Dienstag , 22. September 2020
Der Elbedeich im Bereich des Waldgebietes Vitico südlich von Radegast soll möglicherweise landeinwärts verlegt werden, um der Elbe bei einem Extremhochwasser mehr Raum zu verschaffen. Die entsprechende Machbarkeitsstudie liegt jetzt vor und sorgt für Diskussionen. (Foto: t&w)

Sicher ist: Die nächste Flut kommt

Hohnstorf. In den letzten Jahren hatten die Elbanrainer Glück – zuletzt im Juni 2013 hatte ein „Jahrhunderthochwasser“ entlang des Stroms über Wochen für Angst und Schrecken in der Region gesorgt, danach war Ruhe. Aber klar ist allen Beteiligten auch: Das nächste Hochwasser kommt, und dafür muss man gerüstet sein.

Als eine der möglichen Maßnahmen nach der Flut vor sieben Jahren wurde im nationalen Hochwasserschutzprogramm für den Bereich Vitico zwischen Radegast und Bleckede eine Rückverlegung des vorhandenen Deichs ins Auge gefasst. Dadurch könnte die Elbe bei zukünftigen Hochwasserereignissen mehr Raum erhalten, Wasserstände könnten um mehrere Zentimeter abgesenkt werden.

Studie nach vier Jahren vorgelegt

Vor vier Jahren gab der Artlenburger Deichverband beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) eine „Machbarkeitsstudie“ in Auftrag, die eine mögliche Deichrückverlgung zum Thema hat. Die Studie, von vielen Betroffenen in der Region schon seit langem ungeduldig erwartet, liegt jetzt vor.

Dabei hatte auch der lange Bearbeitungszeitraum für Unruhe gesorgt. Eine Befürchtung: Mit der Machbarkeitsstudie würden bereits Fakten geschaffen, der Trassenverlauf ohne öffentliche Beteiligung festgelegt. Hartmut Burmester, Deichhauptmann des Artlenburger Deichverbands, hält dem entgegen: „Es ist noch längst nichts entschieden. Es wurde immer gesagt, dass wir eine ergebnisoffene Diskussion führen wollen.“ Und Burmester erklärt weiter: „Wir haben immer gesagt, dass wir eine Rückverlegung ablehnen werden, wenn es negative Effekte für unsere Region gibt.“

Einsehbar ist die 70-seitige Machbarkeitsstudie mit ihren Anlagen, Karten und Tabellen auf der Internetseite des Deichverbands. In der Sitzung des Verbandsausschusses, dem höchsten Gremium des Verbands, am Donnerstag wurde die Studie erstmals vorgestellt – allerdings nichtöffentlich.

Die Experten des NLWKN haben in ihrer Studie die Möglichkeiten geprüft, die Sicherheit vor einem Hochwasser im Bereich Radegast zu erhöhen. Untersucht wurden drei unterschiedlich einschneidende Varianten einer Deichrückverlegung: Die Variante 1 mit einer benötigten Fläche von bis zu 1,54 Quadratkilometer, die Variante 2 (2,6 Quadratkilometer) und die Variante 3 (7,13 Quadratkilometer).

Untersucht wurde auch eine „Variante 0“, das wäre der Ausbau des vorhandenen, 4,35 Kilometer langen Deichs. Ein Vorteil, so die Studie des NLWKN: „Die derzeit landwirtschaftlich genutzten Flächen können unverändert genutzt werden.“ Ein Nachteil: „Die bestehende Deichtrasse entspricht hinsichtlich zum Beispiel der Kronenbreite, der Höhenlage und Breite des Deichverteidigungswegs, der Kleistärke nicht mehr den technischen Regeln, sodass auch im Bestand ein umfassender Anpassungsbedarf besteht.“

Experten des NLWKN empfehlen Variante 1

Die Experten des NLWKN kommen im Ergebnis ihrer Studie dazu, dass die Variante 1 „unter bestimmten Voraussetzungen umsetzbar ist“ und empfehlen die Weiterverfolgung der Maßnahme. Deichhauptmann Hartmut Burmester sieht es so: „Eine mögliche Maßnahme könnte sich eher zwischen den Varianten 1 und 0 bewegen.“

Als nächsten Schritt wollen Burmester und Deichverbandsgeschäftsführer Ansgar Dettmer die Studie öffentlich vorstellen und diskutieren lassen – in Zusammenarbeit mit der Stadt Bleckede und unterstützt vom NLWKN. „Das möchten wir gern so zeitnah wie möglich machen.

Angedacht dafür ist der Juni, aber das werden wir wohl nicht schaffen“, weist Burmester auf die durch die Corona-Pandemie verursachten Probleme hin. Auf dem Programm der Verantwortlichen des Deichverbands stehen auch Gespräche mit Grundeigentümern.

Erst wenn alle Gespräche geführt sind, wenn diskutiert und abgewogen ist, wird der Vorstand des Artlenburger Deichverbands eine Entscheidung über die geplanten Maßnahmen treffen, dann das Planfeststellungsverfahren einleiten. Wie lange das ganze Verfahren bis hin zu einer verbesserten Lage an der Elbe dauert – das steht aber in den Sternen.

Bürgermeister und Ortsvorsteherin laden ein, Meinungen und Stimmungen werden abgefragt

Bleckedes Bürgermeister Dennis Neumann und die Radegaster Ortsvorsteherin Angela Pabst laden alle Anliegerinnen und Anlieger, die von einer möglichen Deichrückverlegung im Bereich Vitico zwischen Bleckede und Radegast betroffen sein würden, zu einer Versammlung ein. Die öffentliche Veranstaltung findet am Mittwoch, 3. Juni, ab 17 Uhr vor dem Feuerwehrhaus in Radegast statt.

Neumann und Pabst wollen am Mittwoch mehr über die Meinungen und die Stimmung der möglicherweise Betroffenen erfahren. „Ich möchte, dass jeder die Möglichkeit bekommt, seine Meinung mitzuteilen“, erklärt Neumann.

Einen Arbeitskreis auf Ebene der Stadt Bleckede, der sich mit der Thematik beschäftigt, könne er sich für die Zukunft gut vorstellen. Die Berechnungen der Experten seien wichtig und interessant, er möchte aber auch die Meinungen der Menschen, die im betroffenen Bereich wohnen, kennenlernen und bündeln.

Von Seiten der Stadt soll in Radegast in einem Rückblick auf die aktuellen Gespräche und Diskussionen sowie über die Umsetzung der Rückverlegung eingegangen werden. Alle Teilnehmer werden gebeten, während der Veranstaltung den coronabedingten Sicherheitsabstand von 1,5 Metern einzuhalten und möglichst eine Mund-Nase-Bedeckung zu tragen. lz

Von Ingo Petersen