Sonntag , 4. Dezember 2022
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In den Grundschulen findet ab dem 11. Januar eine Woche Homeschooling statt, dann soll der Unterricht im Wechselmodell durchgeführt werden. (Foto: A/t&w)

Mutmacher: Achtsamkeitstraining kann Stress reduzieren

Seit vier Jahren führt Selma Polat-Menke mit ihren Schülerinnen und Schülern an der Herderschule Achtsamkeitsübungen durch. Meist kostet das nur fünf bis zehn Minnten, hilft den Kindern aber, sich zu konzentrieren und den Stress im Alltag meistern zu können. Die Lehrerin hat kurze Video-Clips erstellt.

Lüneburg. Ein leiser Gong erfüllt den Klassenraum. Der Ton schwillt langsam ab, dann herrscht absolute Stille. 25 Schülerinnen und Schüler sitzen auf ihren Stühlen, ihre Augen sind geschlossen, manche lassen die Hände auf ihrem Bauch ruhen. Sie alle spüren die Bewegung ihres Atems, sie horchen auf die Stille um sich herum. Es ist ein ganz normaler Donnerstagmorgen in der Herderschule.

Die Achtklässler werden vor jeder Religionsstunde von ihrer Lehrerin Selma Polat-Menke durch sogenannte Achtsamkeitsübungen geführt. Manchmal ist es nur der Gong, der für einige Sekunden Stille in den Trubel des Schulalltags bringt, an anderen Tagen gibt die Lehrerin ihren Schülern mehr Zeit. Die Praxis des Achtsamkeitstrainings soll die Konzentration fördern, Mut machen und Stress lindern.

Die Stille ist das, was die Kinder beruhigt

"Komm ganz bei dir an", sagt Polat-Menke jetzt mit ruhiger Stimme zu den 13- bis 14-Jährigen, "indem du zunächst den Kontakt der Füße mit dem Boden spürst. Fühle die Druckpunkte. Wander nun hoch zur Sitzfläche und spüre wie du vom Stuhl getragen und gehalten wirst, wie die Wirbelsäule sich aufrichtet. Spür den Hals, den Nacken und den Kopf, der darauf ruht." Stille.

"Werde dir nun der Tatsache bewusst, dass du atmest", leitet Polat-Menke die Schüler weiter an. "Lege deine Hand ganz sanft auf den Bauch und spüre die Bewegung des Atems."

Jetzt füllt wieder die Stille den Raum. Genau das würden die Kinder bei den Übungen genießen, sagt Polat-Menke. "Der Schulalltag ist geprägt von Lautstärke und Hektik. Hier kommen sie zur Ruhe."

Seit vier Jahren führt Polat-Menke diese Übungen an der Herderschule durch, seit 3,5 Jahren gibt es eine eigene AG dafür und seit drei Jahren bietet sie auch Kurse für Erwachsene an. Denn sie findet: "Warum sollte ich erst mit den Menschen arbeiten, die ihr inneres Gleichgewicht schon verloren haben? Es ist besser, wenn ich Kindern und Jugendlichen schon vorher die Fähigkeit vermitteln kann, ihr Gleichgewicht aufrechtzuerhalten."

Bei Schülern kommt die Praxis gut an

Bei den Schülern kommt die Praxis gut an, einige haben zusätzlich bereits an der AG "StressFrei! Durch Achtsamkeit" teilgenommen. "Ich wollte einfach mal schauen, ob mir diese Übungen helfen können, mich besser zu konzentrieren und ob es mir damit leichter fällt, mit Stress umzugehen", erzählt Marie Pröhl (14) von ihren ersten Erfahrungen mit dem Achtsamkeitstraining. "Und das funktioniert tatsächlich." Nun nutzt sie einzelne Übungen, um sich vor dem Lernen zu fokussieren.

Auch ihre Mitschülerin Phyllis Boelter (14) wendet die Praxis in ihrer Freizeit an, nicht nur bei schulischen Angelegenheiten. Es gelinge ihr dadurch, sich selbst Kraft und Mut zu schenken, "wenn es mir mal nicht gut geht oder ich gestresst bin".

Nicht nur die drei sind sich einig, dass Achtsamkeitsübungen in stressigen Lebenslagen helfen können. Auch Polat-Menke ist überzeugt, dass die Praxis vielen Menschen im Alltag helfen könne. "Bei Meditation wird der kognitive Bereich unseres Gehirns größer, das Angstzentrum verkleinert sich", sagt die Lehrerin. Das helfe, gelassener zu werden und seine Emotionen besser regulieren zu können. "Das wiederum kann den Schlaf verbessern und das Immunsystem stärken."

Skepsis verschwindet schnell

Trotz dieser wissenschaftlich erwiesenen Wirkung stehen viele Menschen dem Achtsamkeitstraining skeptisch gegenüber. Auch bei den Schülern der 8. Klasse habe es zu Beginn "peinliches Kichern" gegeben. "Das ist aber schnell verschwunden, als alle gemerkt haben, dass der Großteil das überhaupt nicht peinlich findet", erzählt Polat-Menke.

Und auch die Schülerin Anna Podlesch (13) weiß: "Es kommt natürlich auf die Einstellung an. Man muss sich darauf einlassen. Außerdem darf man nicht so schnell aufgeben, wenn es mal nicht beim ersten Versuch klappt."

Deshalb will auch Polat-Menke allen Menschen, vor allem Kindern und Jugendlichen, Mut machen: "Probiert es einfach mal unter Anleitung aus." Diese Anleitung hat Polat-Menke schon im ersten Lockdown in kurze Videos verpackt. "Herzbeschirmt" nennt sie diese Clips. "Konzipiert sind die Filme zwar für Kinder und Jugendliche, aber sie werden sicher auch dem ein oder anderen Erwachsenen den Zugang zu dem Thema erleichtern."

Die Videos zum Mitmachen finden Sie auf www.herzbeschirmt.de

Von Lilly von Consbruch