Sonntag , 27. September 2020
Seit Wochen wartet Katharina Eleonore Meyer darauf, ihre Telefonanlage wieder wie gewohnt nutzen zu können. Foto: t&w

Zurück in der digitalen Steinzeit

Gifkendorf. Als Katharina Eleonore Meyer Anfang Dezember das Telefonat mit einer Telekom-Mitarbeiterin beendet, freut sie sich auf schnelleres Internet. Einen T ag später sind alle Leitungen tot. Für die Geschäftsführerin des Gifkendorfer Merlin Verlags eine Katastrophe mitten im Weihnachtsgeschäft. „Auch der Online-Shop lag brach“, berichtet Meyer. Das Grundstück der Familie liegt in einem Funkloch, auch mit einem Hotspot lässt sich kaum etwas ausrichten. Erst vier Tage später schickt die Telekom einen Techniker vorbei. Den Fehler findet er nicht, vermutet jedoch, dass beim Verlegen des Glasfaserkabels in der Region andere Leitungen beschädigt worden sind. Die Telekom spricht inzwischen von einer umfänglichen Störung.

Seit einem Monat muss ein Provisorium herhalten

Als provisorische Lösung reaktiviert der Techniker den analogen Telefonanschluss im Haus – digitale Steinzeit statt Zukunft, denn eine Leitung ist zu wenig für den Merlin-Verlag, den Little-Tiger-Verlag, einen selbstständigen Grafiker und einen Privathaushalt. Auch die LZ hat Probleme, Meyer telefonisch zu erreichen – immer wieder ertönt das Besetzt-Zeichen. Besonders ärgerlich: Im Dezember wurde bekannt gegeben, dass der Gründer des Verlags, der 92-jährige Andreas J. Meyer im März 2019 mit dem renommierten „Kurt Wolff Preis“ für unabhängige Verlage ausgezeichnet wird. „Natürlich wäre diese Ehrung meines Vaters ein Grund für uns gewesen, besonders viel zu kommunizieren. Vor allem entgingen ihm sicherlich viele Gratulationen, über die er sich sehr gefreut hätte“, bedauert die Geschäftsführerin.

Odyssee durch die Callcenter

Drei Techniker und zwei Bautrupps später ist auch Anfang Januar keine Lösung des Leitungsproblems in Sicht. Stattdessen ärgert sich Katharina Eleonore Meyer über das Vorgehen der Telekom-Mitarbeiter. „Vom Bautrupp hat niemand geklingelt oder sich angemeldet, nur zufällig habe ich mitbekommen, dass fremde Menschen über unser Grundstück turnen.“ Vor allem ein Eindruck verstärkt sich zunehmend: „Es scheint ein strukturelles Problem bei der Telekom zu geben. Eine Hand weiß da nicht mehr, was die andere tut“, sagt die Verlegerin. „Ich habe die Stunden nicht gezählt, die ich in Warteschleifen und in Gesprächen mit Mitarbeitern verbracht habe, aber es waren viele.“ Mal sei sie engagiert betreut, mal ruppig abgefertigt worden.

Das Nervigste aber sei für sie gewesen, dass jeder ihr etwas anderes erzählt habe. „Mal hieß es, das Netz gehe doch, mal, dass man das Haus untersuchen müsse, dann war es wieder der Kabelschaden in der Erde.“ Im Zuge ihrer Odyssee durch die Callcenter der Telekom hat Meyer dann auch noch erfahren, dass die geplante Vertragsumstellung bei ihrem Netz in Gifkendorf ohnehin keinen Sinn gemacht hätte. „Die Dame wollte wohl einfach nur einen Abschluss machen“, vermutet sie.

Wann der Schaden behoben wird, ist noch offen

Und jetzt? Noch sei unklar, wann und wie die umfängliche Störung behoben werden könne, heißt es seitens der Telekom. Zugesagt wurde Frau Meyer die Übernahme sämtlicher Gewinn­einbußen. „Aber wie soll ich die darlegen“, fragt sie sich. Die promovierte Archäologin nutzt das Internet privat nur wenig, hat kein Smartphone, „aber für die Arbeit des Verlags hatte ich mich auf den Ausbau des Glasfasernetzes gefreut“. Dass ausgerechnet der Startschuss für schnelles Internet den Verlag technisch nun in längst vergangene Zeiten zurückkatapultiert habe, sei für sie fast Satire. Nachdem die LZ bei der Telekom nachgefragt hat, steht Meyer nun eine persönliche Kundenberaterin zur Seite. „Wir setzen alles daran, dass sämtliche Anschlüsse im Verlag so schnell wie möglich wieder laufen“, sagte Telekom-Sprecherin Stefanie Halle. Grund für die Verzögerung sei ein fehlerhafter Eintrag im Auftragssystem.

Von Lea Schulze