Freitag , 2. Dezember 2022
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Angespitzt

Die schweren letzten Meter einer Ära

Das vergangene Jahr stand im Zeichen des Virus. Das neue wird auch im Zeichen von Wahlen stehen – für den Bundestag und in Niedersachsens Kommunen. Für Lüneburg heißt das: die Ära Ulrich Mädge endet. Einen Ausblick wagt das "Angespitzt".

Auch wenn 2020 als das "Corona-Jahr" in die Geschichtsbücher eingehen wird, sollten politische Beobachter ihren Blick im beginnenden Jahr nicht ausschließlich vom Virus fesseln lassen. Denn im Herbst endet eine Ära. Nein, eigentlich zwei. Im Bund tritt Angela Merkel nach fast 16 Jahren im Kanzleramt ab. In Lüneburg tritt Ulrich Mädge nach 29 Jahren als Oberbürgermeister ab. Noch ist es zu früh, um Bilanz zu ziehen. Aber nicht, um ein paar Wünsche zu äußern für die letzte Etappe dieser außergewöhnlichen Politikerkarrieren.

Denn das Unfaire am Urteil der Zeitgenossen über das Vermächtnis von Politikern ist, dass es vom letzten Eindruck geprägt, manchmal sogar überformt wird. Man denke nur an Helmut Kohl, dessen starrsinniges Beharren darauf, er habe sich in Sachen schwarze Kassen über das Recht hinwegsetzen dürfen, auf ewig seine Verdienste als Einheitskanzler befleckt.

Doppelt unfair bei lange Mächtigen ist, dass Bürger ihnen am Ende negativ auslegen, wofür sie diese einst gewählt haben. Da gilt die Abwägende und Ausgleichende plötzlich als Zaudernde. Und der durchsetzungsstarke Macher als selbstherrlich.

Insofern wünscht man Ulrich Mädge ein glückliches Händchen für die letzten Monate im Rathaus, bevor im September eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger gewählt wird – leider möglicherweise etwas im Schatten der Bundestagswahl, falls in Lüneburg an deren Termin, dem 26. September, eine Stichwahl notwendig sein sollte. So wäre es für Mädge etwa Unfug, in den letzten Amtsmonaten noch Kraft im Kampf um Nebensächliches zu verpulvern.

Ein glückliches Händchen braucht es aber auch im Umfeld des Rathauses, im Rat, bei den Parteien, damit der heiligste Akt der Demokratie gelingt. Das sind nicht die Wahlen, wie überwiegend angenommen, sondern die Machtübergabe. Wie gerade in den USA zu erleben, wo zwar der Wahlgang über jeden Zweifel erhaben ist, der amoralische Amtsinhaber aber ein unwürdiges Schauspiel veranstaltet, dass die US-Demokratie beschädigt.

Nichts in dieser Preisklasse ist in Lüneburg zu befürchten. Weil hier nur lupenreine Demokraten agieren. Gleichwohl könnte der Übergang missglücken, wenn die Prioritäten in den verbleibenden Monaten bis zur Kommunalwahl falsch gelegt werden. So ist zwar zu erwarten, dass die Parteien bei ihrer Kandidatenkür nach fast drei Jahrzehnten Mädge Personen suchen, die den Wandel verkörpern. Die SPD darf dabei aber nicht zu weit von Mädge und seinen Leistungen abrücken, sonst sind am Ende beide beschädigt. So geschehen bei Gerhard Schröder und der Hartz-IV-Reform.

Derartige Beißhemmungen müssen Grüne und CDU nicht bedenken. Gleichwohl besteht auch für sie die Gefahr der Selbstbeschädigung. Etwa, wenn der Rat nach dem Zerbrechen von Jamaika in Selbstblockade versinkt. Oder wenn Sachentscheidungen in Waffen gegen den OB umgeschmiedet werden. Wie geschehen bei der Abwägung zwischen den Sonderinteressen der Flieger und der Möglichkeit, Gewerbe anzusiedeln.

Eine Politikerkarriere über Jahrzehnte erinnert an einen Marathon. Und der kann auf zwei Arten enden. Entweder schleppt man sich stolpernd mit letzter Kraft über die Ziellinie. Oder man fliegt darüber, vollgepumpt mit Glückshormonen. Letzteres wäre gut für Lüneburg.

Von Joachim Zießler