Samstag , 3. Dezember 2022
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Gastronomie
Die Gastronomie zählt zu den Branchen, in denen die Beschäftigten wegen der Corona-Pandemie besonders häufig in Kurzarbeit geschickt wurden. (Foto: AdobeStock)

Kurzarbeit für jeden 14. Job in Lüneburg

Der anhaltende Lockdown schlägt nicht nur in Lüneburg zu Buche. Als Pendlerstadt sind die Lüneburger auch von dem abhängig, was in Hamburg geschieht. Über 10.000 Lüneburger verdienen ihren Lebensunterhalt nördlich der Elbe, wo es bereits im ersten Lockdown zu Entlassungen kam.

Lüneburg. Die Corona-Pandemie hat vielen Unternehmen in Stadt und Landkreis Lüneburg arg zugesetzt. Über Monate keine oder deutlich geringe Einnahmen, das hält kaum jemand lange durch, da stellt sich für die Inhaber fast zwangsläufig die Existenzfrage. Doch bislang ist die große Pleitewelle ausgeblieben, auch von Massenarbeitslosigkeit ist nichts zu spüren. Die Unterstützungsinstrumente des Staates mögen ihre Schwächen haben und die Finanzhilfe auch nicht bei allen, die sie benötigen, rechtzeitig ankommen, aber die große wirtschaftliche Katastrophe haben sie abgewendet. Das zeigt auch der Blick auf den Arbeitsmarkt in Lüneburg.

802 mehr Arbeitslose als im Vorjahr

Das Virus spiegelt sich durchaus wieder im Zahlenwerk, das die Agentur für Arbeit und das Jobcenter jetzt vorgelegt haben. Allerdings längst nicht so massiv, wie von vielen befürchtet. So ist die Arbeitslosenquote in Stadt und Landkreis Lüneburg von 5,3 Prozent zum Ende 2019 auf nunmehr 6,0 Prozent Ende 2020 gestiegen. In nackten Zahlen bedeutet das: 5964 Arbeitslose gegenüber 5162 ein Jahr zuvor (+ 802). Dass der Anstieg nicht deutlich höher ausgefallen ist, liegt in erster Linie am Instrument des Kurzarbeitergeldes. Für jeden 14. Arbeitsplatz in Lüneburg wurde diese staatliche Hilfe 2020 in Anspruch genommen. "Den großen Ansturm hatten wir im April", blickt Kerstin Kuechler-Kakoschke, Chefin der hiesigen Arbeitsagentur, zurück. 9453 Beschäftigte haben kreisweit zu diesem Zeitpunkt Kurzarbeitergeld bezogen. Allerdings: Nicht alle Unternehmen, die zuvor angemeldet hatten, dass sie diese Hilfe möglicherweise in Anspruch nehmen wollen, haben letztlich auch darauf zurückgegriffen. Die formale Anzeige – zwingende Voraussetzung für spätere Hilfe – gab es für 19 722 Beschäftigte.

Auch Autobranche braucht Hilfe

Jeder dritte von Kurzarbeit betroffene Arbeitsplatz war im verarbeitenden Gewerbe (34 Prozent), die das Instrument aber auch in der Vergangenheit schon immer wieder mal nutzte, um auf Auftragsschwankungen zu reagieren, wie die Agentur-Chefin verdeutlicht. Auch die Autobranche (Handel und Reparatur) brauchte Hilfe, deren Beschäftigte stellten einen Anteil von 16 Prozent bei der Kurzarbeit, weitere 12 Prozent der Kurzarbeiter kamen aus der Gastronomie. Die Form der Kurzarbeit fiel dabei ganz unterschiedlich aus, einige mussten gar nicht mehr zur Arbeit, bei anderen fiel "nur" 25 Prozent der Arbeitszeit weg. Im rechnerischen Durchschnitt für Lüneburg bedeutete Kurzarbeit hier: 40 Prozent weniger Arbeitszeit.

Für Kuechler-Kakoschke sind die Zahlen angesichts der Lage dennoch ein Hoffnungsschimmer. "Denn Kurzarbeit meldet nur derjenige Unternehmen an, der auch die Hoffnung hat, irgendwann weitermachen zu können." Ein weiteres positives Zeichen: Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze im Landkreis ist im Corona-Jahr 2020 sogar gestiegen – um 66 auf 59 560.

10.000 Lüneburger auf Hamburg angewiesen

Die Agentur-Chefin sagt aber auch: "Was uns Sorgen bereitet, ist der Arbeitsmarkt in Hamburg, von dem wir in Lüneburg sonst ja immer profitieren. Dort hat es schon mit dem ersten Lockdown eher Entlassungen gegeben, gerade im Bereich der Gastronomie. Das hat sich bei uns stark bemerkbar gemacht." Schließlich arbeitet das Gros der fast 27 000 Lüneburger, die ihre Brötchen außerhalb des Landkreisgrenzen verdienen, in Hamburg – rund 10 000. Zum Vergleich: 16 250 Menschen, die in Lüneburg einen Job haben, wohnen außerhalb des Landkreises, die meisten sogenannten Einpendler kommen aus Uelzen. Und in Hamburg lag auch der Anteil der Kurzarbeiter mit 11,7 Prozent deutlich höher als in Lüneburg mit 7,2 Prozent.

Noch keine negativen Folgen der Pandemie kann Kerstin Kuechler-Kakoschke hinsichtlich der Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen ausmachen. Die Zahl der bislang gemeldeten Lehrstellen habe kaum abgenommen. Einen Jahrgang Corona werde es daher wohl nicht geben. Für einzelne Branchen allerdings liegen noch keine aktuellen Zahlen vor. Und ob der Hotel- oder Restaurantchef angesichts aktueller Sorgen tatsächlich weiter wie im bisherigen Maße ausbildet, erscheint auch ihr eher fraglich.

Jobmotor Pandemie

Für einen Bereich aber hat sich die Pandemie sogar als kleiner Jobmotor erwiesen. Die Arbeitsagentur selbst brauchte mehr Mitarbeiter. "Vorher haben 15 Mitarbeiter die Anträge für das Kurzarbeitergeld bearbeitet, das haben wir auf 200 aufgestockt", verdeutlicht die Agentur-Chefin. Neueinstellungen einerseits, aber auch Aufgabenverlagerungen innerhalb des Hauses. "Zum Beispiel die Berufsberater, die nicht mehr in die Schulen gehen konnten. Aber wir haben auch Unterstützung von der Post oder der Rentenversicherung bekommen."

Von Alexander Hempelmann

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