Und dann schneidet sie sich das Haar ab

Roxana Safarabadi (l.) und Reyhaneh Khademi Rad kämpfen auf dem Podium mit den Tränen. (Foto: Felix Konerding)

Roxana Safarabadi (l.) und Reyhaneh Khademi Rad kämpfen auf dem Podium mit den Tränen. (Foto: Felix Konerding)

Dienstagabend, sachte Klavierlaute erklingen in Hörsaal 3 der Leuphana Universität. Dann ist eine Stimme zu hören, sie singt das Lied „Baraye“. Das Lied, das zum Symbol der Proteste im Iran geworden ist. In dem Lied greift der iranische Musiker Shervin Hajipour Tweets auf, die beschreiben, wofür Menschen momentan in seinem Land protestieren. Es ist ein emotionaler Beginn, viele wischen sich die Tränen aus dem Gesicht. Menschen halten sich die Hand. Unter dem Titel „Frauen, Leben, Freiheit! Proteste im Iran – Wie wir solidarisch sein können” lud am Dienstagabend die Leuphana Universität zu einer Podiumsdiskussion. Etwa 120 Menschen kamen, um den sechs Gästen zuzuhören.

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Es geht um mehr als nur den Iran

„Seit einem Monat können wir kein normales Leben führen. Es geht nicht nur um den Hijab-Zwang. Es geht um mehr als den Iran. Es geht um alle Frauen auf der Welt“. Reyhaneh Khademi Rad, Studentin der Universität Hannover, eröffnet die Diskussion mit einem Input. Auf dem Podium sitzen neben Rad auch der iranische Journalist, Übersetzer und Moderator Omid Rezaee sowie die Schauspielerin Roxana Safarabadi. Safarabadi betont: „Iran ist ein Vielvölkerstaat mit vielen religiösen Minderheiten. Es ist besonders, dass gerade alle zusammen protestieren.“

Online dazugeschaltet sind Maryam Blumenthal von den Grünen, Danial Ilkhanipour von der SPD und Christoph Brunner, Professor an der Leuphana. Blumenthal spricht nicht mehr von Protesten, sondern von einer beginnenden Revolution. Diese werde sich geopolitisch auch auf uns auswirken. Der Politiker Ilkhanipour spricht von einem kritischen Zeitfenster, um nachhaltig etwas zu verändern. „In den letzten Wochen war ich mehr Aktivist als Politiker.“

Publikum ist sichtlich gerührt

Während der Redebeiträge ist das Publikum aufmerksam. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer wirken bedrückt, gerührt, erschrocken. Ein besonderer Moment des Abends: Reyhaneh Khademi Rad greift nach ihrem Beitrag zu einer Schere und schneidet sich Haare ab. Das Publikum ist sichtlich gerührt, wieder fließen Tränen. Während des Applauses steht das Publikum nach und nach auf.

In der Fragerunde meldet sich eine Person mit Neuigkeiten aus Sanandadsch zu Wort. 42 weitere Menschen seien gestorben. „Meine Familie ist in dieser Stadt, ich bin gerade total gestresst“, sagt die Person. Es gehe jedoch nicht nur um die eigene Familie, sondern um alle Menschen, die dort gerade in Gefahr seien. Hilflosigkeit breitet sich im Raum aus.

Was können wir hier in Deutschland tun, um die Menschen im Iran zu unterstützen? Immer wieder wird gesagt, man solle sich aus verlässlichen Quellen informieren. „Wir können uns nur solidarisieren, wenn wir wissen, worum es geht“, betont Rezaee. Wenn man Informationen erhalte, sei es wichtig, diese kritisch zu hinterfragen. Oft werde zum Beispiel die Bevölkerung verallgemeinert, aber: „Es gibt nicht den einen Iran“, macht Rezaee deutlich. Rezaee empfiehlt den Guardian als gute Informationsquelle und auch den Instagram-Account @from_iran. Er selbst informiert mit seinem Projekt „Perspektive Iran“ online über aktuelle Themen.

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„Aufmerksamkeit rettet Leben“

Für die Menschen im Iran ist es schwieriger, sich zu informieren. Der Zugang zum Internet wird immer wieder durch das Regime eingeschränkt. Eine Zuhörerin macht auf das Internet-Tool Snowflake aufmerksam. Mit der Aktivierung des Tools könne man den Menschen im Iran einen Zugang zum Internet zur Verfügung stellen.

Alle Teilnehmenden sind sich einig, dass es extrem wichtig ist, Informationen auch zu teilen. Mit Freund:innen und Familie in Austausch kommen, egal ob digital oder in Präsenz. Die große Gefahr sei, dass die Aufmerksamkeit schnell durch andere Themen verloren gehe. „Aufmerksamkeit rettet Leben“, sagt der SPD-Politiker Ilkhanipour.

Reyhaneh Khademi Rad schlägt vor, Briefe an Politiker:innen und auch an Unis zu schreiben: „Wenn ihr unsere Stimme seid, hören das eure Regierungen.“ Die Gäste betonen, dass man durch Demonstrationen Druck auf die europäischen Regierungen aufbauen und diese zum Handeln bringen kann.

Diese Runde ist nur die Eröffnung

Leuphana-Professor Christoph Brunner betont: „Die Uni ist ein Ort des Empowerments. An der Uni kann man Netzwerken, Räume öffnen, sich Zeit nehmen, archivieren, erinnern und vermitteln.“ Von mehreren Seiten kommt der Vorschlag, sich mit anderen Unis zusammenzuschließen und gemeinsam eine Demonstration zu organisieren. Aus dem Publikum kommt spontan die Idee, schon diesen Freitag, nach Abschluss der Startwoche, auf die Straße zu gehen.  Aus dem Publikum gibt es den Wunsch, sich mehr als eineinhalb Stunden für dieses Thema zu nehmen. Steffi Hobus, akademische Leiterin des Leuphana College, versichert, dass diese Runde nur die Eröffnung ist. Sie verspricht: „Wir bleiben dran und werden unsere Öffentlichkeit und Freiheit an der Uni verantwortungsvoll nutzen.“

Von Nana Adjoa Amoah und Katrin Hommen

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