Donnerstag , 1. Dezember 2022
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Gustav Wallis
Gustav Wallis auf einer Zeichnung von 1869. (Foto: Popular Science Monthly Volume 14.djvu/270)

Der Pflanzenjäger

Kaum ein Zeitgenosse von Gustav Wallis dürfte im 19. Jahrhundert so viel von der Welt gesehen haben, wie der Lüneburger. Auf der Jagd nach seltenen und unbekannten Pflanzen entdeckte er viel Neues – doch sein Name ist heute fast vergessen.

Lüneburg. Zimmerpflanzen sind in. Kaum ein Studentenhaushalt kommt ohne sie aus, Fotos werden massenweise in sozialen Netzwerken geteilt und selbst Baumärkte verkaufen inzwischen Exoten wie Monstera oder Alocasia. Doch gibt es einen Mann, den kaum einer kennt, ohne den die Welt der Zimmerpflanzen aber eine andere wäre – und ohne den viele Wohnzimmer anders aussähen. Der Lüneburger Gustav Wallis brachte rund 1000 Pflanzen erstmals nach Europa – darunter viele Orchideen aber auch Klassiker wie das Einblatt. Wie hat er das gemacht?

Die Wurzeln

Es muss sich für die Eltern wie ein Unglück angefühlt haben. Ihr kleiner Gustav reagierte nicht auf Geräusche. Kein Blick wenn man ihn rief, kein Schreck beim vorbeirattern einer Kutsche. Gustav war gehörlos.

Für die gutbürgerliche Familie Wallis mit ihren sechs Kindern Anfang der 1830er-Jahre eine Belastung. Bedeutete es doch, dass Gustav Zeit seines Lebens auf Unterstützung angewiesen sein würde – und das als Spross einer Familie, die stolz war auf ihre Bildung.

Gustav Wallis‘ Großvater war der Lüneburger Stadtchirurg Ernst Christian Wallis. Sein Vater Daniel Ludwig Wallis besuchte das Johanneum und studierte anschließend Rechtswissenschaften in Göttingen. Nach dem Abschluss ließ er sich in Lüneburg als Advokat und Notar nieder. Sein Bruder Johann Wilhelm Ferdinand – Gustav Wallis‘ Onkel – war Stadtwundarzt. Kurzum: Die Familie gehörte zur Lüneburger Bildungselite.

Doch was wir heute über die Kindheit und Jugend von Gustav Wallis wissen, wissen wir vor allem aus Texten, die Zeitgenossen über ihn schrieben. Ganz sicher aber ist, dass das Jahr 1836 einen Wendepunkt in seinem Leben darstellte. Am 21. Februar starb Vater Daniel Ludwig Wallis mit nur 44 Jahren. Und im selben Jahr, so ist es überliefert, begann Gustav zu sprechen. Es ist nicht ganz klar, aber wahrscheinlich, dass Wallis lernte, von den Lippen abzulesen und sich selbst zu artikulieren. Die Sprachfähigkeit blieb sein ganzes Leben lang unterentwickelt – aber er konnte plötzlich mit seiner Umgebung kommunizieren.

Das Wachstum

Nach dem Tod ihres Mannes zieht Witwe Wallis mit ihren sechs Kindern zurück in ihre Heimatstadt Detmold. Gustav ist gerade sechs Jahre alt, als er seinen Geburtsort Lüneburg verlassen muss. Es ist der Beginn eines rastlosen Lebens. Sein Biograf Karl Müller beschreibt den jungen Gustav Wallis in einem Nachruf als in sich gekehrt. Als ein hochbegabtes, aber wegen seiner sprachlichen Schwächen oft ausgegrenztes Kind. Ein Junge, so zerbrechlich wie der frische Trieb einer Pflanze. „Was mußte eine Knabe empfinden, der, in sich selbst blickend, sich unter den ersten sehen mußte, und doch nicht einmal zu den Untersten gezählt sah! Wie fast alle Zurückgesetzten, warf er sich der schönen Natur seiner Heimat mit voller Seele in die Arme und lernte frühzeitig das lieben, was selbst so duldend in der weiten Schöpfung erscheint: die Blume.“ Auch Wallis beschrieb später, dass er wahres Glück stets nur in der Natur gespürt habe.

Gegen den Willen seiner Mutter brach er eine Lehre zum Goldschmied ab, ging nach München und schaffte es dort tatsächlich, eine Anstellung im königlichen Hofküchengarten zu bekommen. Wie er selbst in einer seiner wenigen Veröffentlichungen schreibt, nutzte Wallis jede freie Stunde für Wanderungen in die Natur, am liebsten in die Alpen. Dort fühlte er sich „der niederen Erdenkruste entrückt“. Doch er wollte mehr. Er wollte Natur in ihrer ganzen Pracht erleben. Nicht nur im gemäßigten Europa, sondern in den tropischen Gebieten.

Die Blüte

Tatsächlich gibt es in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Nische für abenteuerlustige junge Männer, die sich mit Pflanzen auskennen. Der europäische Adel und das Großbürgertum hatten exotische Pflanzen für sich entdeckt. Die sind nicht nur teuer, sondern brauchen auch viel Pflege – und sind damit das perfekte Statussymbol. Besonders für Orchideen werden kleine Vermögen ausgegeben. Rund um diese lebenden Schätze und Prestigeobjekte entsteht ein lukrativer Markt. Und Gustav Wallis war mittendrin.

