Montag , 5. Dezember 2022
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Hitze
Knochentrockene Böden, schlechte Ernte: Die Dürre hat auch den Landwirten im Landkreis Lüneburg stark zugesetzt. (Foto: A/t&w)

Klima-Prognose: Schockierend realistisch

Der Klimawandel wird für noch mehr Hitzewellen sorgen. Experten einer Berliner Denkfabrik haben nun ein erschreckendes Szenario für 2030 entwickelt. Die gleichen Experten hatten 2015 übrigens vor einer Pandemie gewarnt, die auch Deutschland stark betreffen würde.

Lüneburg. Heiß. Wochenlang. Extrem wenig Regen. Landwirte, die auch im Landkreis Lüneburg auf verkümmertes Getreide blicken, auf ausgetrocknete Böden mit tiefen Rissen. Bäume, die diesen Extremen nicht gewachsen sind oder Beute des Borkenkäfers werden: Die Dürrejahre 2018 und 2019 sind in Erinnerung geblieben. Sie haben die Folgen des Klimawandels verdeutlicht. Und sie haben auch zu einer neuen Diskussion über die lebensnotwendige Ressource Wasser geführt.

Dabei ist das nur ein Vorgeschmack. Experten vom Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit (ZOES) haben in ihrem Grünbuch 2020 ein Szenario beschrieben, das gerade deshalb schockiert, weil es realistisch erscheint.

Das Szenario startet im Jahr 2030, dem siebten Dürrejahr in Folge, dem Höhepunkt einer Hitzewelle. Die Experten schildern die Probleme der fiktiven Familie Weber, zwei Kinder. Sie leben in einer Großstadt in Deutschland. Es ist August, mittags klettert das Thermometer auf 45 Grad im Schatten. In ihrer Wohnung laufen nur Ventilatoren. Seit dem Stromausfall vorige Woche in Teilen Deutschlands mit vielen Hitzetoten dürfen Klimaanlagen aufgrund des hohen Stromverbrauchs vorerst nicht mehr eingeschaltet werden. Die Nachrichten melden, dass U-Bahn-Stationen für Obdachlose offengehalten werden sollen. Wie das Trinkwasserproblem gelöst wird, ist allerdings noch nicht klar. Leider wurden der geplante Ausbau der Trinkwassernotversorgung mit Notbrunnen und die Sanierung bestehender Notbrunnen in Deutschland aus finanziellen Gründen nicht realisiert. Zahlreiche vorhandene Notbrunnen sind versandet, kontaminiert und unbrauchbar geworden. Die Kräfte der Feuerwehren, von DRK und Co. sind erschöpft. Die Trinkwassernotversorgung durch das THW ist über das ganze Land verteilt, aber es reicht nicht für alle. Überall scheint Hilfe notwendig zu sein, aber kaum noch möglich. Eine Hiobsbotschaft nach der anderen: Böschungsbrand auf der Autobahn. Vollsperrung. Nichts geht mehr. Außerdem sind viele Straßen aufgrund der Hitze beschädigt. Überall entstehen lange Staus. Und die Bahn? Schienen verbiegen sich; es wurde nicht genügend investiert, um die Verkehrswege an die Temperaturen des 21. Jahrhunderts anzupassen.

Das Szenario wird sehr ausführlich beschrieben. Es geht um fehlende Hitzeaktionspläne. Und vor allem immer wieder um das Wasser: "Das größte Problem ist jedoch die Trinkwasserversorgung. Einige Regionen in Deutschland leben inzwischen mit Ersatzwasserversorgung, die vor allem Krankenhäuser und Pflegeheime vor kaum lösbare Probleme stellt. Noch gibt es Mineralwasser für die alten Menschen. Aber wie lange werden die Vorräte noch reichen, wenn der Nachschub aufgrund von Lieferschwierigkeiten nicht mehr funktioniert?"

In weiteren Kapiteln des Grünbuchs skizzieren die Experten sogar die Historie ihres Szenarios, beginnen im Jahr 2025. Also in vier Jahren. Anders ausgedrückt: Die Politik, die Kommunen, müssen, wenn sie das Szenario ernst nehmen, schnell handeln. Was zu tun ist, beschreiben die Experten ebenfalls. Sie empfehlen eine bundesweit einheitliche Vorgehensweise. Bisher ist Katastrophenschutz noch Ländersache, sie fordern einen bundesweiten Hitzeaktionsplan, ein nationales Wassermanagement mit strategischen Reserven, mahnen zum Ausbau der Trinkwassernotversorgung. Dazu sollen alte Notbrunnen wieder auf Vordermann gebracht werden. Nicht irgendwann, sondern so schnell wie möglich.

Vielleicht findet dieses Grünbuch mehr Gehör. Im Grünbuch 2015 hatten die Experten vor "Seuchengeschehen in Deutschland" gewarnt – und dabei Sars-Viren erwähnt, zu denen auch das Coronavirus zählt. Sie monierten eine fehlende Strategie zur Abwehr einer Pandemie, sprachen von einer "fehlenden Vorratshaltung medizinischen Materials". Es klang damals für viele wohl prophetisch-apokalyptisch. Heute weiß man es besser.

Mehr Informationen gibt es unter https://zoes-bund.de/themen/gruenbuch/. Hier findet man eine digitale, barrierefreie Version des Grünbuchs

Zur Sache

Berliner Denkfabrik

Das Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit e. V. (ZOES) ist die Denkfabrik zur Gestaltung der zukünftigen Entwicklungen der Öffentlichen Sicherheit in Deutschland. Das ZOES vernetzt Abgeordnete des Deutschen Bundestages mit Experten aus Ministerien und Bundesbehörden, aus der Wissenschaft, Hilfsorganisationen, Verbänden und der Wirtschaft. Das ZOES fördert den parteiübergreifenden Diskurs über Rollen, über Verantwortung und über Ziele der Gesellschaft, des Staates und der Wirtschaft in der Öffentlichen Sicherheit.

Das ZOES wird von einem Beirat mit Vertretern der parlamentarischen Fraktionen, des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat, des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sowie des Forschungsforums Öffentliche Sicherheit begleitet.

Von Werner Kolbe

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