Sonntag , 4. Dezember 2022
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Dover
Ronald Schröder hofft, dass er am 1. Weihnachtstag bei seiner Familie sein kann. (Foto: privat)

Gestrandet in Dover

„Hier in Dover stehen rund 1000 Autos, am Hafen ist alles voll mit Lastern und Kleintransportern, die Lage ist katastrophal, und sie wird stündlich schlimmer”, berichtet Ronald Schröder. Er ist dienstlich in Großbritannien und wurde am Montag eiskalt von der Grenzschließung wegen der neuen Corona-Variante erwischt. Kann er Weihnachten zu Hause feiern?

Lüneburg/Dover. Lammrücken mit Spinat und Kartoffelgratin, danach Mousse au Chocolat mit Nougat: Wenn Ronald Schröder an die Auszüge des 4-Gänge-Menüs denkt, das seine 16-jährige Tochter Heiligabend für die Familie zaubern wird, läuft ihm das Wasser im Mund zusammen. Erstmals an Weihnachten hatte er das Zepter in der Küche abgegeben, sich auf ein ruhiges Fest mit seiner Frau und seinen beiden Kindern gefreut. Doch es kam anders: Statt an Heiligabend die Kochkünste seiner Tochter zu genießen, sitzt der Handorfer nun seit Tagen im britischen Dover fest. Ronald Schröder handelt mit Ruderbooten, am vergangenen Sonnabend fuhr er mit Auto und Anhänger auf die Insel, um dort zwei Boote abzuholen. Es war die letzte Chance vor dem Brexit. „Privat wäre ich selbstverständlich zu Hause geblieben”, sagt er. Nun ist er gestrandet.

100 Menschen teilen sich ein Hotelzimmer

In Großbritannien wurde Schröder am Montag eiskalt von der Grenzschließung wegen der neuen Corona-Variante erwischt. „Ich stand vier Stunden vor Abfahrt der Fähre am Hafen in Harwich. Zwei Stunden vor der Abfahrt erfuhren wir, dass wir nicht mehr raus dürfen.” Schröder machte sich sofort auf den Weg in die Küstenstadt Dover, dort gingen noch Fähren, hieß es. „Fast hätte es in Dover noch geklappt, vier Autos waren vor mir in der Schlange, eins davon kam mit.” Die erste Nacht verbrachte Schröder in seinem Auto, inzwischen hat er ein Hotel.

Der Familienvater berichtet von chaotischen Zuständen. „Ich bin wirklich viel in Europa unterwegs, aber sowas habe ich noch nie erlebt.” Als er diesen Satz am Telefon sagt, hat er gerade einen 50 Kilometer langen Lkw-Stau passiert, Teile der Autobahn seien inzwischen komplett gesperrt.

„Hier in Dover stehen rund 1000 Autos, am Hafen ist alles voll mit Lastern und Kleintransportern, die Lage ist katastrophal, und sie wird stündlich schlimmer.” Die Polizei sei gereizt, schon gestern habe es leichte Tumulte gegeben. Schröder befürchtet, dass die Situation eskalieren könnte. „Die Menschen werden ungehalten. Die meisten von ihnen können nicht mal eine Toilette benutzen, schlafen seit Tagen im Auto. Trotzdem werden uns die öffentlichen sanitären Anlagen nicht zugänglich gemacht. Niemand ist gewillt, etwas zu tun, keiner fühlt sich verantwortlich.”

100 Menschen aus drei rumänischen Reisebussen teilten sich ein Hotelzimmer, damit sie reihum auf die Toilette gehen und duschen könnten, berichtet Schröder fassungslos. Es seien besonders viele Rumänen und Polen, die zum Arbeiten im Vereinigten Königreich gewesen seien, die hier gestrandet sind, Menschen, die sich auf Weihnachten in der Heimat im Kreise ihrer Familie gefreut hatten. Das wird ihnen vermutlich verwehrt bleiben.

Schröder sieht die Behörden komplett überfordert: „Heute gab es die Ansage, dass ausreisen kann, wer einen negativen Test hat. Aber es gibt kaum Möglichkeiten, sich testen zu lassen. Wer die Hotline anruft, wird nach Symptomen gefragt, ohne Symptome kein Test. Auch die Seite des National Health Service hilft nicht weiter, hier weiß eine Hand nicht, was die andere tut.”

150 Kilometer zum Corona-Test gefahren

Schröder selbst war aus der Not heraus am Mittwoch ins 150 Kilometer entfernte London gefahren, um sich am Flughafen Gatwick testen zu lassen. Auf das Ergebnis wird er vermutlich bis heute Abend warten müssen. „Bevor das Ergebnis da ist, darf ich das Land nicht verlassen. Ein Schnelltest wäre nicht sicher genug gewesen, die Wahrscheinlichkeit, dass der von Frankreich nicht anerkannt wird, ist groß.”

Ronald Schröder wurde bereits von dem britischen Fernsehsender BBC interviewt, ebenso von Al Jazeera UK, das Medienaufkommen vor Ort sei enorm. Zu Leidensgenossen habe er bisher wenig Kontakt gehabt. „Die Angst vor dem Virus ist groß, nicht jeder nimmt es mit der Maskenpflicht so genau. Da bleibt man lieber für sich und hofft, dass es schnell vorbeigeht.” Sein größter Wunsch sei es, zumindest am ersten Weihnachtstag bei seiner Familie zu sein. „Für uns ist das große Familienessen das Schönste. Einfach zusammen zu sein, darauf freue ich mich gerade sehr.” Vom Menü am ersten Weihnachtsfeiertag lasse er sich gerne überraschen, sagt Schröder schmunzelnd. Silvester steht er übrigens wieder selbst am Herd.

Von Lea Schulze