Freitag , 2. Dezember 2022
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Adipositas
Seit ihrer Magen-Bypass-OP hat sie 37 Kilo verloren. Aber Bettina Schmidt betont, dass der Eingriff nur eine Art Starthilfe ist. Danach gilt es sich bewusst zu sein, maßvoll zu essen und in Bewegung zu bleiben. (Foto: t&w)

Zeichen setzen gegen Stigmatisierung

Millionen von deutschen Bürgern leiden unter Adipositas. Seit letztem Jahr ist Fettleibigkeit zwar als Krankheit anerkannt, doch sie wird nach wie vor oft als ein Problem von charakterschwachen Menschen angesehen. Gegen Stigmatisierung und Diskriminierung will die Kampagne "Dick und Du" ein Zeichen setzen. Die Barumerin Bettina Schmidt ist eines der Geschichter.

Lüneburg. Bettina Schmidt ist eine starke Frau, in dreifacher Hinsicht. Sie packt gerne im Leben Dinge an. Sie ist ein Genussmensch, dass hatte zur Folge, dass ihr Gewicht viele Jahre stark nach oben ging. Und sie stellt sich dazu mit großer Offenheit. Die Barumerin ist eines der Gesichter der Kampagne "Dick und Du", die die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Adipositas (BAG) anlässlich des Welt-Adipositas-Tages am 4. März startet. Diese Kampagne möchte für mehr Verständnis und Toleranz gegenüber Menschen werben, die krankhaft dick sind.

Foto t&w

In ihrer Jugend hatte die heute 52-Jährige keine Probleme mit dem Gewicht. Der Zeiger der Waage ging hoch, als sie 22, 23 Jahre alt war. Viele Jahre arbeitete sie im Einzelhandel. "Das war stressig." Zum Kompensieren trank sie Cola, es gab dazu Fast Food, Pommes/Curry, Pizza, gerne auch mal eine Portion mehr. Natürlich sei ihr immer bewusst gewesen, dass das die falsche Ernährung sei, sagt sie und erzählt von dem Versuch, mit Diäten immer wieder von dem Gewicht runterzukommen. Doch letztendlich war das nur ein Jojo-Effekt: das Gewicht ging hoch, runter und wieder hoch – und dannbrachte sie noch mehr auf die Waage.

150 Kilo bringt sie letztlich auf die Waage

1999 freute sich die 1,80 Meter große Frau, dass sie es auf 90 Kilo gebracht hatte. Acht Jahre später erkrankt sie an Krebs, sie hört auf zu rauchen, schwupp geht das Gewicht nach oben. Da hilft es auch nichts, dass sie gerne sportlich unterwegs ist, ausgiebig läuft, im See ihre Bahnen zieht oder auf dem Stand-Up-Paddel-Board steht. Doch je mehr sie zulegt, "desto schwieriger wurde es sich zu bewegen". Und bei ihr wird Pseudotumor cerebri diagnostiziert, eine Erkrankung, die im Zusammenhang mit Adipositas stehe mit Folgen wie Kopfschmerzen, Sehstörungen, Schwindel und das über Monate, erläutert sie. Ihr Bluthochdruck wird außerdem über Jahre behandelt.

150 Kilo bringt sie letztlich auf die Waage, 35 Kilo mehr als 2015 als sie ihre Frau geheiratet hat. "Durch sie ist mir aber klar geworden, dass ich etwas tun muss, damit ich noch ein gesundes, langes Leben gemeinsam mit ihr habe." Warum hatte sie nicht schon früher diese Erkenntnis? "Ich habe mich früher nicht damit beschäftigt, weil ich gelernt habe, mit meinem Übergewicht zu leben. Außerdem habe ich erst in den letzten Jahren wahrgenommen, dass es ein Adipositaszentrum am Lüneburger Klinikum gibt."

„Guck mal, das Walross da!“

Vor gut einem Jahr brachte Bettina Schmidt noch 145 Kilo auf die Waage. (Foto: privat)

Ende 2018 nimmt sie Kontakt zum Adipositaszentrum auf, lässt sich von der Fachkoordinatorin Stefanie Wirtz beraten. "Danach habe ich erneut entschieden: ich nehme ab, das muss doch zu schaffen sein. Hat natürlich nicht geklappt", sagt sie lächelnd. Bettina Schmidt entschließt sich für eine Magen-Bypass-Operation, muss zuvor ein sechsmonatiges Multimodales Konzept aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie durchlaufen. Seit der OP Ende September 2020 hat sie 37 Kilo verloren. "Ein tolles Gefühl, relativ schnell relativ viel abzunehmen und dass man sportlich wieder viel mehr machen kann." Aber sie beugt auch falschen Hoffnungen vor, dass der Eingriff allein schon dafür sorgt, dass Pfunde purzeln. "Der Kopf ist nicht mitoperiert, die Gewohnheiten der letzten Jahrzehnte gehen nicht verloren." Es gilt maßvoll zu essen, sich gesund zu ernähren und sportlich am Ball zu bleiben. Und nicht einzuknicken, wenn man aus Frust oder Langeweile sich etwas gönnen möchte. Es ist also ein lebenslanges Angehen.

Und wie ist das mit der Diskriminierung und verletzenden Sprüchen wegen ihrer Fettleibigkeit gewesen? "Seltsam, obwohl ich vorher dicker war, bin ich im letzten Spätsommer das erste Mal einer richtigen Anfeindung begegnet – und das auch noch auf dem Wasser.“ Eine Gruppe Jungs kam im Boot vorbei, als sie auf dem Board stand. Einer lästerte: „Guck mal, das Walross da!“ Klar sei das nicht schön. Sie habe aber sofort gedacht, die haben ganz eigene Probleme. Deshalb findet sie die Kampagne "Dick und Du" auch so treffend, weil der Slogan motiviert, über Ausgrenzung und Stigmatisierung nachzudenken. "Außerdem bietet die website www.dick-und-du.de der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Adipositas (BAG) jede Menge Informationen zu dem Thema."

Von Antje Schäfer

16 Millionen Menschen adipös

Viele Folgeerkrankungen

Rund 16 Millionen Erwachsene sind an Adipositas erkrankt. Adipositas, auch Fettleibigkeit, bezeichnet eine Vermehrung des Körperfetts über das Normalmaß hinaus. Ab wann und wie stark Adipositas besteht, zeigt der Body-Mass-Index (BMI, Körpermasseindex), in den das Körpergewicht und die Körpergröße einfließen. Laut IGES, Institut für Gesundheits- und Sozialforschung, gilt ein BMI von 30 als adipös, je nach Ausprägung des BMI wird die Adipositas in verschiedene Schweregrade eingeteilt: Grad I (BMI 30), Grad II (BMI 35) und Grad III (BMI 40). Folge der Erkrankung sind unter anderem Herz-Kreislaufkrankheiten, Diabetes oder Gelenkerkrankungen. Viele der Betroffenen leiden unter Stigmatisierung und sozialer Ausgrenzung, was auch psychische Erkrankungen zur Folge haben kann. "Mit der Kampagne wollen wir ein Bewusstsein für diese chronische Erkrankung schaffen und mehr Verständnis für Betroffene erreichen", sagt Michael Wirtz von der AdipositasHilfe Deutschland. Diese gehört neben Adipositaschirurgie Selbsthilfe Deutschland e.V. und dem Adipositasverband Deutschland e.V. zur Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Adipositas.

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