Samstag , 3. Dezember 2022
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Ab 1. März sind die Salons wieder für Haarschnitte geöffnet. (Foto: t&w)

Gemischte Gefühle bei Handel, Wirtschaft, Gewerbe und Gastronomie

Verständnis, Erleichterung, aber auch die Forderung nach verbindlichen Ausstiegsszenarien aus dem Lockdown und verlässlichen Zeitfenstern berherrschen die Stimmungslage bei Handel, Wirtschaft, Gewerbe und Gastronomie in der Region.

Lüneburg. Nach dem Corona-Gipfel von Bund und Ländern am Mittwoch in Berlin hat die LZ bei Handel, Wirtschaft, Gewerbe und Gastronomie in der Region nachgefragt, wie die Beschlüsse bewertet werden. Mit großer Erleichterung hat das Friseurhandwerk darauf reagiert, dass die Salons bereits ab dem 1. März wieder öffnen dürfen.

"Es wird aber auch allerhöchste Zeit", meint Christiane Trilck, Obermeisterin der Friseur-Innung Lüneburg. Schließlich sei erwiesen, dass sich in den Salons keiner infiziert habe, "weil sich die Geschäfte an die Verordnungen gehalten und die Hygiene- und Abstandsmaßnahmen akribisch umgesetzt haben". Das gelte für alle Mitglieder der Innung sowie Nicht-Innungsmitglieder.

Viele Kollegen seien inzwischen an der Existenzgrenze. "Maximal vier Wochen kann mancher nur noch abpuffern aus Mitteln, die er betrieblich und privat zur Verfügung hat. Aber danach geht nichts mehr." Grund sei unter anderem, "dass die Betriebe beim Kurzarbeitergeld in Vorkasse gehen müssen und wir dieses nur mit extremer Verzögerung zurückbekommen". Und die Anträge für staatliche Hilfen könnten erst jetzt über Steuerberater gestellt werden. Mit Sorge hat sie von der Vorgabe 10 Quadratmeter pro Kunde gehört. "Das wird ein harter Brocken, denn nicht alle haben entsprechend große Salons." Christiane Trilcks Mitgefühl gilt Kosmetikbetrieben, die schon seit November schließen mussten, aber immer noch nicht aufmachen dürfen.

Situation für Handel ist besorgniserregend

Heinz-Georg Frieling, Hauptgeschäftsführer der Geschäftsstelle Lüneburg des Handelsverbandes Harz-Heide, sagt: "Wir hätten uns eine Öffnung zum 1. März gewünscht." Ob es dazu ab dem 7. März tatsächlich kommt, sei fraglich. "Denn die Hürde wurde durch einen Inzidenzwert von unter 35 noch erhöht." Die Situation für den Handel sei besorgniserregend. Der habe bereits auf einen Teil des Weihnachtsgeschäftes verzichtet sowie auf den Schlussverkauf, um den Lagerdruck abzubauen. Frieling geht davon aus, dass der eine oder andere Betrieb erwägt, gegen die neue Verordnung Klage zu erheben. "Ich bezweifle, dass die abstrakte Gefährdung für die Schließung bis zum 7. März ausreicht." Dabei sei ja noch nicht einmal der 7. März endgültig gesetzt, das lasse Händler befürchten, dass auch noch das gesamte Ostergeschäft ausfalle.

Andreas Kirschenmann, Präsident der Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW), äußert Verständnis für die befristete Verlängerung des Lockdowns. „Die Gefahr für den Übergang in eine dritte und noch höhere Welle der Pandemie ist real. Unsere Gesundheit muss an erster Stelle stehen. Zudem würde eine dritte Welle die ohnehin schon immensen wirtschaftlichen Schäden weiter vergrößern.“

Bedrohung durch Insolvenz steigt

Positiv sieht er, dass die beginnende Antragstellung der Überbrückungshilfe III endlich möglich ist. Allerdings stehe nicht fest, wie schnell die Gelder fließen werden, sagt er. „Wir fordern das Land Niedersachsen deshalb zur Wiedereinführung eines modifizierten Niedersachsen-Liquiditätskredits auf“, betont Kirschenmann. Das helfe Unternehmen schnell und unkompliziert. Dass dies dringend notwendig sei, zeige die Zahl der IHKLW-Mitglieder, die sich unmittelbar von einer Insolvenz bedroht sehen. Diese sei in den vergangenen Wochen in den von Schließung betroffenen Branchen stark gestiegen, teilweise auf 40 Prozent.

Laut niedersächsischer Staatskanzlei sieht die bisherige Verordnung, die zum 13. Februar verlängert werden soll, unter anderem vor, dass Verkaufsstellen für Pflanzen und Blumen wieder öffnen dürfen, Probefahrten im Kfz- und im Fahrradhandel zugelassen werden. „Dass nun wieder einzelne Branchen herausgepickt werden und man nicht strikt nach Inzidenzwerten und weiteren Kennzahlen vorgeht, die dann für alle Wirtschaftszweige gelten, lässt viele regionale Unternehmen ratlos zurück“, moniert er. Denn alle Wirtschaftszweige mit Kundenverkehren hätten erheblich in Hygienekonzepte und entsprechende Maßnahmen investiert. „Sie alle sollten auch eine Perspektive erhalten“, fordert Kirschenmann.

Hoffnung auf gutes Ostergeschäft

Martin Zackariat, Vorsitzender des Kreisverbandes Lüneburg im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA), sieht in den Beschlüssen positive Signale. „Wenn wir jetzt noch geduldig bleiben, könnte es gut für unser Ostergeschäft aussehen“, sagt der Heiligenthaler. Zackariat hofft, dass die Gastronomie Mitte März wieder starten kann. Er warnt jedoch vor der Gefahr eines Jo-Jo-Effekts, wenn jetzt zu früh und zu schnell geöffnet wird, weil die Infektionslage sich kurzfristig verbessert habe: „Meine Angst ist, dass wir dann in einem ständigen Wechsel zwischen öffnen und wieder schließen leben müssten, weil sich die Situation jederzeit ändern kann. Es ist daher besser, langsam wieder hochzufahren.“

Hilfreich sei es allemal, wenn zunächst nur 50 Prozent der verfügbaren Plätze in der Gastronomie ab Mitte März wieder mit Gästen besetzt werden dürften. „Für Hotels sollte sogar 100 Prozent Auslastung erlaubt sein. Schließlich gibt es ausgereifte und gut funktionierende Hygienekonzepte.“

Der niedersächsische DEHOGA-Präsident Detlef Schröder betont jedoch auch: „Immer mehr Betriebe stehen vor der Entscheidung, sich jetzt aus betriebswirtschaftlichen Gründen vom Markt zu verabschieden. Diese Betriebe werden nach Ende der Coronakrise nicht mehr zurückkommen." Die Landesregierung müsse jetzt festlegen, wann das Gastgewerbe nach dem Kalender wieder öffnen darf. Nur eine solche Festlegung bringe verloren gegangenes Vertrauen in die Branche zurück. „Das Gastgewerbe will endlich wieder mit seiner eigenen Hände Arbeit sein Geld verdienen“, appelliert er.

Von Antje Schäfer und Stefan Bohlmann

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