Bienenbüttel Hand in Hand für Flüchtlinge

Zwei, die helfen, wo Hilfe gebraucht wird: Aline Salinski (links) und Tanya Calabrese. Seit Januar unterstützen sie und zwei weitere Frauen aus Bienenbüttel in ihrem Laden an der Ebstorfer Straße Menschen in finanzieller Not. Das Projekt entwickelt sich in diesen Wochen auch zu einer tragenden Säule der lokalen Flüchtlingshilfe. (Foto: be)

Zwei, die helfen, wo Hilfe gebraucht wird: Aline Salinski (links) und Tanya Calabrese. Seit Januar unterstützen sie und zwei weitere Frauen aus Bienenbüttel in ihrem Laden an der Ebstorfer Straße Menschen in finanzieller Not. Das Projekt entwickelt sich in diesen Wochen auch zu einer tragenden Säule der lokalen Flüchtlingshilfe. (Foto: be)

Bienenbüttel. Wie erkennt man Armut? Keine einfache Frage. Allzu oft versteckt sie sich – hinter lächelnden Gesichtern, frischgereinigten Gardinen, in fleißigen Händen. Doch Tanya Calabrese weiß: „Es gibt auch hier in Bienenbüttel viele Menschen, die am Ende des Geldes einfach noch zu viel Monat übrig haben.“

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Und plötzlich waren es 80 Menschen mehr

Rentner, Alleinerziehende, Arbeitslose, Geringverdiener: Seit Januar erhalten sie an der Ebstorfer Straße, in den früheren Räumen der Fahrschule, kostenlos Lebensmittel, Hygieneartikel, Kleidung, Spielzeug, Bettwäsche, Schulmaterialien und Haushaltsgeräte „für ein Leben mit weniger Sorgen“, wie Aline Salinski erklärt. Die 30-Jährige ist neben Tanya Calabrese, Nadine Kröger und Pamela Scheler eine von vier Frauen, die mit dem Verein „Von Menschen für Menschen“ Bewohnern der Gemeinde in finanzieller Not Unterstützung anbieten. Was vor rund einem Jahr in einer Bienenbütteler Garage begann, entwickelt sich in diesen Wochen zu einer tragenden Säule der lokalen Flüchtlingshilfe. „Bis vor Kurzem haben wir noch 50 Familien betreut, jetzt sind es rund 80 Personen mehr“, berichtet Aline Salinski. Einige Wochen nachdem das Team den Laden an der Ebstorfer Straße bezogen hatte, erreichten die ersten geflüchteten Familien aus der Ukraine die Gemeinde Bienenbüttel. Bettwäsche wurde gebraucht, Kleidung, Lebensmittel – plötzlich in ganz anderen Dimensionen.

Manchmal fließen auch Tränen im Laden

Die vier Frauen starteten Aufrufe im Netz, ihr Engagement sprach sich schnell herum: Säcke- und Kistenweise lieferten die Menschen im Ort Sachspenden an die Tür, Geschäftsbetreiber im Ort boten ihre Hilfe an, das Spendenkonto füllte sich – und leerte sich auch gleich wieder, denn sobald sich die Ladentür des Vereins öffnet, stehen auch schon die ersten Kunden im Laden. Viele von ihnen haben ihre Heimat verlassen müssen – und oft nicht mehr als sie am Leib tragen. „Einmal kam eine Familie mit mehreren Kindern, die ihre Kuscheltiere in der Ukraine zurücklassen mussten“, erinnert sich Tanya Calabrese. „Sie hatten nichts, woran sie sich in dieser schwierigen Situation festhalten konnten.“ Also organisierten sie und ihre Vereinskolleginnen Teddys und Puppen. „Da stand ich hier im Laden und musste weinen. Das ging mir so nah.“ Tränen fließen öfter Mal in den Vereinsräumen – manchmal aus Anteilnahme, manchmal aus Verzweiflung, häufig vor allem aber aus Dankbarkeit, erzählt Aline Salinski.

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Der Platz im Laden allein reicht nicht aus

Denn inzwischen gibt es kaum noch einen praktischen Versorgungswunsch, den sie und ihr Team nicht erfüllen können. Auf Tischen und in Regalen stapeln sich Windeln, Decken und Kisten voller Kleidung – alles nach Größen sortiert. In der Ecke ein Regal mit haltbaren Lebensmitteln: Reis, Nudeln, Soßen. An der Kleiderstange neben dem Eingang: Jacken für alle Wetterlagen. Weil der Platz knapp wird, haben die vier Frauen Listen angefertigt – und einen Teil der Hilfsgüter in ihren eigenen vier Wänden und bei einem privaten Unterstützer eingelagert. Wird davon etwas gebraucht, fährt eine von ihnen los und sucht danach.

„Mama macht, dass es den Menschen besser geht“

Manchmal wundert sich Aline Salinski selbst, wie sie das zu viert alles gemanagt kriegen – ehrenamtlich, neben Kindererziehung und Berufstätigkeit. „Das ist schon ein ziemlicher Spagat“, gesteht sie. Wenn sie nach Feierabend im Wohnzimmer sitzt und 25 Schulranzen mit Stiften, Blöcken und Federtaschen befüllt, erklärt sie ihren Kindern: „Mama macht, dass es den Menschen besser geht.“ Wenn sie morgens aufsteht, fällt ihr erster Blick aufs Handy, wo meistens schon irgendwer ein Anliegen in die gemeinsame WhatsApp-Gruppe gestellt hat: Wer nimmt heute die Spenden entgegen? Wer geht einkaufen? Kann mich jemand im Laden vertreten? Aline Salinski zuckt die Schultern. „Mütter sind es gewohnt, zu funktionieren.“ Tanya Calabrese nickt: „Wir sind alle Organisationstalente.“

Ein Name, der auch ein Versprechen in sich trägt

In dem Moment taucht eine Frau in der geöffneten Ladentür auf. „Mein Mann hat beschlossen: Mit Ende 50 trägt man keine Muskelshirts mehr“, erklärt sie und überreicht Tanya Calabrese einen Pappkarton. So läuft das fast täglich. Aline Salinski hofft, dass die Spendenbereitschaft auch weiter anhält, wenn sie in Kürze ihren Vereinsnamen ändern. „Von Menschen für Menschen“ war, wie sich jüngst herausstellte, bereits vergeben. Demnächst wird an der langen Fensterfront am Laden also ein neuer Schriftzug zu lesen sein: „Bienenbüttel Hand in Hand“. Der Name trägt ein Versprechen in sich, von dem die vier Frauen hoffen, dass es sich auch in Zukunft erfüllt. Wer den Verein mit Sach- oder Geldspenden unterstützen möchte, kann sich unter der E-Mail-Adresse Bienenbuettelhih@gmx.de an die Organisatorinnen wenden. Die Öffnungszeiten des Ladens in der Ebstorfer Straße variieren. Heute können dort, direkt hinter dem Rathaus, Spenden in der Zeit von 14 bis 16 Uhr entgegengenommen werden, in den folgenden zwei Wochen dieses Monats stehen die Türen immer mittwochs von 15 bis 17 Uhr sowie freitags von 10 bis 12 Uhr offen. Von Anna Petersen

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