Dienstag , 6. Dezember 2022
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foto: Michael Behns Lockdown Innenstadt Corona Maskenpflicht

Die Sehnsucht nach Stress

Beim Corona-Gipfel am Mittwoch wurde der Teil-Lockdown für Kneipen, Restaurants Kultur- und Freizeinrichtungen bis mindestens 20. Dezember verlängert. Das werde zwar nicht der Knockout für die gesamte Branche, sagt Dehoga-Kreisvorsitzender Martin Zackariat, aber dennoch dürften einige Betriebe den kommenden Winter nicht überstehen.

Lüneburg. Seit Angela Merkel am Mittwochabend um 21.32 Uhr vor die Kameras trat, weiß Martin Zackariat, dass er dieses ungewollte Gefühl erstmal nicht loswird: "Es ist ungewohnt, dieses Nichtstun. Ich fühle mich wie im Vorruhestand." Der Betreiber der Heiligenthaler Wassermühle übertreibt etwas, denn trotz verlängertem Lockdown light herrscht in seinem Hotel und seinem Restaurant Betrieb. Allerdings längst nicht der, der in der Vorweihnachtszeit normal wäre.

Restaurant verkauft außer Haus

"In der Küche arbeitet ein Koch statt zweier. Das Restaurant muss geschlossen bleiben, aber zumindest der Außer-Haus-Verkauf funktioniert." Und lediglich zwei Zimmermädchen reichen aus, um die Zimmer der "fünf bis zehn Gäste unter der Woche" zu reinigen, die nicht als Touristen, sondern beruflich unterwegs sind. "Viele Mitarbeiter feiern Resturlaub ab oder sind in Kurzarbeit."

Die Gastronomie soll nach den Beschlüssen von Bund und Ländern mindestens bis zum 20. Dezember geschlossen bleiben. Der Bund stellt 17 Milliarden Euro Hilfe bereit.

"Für meinen Betrieb sind die Unterstützungsmaßnahmen, sofern sie ausgezahlt werden, ausreichend", sagt Martin Zackariat. "Aber selbstverständlich werden einige Betriebe den Winter nicht überleben." Am schwersten werde es die erwischen, die von Feiern und Catering abhängig sind, vermutet der Heiligenthaler. Angst dürfte potenzielle Gäste von Buchungen abhalten. "Wir haben auch schon die ersten Absagen für Feiern im Jahr 2021."

Forderung, dass die Mehrwertsteuer auf Speisen dauerhaft auf 7 Prozent bleibt

Nach einer bundesweiten Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), deren Kreisvorsitzende Zackariat ist, hatten die Betriebe von März bis August Umgangseinbußen in Höhe von 55,8 Prozent.

Eine Zahl, die Zackariat mit 7 Prozent kontern will: "Ein Standbein zum Überleben für uns war und ist die Mehrwertsteuerabsenkung auf Speisen. Schon lange vor Corona geforderte, sollte diese für immer umgesetzt werden, damit die Blödsinnigkeiten, ob 7 oder 19 Prozent, endlich aufhören."

Feiertage werden eine besondere Herausforderung

Das in seuchenfreien Zeiten so wichtige Weihnachtsgeschäft werde für seine Branche dieses Mal eine besondere Herausforderung, weiß Zackariat. "Viele Betriebe, wie auch der meine, werden geschlossen bleiben und außer Haus anbieten. Das ist kalkulierbar und wird auch hoffentlich nicht verboten werden. Alle bisherigen Tischreservierungen wurden abgesagt oder von uns storniert, so dass wir keinen Restaurantbetrieb anbieten werden. Die Ungewissheit ist einfach zu groß."

Während Berlin, Hessen und Nordrhein-Westfalen dem Weihnachtsbesuch erlauben, in Hotels zu übernachten, hält sich Niedersachsen in diesem Punkt noch zurück. Derzeit dürfen Geschäftsreisende, aber beispielsweise auch Eltern, die ihrem Kind beim Umzug helfen, an den Werktagen im Hotel übernachten. Hier würde eine Lockerung in Sachen Weihnachtsbesuch sicherlich vielen Hoteliers helfen.

Rettungspaket für Gaststätten und Hotels

Während Bund und Länder schon ein Tauziehen beginnen, wer denn die Coronahilfen künftig zahlen soll, sorgt sich der Dehoga-Kreisvorsitzende, ob wirklich das ausgezahlt wird, was versprochen wurde. Zugleich mahnt er seine Kollegen, dass die Zuschüsse zwar nicht zurückgezahlt, wohl aber versteuert werden müssen. Unterdessen fordert die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ein Rettungspaket auch für die Arbeitnehmer in Gaststätten und Hotels – einmalig 1000 Euro für jeden Beschäftigten sowie ein Mindestkurzarbeitergeld.

Martin Zackariat hofft im Schatten der Diskussion um Hilfszahlungen auf schnelle Fortschritte der Impfforscher, damit er in seiner Wassermühle wieder unter Stress arbeiten muss. "Hoffentlich hat man das nicht verlernt."

Von Joachim Zießler