Sonntag , 4. Dezember 2022
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Geschlechterdefinition
Menschen, die sich nicht in die bipolare Geschlechterdefinition einfügen wollen, gibt es auch der Leuphana. Nun fühlen sich einige von ihnen von den Äußerungen einer Juniorprofessorin provoziert. (Foto: Adobe Stock)

Im Minenfeld der Geschlechter

Im angelsächsischen Raum tobt seit Jahren eine brutale Debatte zwischen radikalen Feministinnen und radikalen Trans-Aktivisten. Es geht um die Hoheit über das eigene Geschlecht. Bestimmt die Biologie über das eigene Geschlecht oder das eigene Gefühl? Jetzt erreicht der Konflikt die Leuphana. Studenten fühlen sich von einer Juniorprofessorin diskriminiert.

Lüneburg. Die Schockwellen eines fernen Krieges haben die Leuphana erreicht. Wird die Universität zum Kollateralschaden? Studenten fordern eine öffentliche Distanzierung der Universität von einer Juniorprofessorin, einige sogar deren Entlassung. Der Gastwissenschaftlerin werfen sie "Transphobie" vor, weil sie in sozialen Medien Männern, die sich als Frauen fühlen, das Recht abspricht, sich als Frauen zu bezeichnen – sogenannte "Transfrauen". Die Leuphana geht zwar in Worten und Taten zu der Frau auf Abstand, sieht aber für dienstrechtliche Sanktionen keine Möglichkeit, weil die Äußerungen privat fielen.

Geschlechterwechsel, um Frauen zu unterdrücken?

Schon seit Jahren tobt in den sozialen Medien ein erbitterter Kampf zwischen Radikalfeministinnen und Trans-Aktivisten. Seit Juni 2015 lehrt die eigentlich an der Uni Glasgow beheimatete Juniorprofessorin in Lüneburg internationales Wirtschaftsrecht. Sie bezeichnet sich in einem Beitrag "How to be a woman on Twitter" selbst als "Sozialistin und Feministin" und lehnt in zahlreichen Beiträgen auf Twitter und Co. die Anerkennung von Transgender-Frauen als Frauen ab. Sie sieht in der "Gender-Theorie", nach der die Geschlechter bloße soziale Konstrukte sind, einen "frauenfeindlichen Ansatz". Zum Recht von Frauen auf Selbstbestimmung zählt sie auch das "Recht, Männer aus unserer Geschlechtsgruppe auszuschließen". Die Behauptung, dass Transfrauen im falschen Körper geboren worden seien, bezeichnet sie als absurd, warnt an anderer Stelle vor einer "Verwässerung der Definition von Frau und Mann".

Leuphana-Präsidium: Kein Platz für Diskriminierung

Trans-Menschen an der Uni fühlten sich diskriminiert. Monate köchelte die Debatte in sozialen Medien, dann nahm das Uni-Präsidium am 3. Dezember unter der Regenbogenflagge Stellung, bekannte sich zu "Liberalität, Gleichbehandlung und Respekt für Geschlechtervielfalt in der Hochschule". Inklusion und Gleichstellung, auch bezüglich der Geschlechtervielfalt, hätten an der Leuphana einen hohen Rang. "Aussagen, die sich gegen trans, inter* und nicht-binäre Personen richten, sind mit dem Leitbild der Universität nicht vereinbar."

Dieses Statement wurde vom AStA und diversen feministischen, Queer- und Trans-Aktivisten zwar begrüßt. Zugleich machten sie aber deutlich, "dass sich trans, inter und nicht-binäre Menschen an der Universität Lüneburg heute nicht ausreichend willkommen fühlen." Sie fordern über die Selbstverpflichtung der Uni hinaus "konkrete hochschulöffentliche Schritte" und "eine öffentliche Distanzierung von den transfeindlichen Äußerungen der Juniorprofessorin".

Freie Meinungsäußerung vs. Mäßigungsgebot

Uni-Sprecher Henning Zühlsdorff verweist nach LZ-Nachfrage auf bereits bestehende und geplante Angebote. Von einem inklusiven und alle Geschlechter berücksichtigenden Sprachgebrauch, über All-gender-Toiletten und das AStA-Referat QuARG als Anlauf- und Beratungsstelle. Geplant seien "safe spaces", wo sich Menschen, die das ihnen zugewiesene Geschlecht nicht akzeptieren, austauschen können. Zudem "No Hate Speech"-Workshops.

