Donnerstag , 1. Dezember 2022
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Dragrace-Europameister Jörg Lymant (r.) mit Chefmechaniker Michael Glowatzki. (Foto: phs)

Corona bremst auch Rennfahrer aus

Drei Europameistertitel im Dragrace hat der Adendorfer Jörg Lymant bereits gewonnen. Doch dann hat die Pandemie den gesamten Rennzirkus auf unbestimmte Zeit lahm gelegt. Der Adendorfer nutzt nun die Zeit, um sein Bike noch schneller zu machen. Doch auch die Konkurrenz schläft nicht

Adendorf. Jörg Lymant ist dreifacher amtierender Europameister im Dragrace: Doch seit mehr als einem Jahr ist auch der schnellste Mann auf der Viertel- und der Achtelmeile zum sportlichen Nichtstun verdammt. Die Rennsaison 2020, die erneute Titelverteidigung, die Jagd nach neuen Rekorden... – jäh beendet durch das Coronavirus. Denn seit die Pandemie wütet, schweigen die Motoren. Aber was macht ein Rennfahrer, der zurzeit keine Rennen fahren kann? Wie bereitet er sich und seine Maschine auf den Tag vor, an dem die Ampel an der Rennstrecke endlich wieder auf Grün springt? Die LZ hat den Adendorfer in seiner Werkstatt besucht und mit ihm gesprochen über Maschinen, Motoren und die richtige Motivation.

Sport hat in den USA seine Ursprünge

Kurz zur Erinnerung: Dragrace – das sind Beschleunigungsrennen über die Viertelmeile (402,34 Meter) und die Achtelmeile (201,17 Meter) – ein Sport, der in den USA seine Ursprünge hat, inzwischen aber auch in Europa immer populärer wird und immer mehr Fans begeistert. Bildlich gesprochen könnte man diesen Sport mit dem Ritt auf der Kanonenkugel vergleichen. Denn wenn Jörg Lymant an den Start rollt und am Gasgriff dreht, sieht selbst Formel-I-Weltmeister Lewis Hamilton lahm aus: Aus dem Stand in nur 1,1 Sekunden von 0 auf 100 – das schaffen auch die hochgezüchteten Formel-I-Boliden nicht. Jörg Lymant, der „Rocket-Man“ – titelte die LZ, als der Adendorfer seine zweite Europameisterschaft nach Hause holte.

Doch Jörg Lymant weiß auch: Als Fahrer kann er nur so gut sein, wie das Team um ihn herum – Chef-Mechaniker Michael Glowatzki, Konstrukteur Ingo Höppner und – neu dabei – Thomas Kux, gelernter Kfz-Meister. "Wenn man die Nasenspitze besser sein will als die Konkurrenz, dann muss man hart arbeiten“, lautet die Maxime von Michael Glowatzki.

Leistung allein reicht nicht aus

Dabei ist Glowatzki im Hauptberuf Vermessungstechniker, der Rennsport aber ist seine Leidenschaft. Weniger das Fahren, als vielmehr das Schrauben und stetige Verbessern der "Buell", mit der Lymant in 2017, 2018 und 2019 das Meister-Triple perfekt machte. Der Zweizylinder mit 2,6 Liter Hubraum leistet um die 350 PS bei 10000 Umdrehungen und bringt gerade einmal 180 Kilogramm auf die Waage.

Lymant fährt mit einem Saugmotor. „Erlaubt sind auch Turbo oder Kompressor-Motoren“, erklärt der Adendorfer das Reglement. Auch Rennmaschinen mit Turbo-Kompressor-Motor dürfen an den Start. Einzig entscheidende Kriterien – alle Maschinen müssen Zwei-Zylinder-Maschinen sein, müssen mit Rennbenzin befeuert und dürfen nicht mit Lachgas aufgeladen werden.

Doch Leistung alleine ist nicht rennentscheidend: "Die Leistung muss auch in Vortrieb umgesetzt werden können", erklärt der mehrfache deutsche und dreifache Europameister. Mit anderen Worten: Ein durchdrehendes und qualmendes Hinterrad beim Start sieht vielleicht spektakulär aus, kostet aber wertvolle Zeit – und damit leicht den Sieg.

20 PS mehr dank Tüftelei?

Nichtsdestotrotz sind Jörg Lymant und seine drei Freunde trotz der unerwartet langen Corona-Rennpause in den vergangenen Monaten auf der Suche nach noch mehr Leistung für die "Buell" gewesen – und haben dabei echte Erfinder- und Ingenieurkunst an den Tag gelegt. Nicht ohne Stolz sagt Jörg Lymant: "Wir haben für die 'Buell' einen komplett neuen Ansaugtrakt mit Drosselklappen konstruiert und gebaut."

Eigentlich sollte sich das neue Bauteil schon in der vergangenen Saison im Rennbetrieb bewähren. Doch dann kam das Corona-Aus. Jörg Lymant ist trotzdem zuversichtlich: "Wir hoffen, das wir mit diesem Bauteil 20 PS zusätzlich generieren können." Ob die Berechnungen stimmen, wird sich zeigen, wenn die Rennsaison wieder offiziell startet. "Möglichst noch in diesem Jahr", hofft Jörg Lymant. Bis dahin hält sich der "Rocket-Man" mit Fitness, Kraft- und Reaktionstraining und Eishockey fit. Denn Jörg Lymant weiß: Auch die Konkurrenz schläft nicht. Trotz der Corona-Zwangspause.

Von Klaus Reschke