhr dann nach Neetze beordert?“, wundert sich der Mediziner, der im Nachbarkreis Lüchow-Dannenberg immer noch als Leitender Notarzt tätig ist. Für Schwarze ergibt sich daraus eine weitere Frage: Wer versorgt den Ostkreis von 22.30 bis 16 Uhr, wenn sich das zweite NEF nicht in Neetze befindet?

Kritisch sieht der Dahlemer auch, dass die niedergelassenen Ärzte wieder stärker eingebunden werden sollen. Haben alle niedergelassenen Ärzte die Zusatzausbildung „Arzt für Rettungsmedizin“? Wie sind diese Ärzte ausgestattet? Was passiert außerhalb der Praxiszeiten? Haben die niedergelassenen Ärzte eingewilligt?

Viele Fragen, bislang aber nur wenig Antworten, findet Dr. Schwarze, der in der Vergangenheit zu durchschnittlich 200 Einsätzen jährlich gerufen worden war. ,,Meine Eintreffzeit beim Patienten liegt bei durchschnittlich sieben Minuten“, sagt der Dahlemer. Damit sei er deutlich schneller vor Ort als die 15 Minuten, die das Rettungsdienstgesetz für den Rettungswagen vorschreibe. Dies könne manchem Patienten das Leben retten oder zumindest vor bleibenden gesundheitlichen Schäden bewahren. Schwarze nennt ein Beispiel: ein lebengefährlich verbrühtes Kind in Bleckede. „Das habe ich mit dem Hausarzt versorgt, da der Rettungshubschrauber verweigert worden ist.“ Dafür sei ein zweites Notarzt-Einsatzfahrzeug aus Lüneburg nach Bleckede geschickt worden medizinische Gründe habe es dafür nach Ansicht des Dahlemers nicht gegeben.

Auch ärgert ihn, dass er im Sommer erst als zweiter Notarzt nach Walmsburg zu einem Nachbarschaftsstreit geschickt worden ist. Damals hatte ein Mann eine Pistole gezückt und drei Menschen verletzt. „Statt zuerst mich zu alarmieren, hat die Leitstelle das viel weiter entfernt stationierte Notarzt-Einsatzfahrzeug geschickt.“ Zum Glück sei keiner der Betroffenen lebensgefährlich verletzt gewesen. ,,Es hätte auch anders sein können, dann zählt jede Minute“, klagt Schwarze. Der Dahlemer kommt zu einem ganz eigenen Schluss: „Ich glaube, dass das Rettungswesen in Lüneburg entgegen seiner Aufgabe gewinnbringend organisiert ist und auch bleiben soll!“ Er störe da nur.

Dr. Schwarze will das nicht hinnehmen, überlegt, zu klagen auf gesetzeskonforme notärztliche Versorgung. Und das als möglicherweise betroffene Privatperson: „Was ist, wenn ich nicht da bin und meiner Familie passiert etwas?“ Darauf will es der Mediziner nicht ankommen lassen.

Das sagt der Landkreis:
Zu den Vorwürfen von Dr. Helmut Schwarze stellt der zuständige Landkreis Lüneburg fest: Eine separate Hilfsfrist für den Notarzt gebe es in Niedersachsen nicht. Die gesetzlich geregelte Hilfsfrist von 15 Minuten, die in 95 Prozent der Notfalleinsätze eingehalten werden soll (Paragraph 2, Absatz 3 BedarfVO-RettD), betreffe das erste Rettungsmittel am Einsatzort. ,,Rettungsmittel in diesem Sinne sind zum Beispiel RTW, NEF oder Rettungshubschrauber“, sagt Wolfram Kallweit vom Landkreis.
Das Rettungsdienstpersonal sei entsprechend ausgebildet und deshalb in der Lage, die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes durch adäquate Maßnahmen im Interesse des Patienten zu überbrücken. ,,Der Einsatz eines Notarztes rund um die Uhr sowie eines zweiten Notarztes in der Zeit von 7 bis 23 Uhr wurde im Rahmen eines Gutachtens im Jahr 2009 als einerseits notwendige, andererseits aber auch ausreichende Vorhaltung festgestellt und deshalb umgesetzt.“ Die zeitliche Auslastung des Notarztsystems liege heute bei knapp 30 Prozent. „Sollte es zu zeitgleichen Notarzteinsätzen kommen, die mit dem Notarztsystem des Landkreises Lüneburg nicht abgearbeitet werden können, wird am Tage auf die Rettungshubschrauber vorwiegend in Uelzen und Hamburg sowie in den Nachtstunden auf die bodengebundenen Notärzte der Nachbarkreise in Bad Bevensen, Dannenberg, Boizenburg, Geesthacht und Winsen zurückgegriffen“, so Kallweit.
Das geschehe auch dann, wenn die eigenen Notärzte verfügbar seien, die benachbarten Notärzte den Einsatzort aber schneller erreichen können. „Ergänzend kommen in Ausnahmefällen auch niedergelassene Ärzte sowie der kassenärztliche Notdienst zur Unterstützung des Rettungsdienstes zum Einsatz“, betont Kallweit, der zudem zu bedenken gibt: ,,Mit zwei Notärzten im Kreis sind wir gut aufgestellt. Zum Vergleich: Im Kreis Harburg ist nur ein Notarzt im Einsatz.“
Auch dass der Rettungsdienst gewinnbringend organisiert sei, weist Wolfram Kallweit energisch zurück: ,,Der Rettungsdienst wird aus Mitteln der Krankenkassen und ihrer Beitragszahler finanziert. Das System funktioniert nach dem Kostendeckungsprinzip, erwirtschaftete Gewinne oder auch Unterdeckungen werden im Folgejahr durch Anpassung der zu zahlenden Entgelte ausgeglichen.“
Dr. Schwarze habe bei Alarmierung durch den Kreis in den vergangenen Jahren mit seinen Einsätzen keinen Einsatz des regulären Rettungsdienstes ersetzt, ,,sondern wurde in bestimmten Situationen jeweils zusätzlich zum regulären Rettungsdienst alarmiert. Die Kosten dafür trug alleine der Landkreis. Auf die Kosten bzw. die Kostenerstattung des regulären Rettungsdienstes durch die Krankenkassen hatten seine Einsätze keine Auswirkungen“, stellt Kallweit klar.kre