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Klaus Harries, lange Oberkreisdirektor und Bundestagsabgeordneter, ist an seinem 92. Geburtstag gestorben. (Foto: t&w)

Lüneburg trauert um Klaus Harries

Lüneburg. Als Gäste an seinem Abendbrottisch an der Schillerstraße redeten wir uns gern die Köpfe heiß. Es wurde laut, wenn die Rede aufs Waldsterben, die giftigen Schlote des Chemiewerks Embsen oder den Atommeiler Krümmel kam. Er, Lüneburgs Oberkreisdirektor. Wir, Freunde der Tochter und schwer umweltbewegte LZ-Jungredakteure. Aber wenn Klaus Harries uns später zur Tür brachte, sagte er zum Abschied immer: „Wir sind uns näher gekommen.“ So war er. Versöhnlich.

Der ehemalige Oberkreisdirektor, Bundestagsabgeordnete und CDU-Kreisvorsitzende Klaus Harries ist an seinem 92. Geburtstag, am 27. Januar, friedlich eingeschlafen.

Fast zwanzig Jahre Oberkreisdirektor

Er war Jurist ohne Dünkel, aber mit natürlicher Autorität. Fast zwanzig Jahre war er bis 1987 Oberkreisdirektor. Er zog noch mit dem Kreistag durch die Säle der Dorfgasthäuser. Er war gerne dicht bei den Menschen. Und er konnte Mensch und Meinung trennen. Anders hätten er und Lüneburgs grüne Ikone Freyja Scholing, die ihn im Kreistag immer mal wieder zur Weißglut trieb, nie Freunde sein können.

In der Sache war er Pragmatiker. Die Liste seiner Verdienste für den Landkreis Lüneburg vom Bau der Schulzentren, über die große Gebietsreform, bis zum Schutz der Dörfer vor Zersiedelung und bis zur Förderung von Kunst und Kultur füllte Seiten. Und gerade der letzte Punkt war auch privat seine Leidenschaft. Wer mit Klaus Harries auf dem Marktplatz einer x-beliebigen deutschen Stadt stand, dem erklärte er aus dem Stand ohne Oberlehrerton, wer hier wann mit wem und warum Geschichte geschrieben hat. Und wenn es auf der Bahnfahrt einen längeren Halt gab, zum Beispiel in Köln, dann wollte er seinem Mitreisenden unbedingt noch schnell diese kleine romanische Kirche zeigen, auf die Gefahr hin, den Anschluss zu verpassen.

Den kleinen Grenzverkehr gelebt

Eines seiner Lebensthemen genoss Klaus Harries auf der großen politischen Bühne, die Deutsche Einheit. Schon als Oberkreisdirektor hatte er den kleinen Grenzverkehr gelebt, seinen Freund Hermann Sack in Neuhaus besucht, was seine Stasi-Akte füllte. Als er 1987 für die CDU den Bundestagswahlkreis Lüneburg/Lüchow-Dannenberg souverän gewann, zog bald der Wind des deutsch-deutschen Wandels durch das Alte Wasserwerk in Bonn, dem Plenarsaal des Bundestages. Und als Preuße im Herzen stimmte Harries 1991 für den Umzug des Bundestages nach Berlin. Große Tage. Aber er kannte seinen Platz und benannte das pointiert: „Ich war und blieb ein Hinterbänkler. Aber die Hinterbank beginnt schon in der zweiten Reihe.“ Angefügt sei, er war einer der Hinterbänkler mit dem vollsten Terminkalender.

Klaus Harries hat selbst bestimmt, wann er geht, als Oberkreisdirektor, nach zwei Perioden im Bundestag, als Abgeordneter im Lüneburger Rat und Senioren-Student für Geschichte an der Uni Hamburg. Der Politiker aus Passion schloss am Abend des 27. Januar die Augen für immer – direkt nach der Tagesschau.

Von Hans-Herbert Jenckel

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