Samstag , 26. September 2020
Schafhalter Karl-Heinz Vogelsang (l.) und sein Verpächter Karsten Fuhrhop stehen vor Schafen, die nun gesichert hinter Gittern auf der Weide stehen. Foto: kre

15 Schafe auf Weide gerissen

kre Melbeck. „Das sind jetzt die bestgeschützten Schafe im Landkreis“, sagt Karl-Heinz Vogelsang mit bitterer Ironie – „gesichert wie in Fort Knox“: Aus gutem Grund, denn der Landwirt hat in den vergangenen Tagen 15 Tiere verloren. Alle vermutlich gerissen von einem Wolf. Mit letzter Sicherheit kann das Vogelsang zwar noch nicht beweisen, aber einiges deutet darauf hin: Angefangen von den vorgefundenen Spuren im weichen Boden bis hin zu der Art, wie die Schafe gerissen wurden – einige nämlich mit einem Kehlbiss. So, wie Wölfe ihre Beute zur Strecke bringen. Ob der 65-Jährige recht hat mit seiner Vermutung, muss jetzt die DNA-Analyse des niedersächsischen Umweltministeriums in Hannover zeigen. Das Ergebnis soll in absehbarer Zeit vorliegen.

Gleich drei Mal wurde seine Herde, die an der Gemarkungsgrenze in Melbeck auf der Wiese steht, heimgesucht. Das erste Mal in der Nacht zum 21. Oktober. Als Vogelsang morgens nach den Tieren schaute, lagen sechs gerissene Schafe auf der Weide. Zwei Nächte später das zweite Blutbad – mit drei toten Schafen. Und am 25. Oktober der letzte Angriff – dieses Mal wieder mit sechs toten Tieren. Um ein viertes Mal zu verhindern, hat der Landwirt die verbliebene und verschreckte Herde auf engem Raum hinter hohen Eisengattern eingezäunt. Zusätzlichen Schutz soll zudem ein Stromzaun bieten.

Experten, unter anderem der Wolfsberater des Landkreises Lüneburg Uwe Martens, haben sich den „Tatort“ genau angeschaut – sich gegenüber Karl-Heinz Vogelsang aber noch zurückhaltend geäußert. Martens gestern abend gegenüber der LZ: Wir haben an den unterschiedlichen Tagen unterschiedliche Bissspuren festgestellt !“ Das lässt unterschiedliche Interpretationen zu – „von Hunde-Attacken bis zum Wolf“, fasst Uwe Martens zusammen. Letzte Gewissheit soll daher die DNA-Analyse ergeben.

Gestern hatten sich die Mitglieder des „Arbeitskreises Wolf“ im Umweltministerium in Hannover zu einer Tagung getroffen, um die Probleme zu erörtern, die durch die Rückkehr des Wolfes entstehen.

Denn dass die Wölfe immer mehr werden, steht für Torsten Broder, Vorsitzender der Lüneburger Jägerschaft, außer Frage. In Südergellersen etwa wurde vor drei Tagen ein Wolf von einer Fotofalle abgelichtet, bei einer Drückjagd im Lopautal „wurden drei Wölfe beobachtet, die sich unbeeindruckt sonnten“, berichtet Broder.

Zwei Wölfe wurden von einem Jagdpächter auch bei Melbeck beobachtet, als sein Terrier anschlug – keine tausend Meter entfernt von der Stelle, an der die Schafe von Bauer Vogelsang gerissen wurden.

Auch in Radegast gehen vier gerissene Schafe höchstwahrscheinlich auf das Konto von Isegrim – allerdings steht auch hier der endgültige DNA-Beweis noch aus (LZ berichtete).

Broder ist sich sicher, dass die Zahl der Zwischenfälle noch zunehmen wird, Schaf- und Pferdehalter künftig noch mehr Maßnahmen ergreifen müssen, um ihre Tiere vor Wolfsangriffen zu schützen.

Der Wolf ist zurück – „und die Gesellschaft und die Politik müssen sich entscheiden, wie sie mit dieser Tatsache umgehen wollen“, sagt Torsten Broder. Den Jägern selbst sind die Hände gebunden: „Der Wolf ist eine streng geschützte Tierart“, erklärt der Vorsitzende: Selbst Wölfe, die etwa von einem Auto angefahren und schwer verletzt wurden, dürfen die Jäger bei der Nachsuche nicht von ihren Leiden befreien: „Das muss der Amtstierarzt machen.“