Mit 28 Jahren trat er in den Dienst des belgischen Botanikers und Händlers Jean Linden. Wallis‘ Job: Pflanzen finden und nach Europa schicken. Klingt einfach? War es aber nicht. „Das war ein knallhartes Geschäft“, erklärt Rudolf Jenny, einer der weltweit führenden Orchideen-Experten. „Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, unter welchen Verhältnissen die Männer während der Reisen gelebt haben. Das waren richtige Abenteurer.“ Das Bild des naturliebenden Wissenschaftlers täuscht. „Die meisten Pflanzensammler waren nicht mal Gärtner“, berichtet Jenny. Im Gegenteil. Nicht selten schickten die Händler unliebsame, skrupellose und sozial ausgegrenzte Arbeiter hinaus in die Welt. „Das waren nicht immer die einfachsten Menschen“, sagt Jenny. Es ging schließlich nicht darum, neue Arten zu beschreiben oder wissenschaftliche Arbeit zu betreiben – Wallis und seine Kollegen waren Jäger. Im Auftrag von Händlern, die möglichst exklusive Pflanzen haben wollten, an denen sie gut verdienten. Die Pflanzenjäger selbst wurden meist schlecht bezahlt und blieben weitgehend unbekannt.

Von 1860 bis 1868 hielt sich Wallis fast durchgängig in Mittel- und Südamerika auf. Trotz seiner Behinderung sprach er Spanisch und auch etwas Portugiesisch. Doch zeigte er nicht nur Interesse an Pflanzen sondern auch einiges Geschick an der Organisation seiner Expeditionen. Denn um Begleiter, Dolmetscher, Proviant, Schiffe, Flöße oder Unterkünfte musste er sich selbst kümmern – und Gelder vorstrecken. Immer wieder unterstützen Freunde, Gönner und die Familie Wallis deshalb mit Geld.

Besonders europäische Begleiter wurden immer wieder von Tropenkrankheiten niedergestreckt. Einige kehrten von den Abenteuern nicht zurück. Und doch trieb es Wallis immer tiefer in die Regenwälder. Kaum jemand seiner Zeitgenossen dürfte das Innere des südamerikanischen Kontinents so intensiv kennengelernt haben, wie der Lüneburger. Nicht unwahrscheinlich, dass er einige Gegenden als erster Europäer überhaupt erreichte. In Brasilien zum Beispiel verbrachte er einige Zeit bei Ureinwohnern. „Ich befand mich da“, so erzählte er es später bei einem Vortrag in Berlin, „bald wohnlich, behaglich unter ihrem Dache, und auch bei stummer Freundschaft war es ein gutes Umgehen mit ihnen. Und bilden jene Zeiten die schönsten Erinnerungen in meinem Leben.“

Die Pflanzen, die Wallis sammelte wurden meist in speziellen Kisten nach Europa verschifft. Viele davon waren bis dahin hier unbekannt und wurden begeistert aufgenommen. Vor allem im Bereich der Orchideen setzte Wallis Maßstäbe. Manche seiner Entdeckungen wurden bei Weltausstellungen gezeigt und prämiert. Er selbst aber blieb außerhalb der Fachwelt unbekannt. Das mag daran liegen, dass er nie ein großes Werk seiner Reisen veröffentlichte. Doch auch sein Arbeitgeber Jean Linden trägt eine Mitschuld. Der versuchte wann immer möglich zu verheimlichen, welche Pflanzen Wallis entdeckt hatte. Möglicherweise, um seinem fleißigen Sammler nicht mehr als nötig zahlen zu müssen – so warf es ihm Wallis jedenfalls mal in einem Zeitungsartikel vor.

Das Verwelken

Immer wieder kehrte Wallis nach Europa zurück. Doch ein bürgerliches Leben mit Familie in der Heimat kam für ihn wohl nicht infrage. Ab 1870 arbeitete er für des damals größte Pflanzenhandelsunternehmen „James Veitch & Sons“, für das er etwas widerwillig auf die Philippinen reiste. 1872 schließlich durfte er wieder nach Südamerika. Noch einmal konnte er dort an seine besten Zeiten anknüpfen und schickte mehrere Hundert Kisten mit Pflanzen nach Europa. Doch er schonte sich nicht. In Briefen an seine Mutter berichtet er von Fieberanfällen und Krankheiten wie Malaria. Seine Expeditionen unterbricht er deswegen nicht.

Irgendwann schließlich gibt Wallis nach. In Cuenca in Ecuador lässt er sich in ein Krankenhaus einweisen. In seinem letzten Brief berichtet er davon, dass es ihm schon wieder etwas besser gehe und fragte, ob man ihm vielleicht etwas Geld schicken könne. Als der Brief im Juli 1878 seine Familie erreicht war Wallis bereits tot.

Sein Name aber lebt weiter – in den Pflanzen die nach ihm benannt wurden. Für den Naturliebhaber Wallis bestimmt die schönste Auszeichnung.

Von Lion Grote