Zudem weist die Uni darauf hin, dass nicht sie alleine gegen problematische Tweets vorgehen müsse. Wer sich etwa beleidigt fühle, könne selbst dagegen juristisch vorgehen.

"Private Meinungsäußerungen sind durch Artikel 5 des Grundgesetzes gedeckt", sagt Zühlsdorff, "sie können nicht Gegenstand einer dienstrechtlichen Prüfung sein. Die Universität wird allerdings dienstrechtliche Konsequenzen hinsichtlich fragwürdiger Äußerungen, die im Rahmen des Dienstverhältnisses und nicht im Rahmen privater Meinungsäußerungen möglicherweise getätigt worden sind, prüfen."

"Gänzlich andere Auffassungen"

Die Vehemenz der Auseinandersetzung ist eigentlich ein Import von den britischen Inseln. Seit 2017 erlaubt das Gesetz dort "Geschlechtsumwandlungen" ohne medizinische Diagnose oder körperliche Veränderungen. Daraufhin erklärten sich Männer mit Vollbart zu Frauen, verlangten Jobs, die Frauen vorbehalten waren, wollten bei sportlichen Wettkämpfen bei den Frauen starten und Zugang zu Frauengefängnissen, Toiletten und Umkleidekabinen erhalten. Immer wieder beklagten Frauen Übergriffe solcher "Transfrauen".

Im Nachgang werden nun auch an der Leuphana sehr grundsätzliche Fragen diskutiert: Wer bestimmt das Geschlecht? Die Biologie? Die Gesellschaft? Wir selbst? Und was wird durch freie Meinungsäußerung noch gedeckt? Was verletzt das Mäßigungsgebot für Beamte?

Stand jetzt endet der Vertrag der Juniorprofessorin im kommenden Jahr. Bis dahin gilt die Äußerung von Henning Zühlsdorff: "Die Universität hat in einem solchen Fall nur die Möglichkeit, deutlich zu machen, dass sie gänzlich andere Auffassungen vertritt. Unabhängig davon distanziert sich die Universität von jeglichen Äußerungen, die Trans-Personen herabwürdigen oder diskriminieren."

Begrifflichkeiten

Eine vielfältige Gemeinschaft

„Schwul“, „lesbisch“ und „bisexuell“ haben sich als Begriffe mittlerweile etabliert und sind für die meisten Menschen verständlich. Auch der englische Begriff „gay“ für „schwul“ ist geläufig. Die Community tritt oft aber in einer erweiterten Form mit den Abkürzungen LGBTI oder LSBTTIQ auf. Die übrigen Buchstaben stehen für Transgender, Transsexuelle, Intersexuelle und Queere. Die Bedeutungen:

Transsexualität: Transsexuelle haben zwar eindeutige Geschlechtsmerkmale, fühlen sich aber dem anderen Geschlecht zugehörig und somit als Mensch im falschen Körper. Die genauen Ursachen dafür sind unbekannt. Bei starkem Leidensdruck können Ärzte die Geschlechtsorgane in Richtung des angestrebten Körpers verändern.

Transgender: Bei Transgendern geht es um die soziale Identität und die Abweichung von klassischen Geschlechterrollen. Sie fühlen sich durch die Rolle nicht ausreichend beschrieben, die ihnen wegen der äußeren Geschlechtsmerkmale bei der Erziehung zugewiesen wurde.

Intersexualität: Bei intersexuellen Menschen sind nicht alle geschlechtsbestimmenden Merkmale wie Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen oder äußere Geschlechtsorgane eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen. Vor der Einführung des Begriffs „Intersexuelle“ war meist von „Zwittern“ die Rede.

Queer: Das englische Wort „queer“ war früher ähnlich wie das deutsche „schwul“ ein Schimpfwort. Inzwischen ist es neu bewertet. Heute steht der Sammelbegriff für Stolz auf Abweichung, mit dem sowohl die ganze Bewegung als auch einzelne Menschen bezeichnet werden können.

Von Joachim Zießler