Samstag , 3. Dezember 2022
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Privates U-Boot auf einem Hof
Die „Troll“ ist vier Tonnen schwer, mehr als neun Meter lang und „zu 80 Prozent fertig“. Foto: krt

Volle Fahrt voraus!

Als er neun Jahre alt war, zeigte ihm sein Vater am Strand von Laboe das U 995. Seitdem ist Holger Vieth fasziniert von der Welt unter Wasser. Und weil dem Metallbauer das Hineinsehen irgendwann nicht mehr genug war, beschloss er, sein eigenes U-Boot zu bauen.

Wulfsen. An diesem Samstag Ende Februar ist es grau, aber mild in Wulfsen. Auf dem Hof in zweiter Reihe steht ein Vier-Tonnen-Koloss vor einer unscheinbaren Werkstatt. Während aus dem Gebäude lichtblitzend das Geräusch verschmelzenden Stahls zu hören ist, kann man es aus dem Koloss klopfen und kratzen hören. Beim Blick durch ein noch unverglastes Bullauge sind Schuhe zu sehen: „Moment! Ich komm‘ raus!“, hört man eine Stimme. Augenblicke später streckt Holger Vieth seinen Kopf aus der vorderen Luke. Mit Strickmütze auf dem Kopf, einem Kapuzenpullover, übersät mit Brandlöchern, und in Arbeitshose, schiebt sich der Mann mit dem Drei-Tage-Bart den schmalen Ausstieg hinauf: „Moin!“, sagt er und klettert an Deck: „Ich komm‘ mal runter, dann kann ich dir das zeigen.“

Holger Vieth, 39, verheiratet und Vater eines Sohnes, ist gelernter Stahlbauer und Schweißer. Seit sechs Jahren baut er auf seinem Hof an der „Troll“, seinem eigenen U-Boot.

Die Technik hinter der Stahlhülle

„Willst du mal ein echtes U-Boot sehen?“, mit dieser Frage seines Vaters begann für den damals 9-jährigen Holger Vieth eine Faszination. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach Laboe. Hier, zwischen Kieler Bucht und Marine-Ehrenmal, stand und steht noch U 995. Das ehemalige U-Boot der Kriegsmarine gehört zum „Technischen Museum U 995“ in Laboe. Von diesem Erlebnis geprägt, zog es Holger Vieth aufs Wasser. Der Film „Das Boot“ erledigte den Rest. Viel mehr aber als das kriegerische Potential des Schiffes, begeisterte Holger Vieth die Technik hinter der Stahlhülle, und die Möglichkeit, die Unterwasserwelt zu erkunden. Der Forschergeist in ihm war geweckt.

Wieso nicht?

Von der kleinen Jolle bis zum neun Meter langen Zwei-Mast-Kajütboot fuhr Vieth in den kommenden Jahren fast alles. Das sollte ihm aber bald nicht mehr reichen: „Über Wasser ist es schön, aber unter Wasser – das ist etwas Besonderes“, sagt er und grinst, „das hat nicht jeder“. Richtig Fahrt nahm dieser Wunsch dann auf, als Vieth die U-Boot-Projekte eines Dänen im Internet entdeckte. Dieser hatte in den 2000-ern mehrere U-Boote in Eigenregie gebaut. Gefragt nach seiner Motivation sagt Holger Vieth abgeklärt: „Manche bauen Eisenbahnen im Keller oder spielen mit Mini-Treckern, ich wollte mein eigenes U-Boot haben – also wieso nicht?“.

Auf den ersten Blick sieht die „Troll“ aus wie die ganz kleine Schwester von U 995. 9,10 Meter ist die „Troll“ lang, 1,25 Meter im Durchmesser. Sie soll später mal sechs bis neun Tonnen verdrängen und acht bis neun Knoten (14km/h) Fahrt machen. 40 Meter unter Null peilt Vieth als Tauchtiefe an.

Nur 400 Euro für die beiden Tanks gezahlt

Der Rumpf besteht aus zwei alten Propangastanks, die Vieth vor Jahren günstig kaufen konnte: „Ich hatte Glück. Für beide zusammen habe ich nur 400 Euro bezahlt“, erzählt er. In die zusammengeschweißten Tanks baute er sofort ein altes Dieselaggregat ein. Es folgten Bug und Teile des Hecks, die Tauch- und Regelzellen, die für das Auf- und Abtauchen des Bootes gebraucht werden. Dann folgte der Turm, die Ruder, die Elektronik. „So, wie es hier steht, ist es zu 80 Prozent fertig“, erklärt „Kaleun“ Vieth: „Im Spätsommer will ich damit nach Rostock zum ersten U-Boot-Treffen Deutschlands“.

Rückfahrkameras im U-Boot

Im Inneren der „Troll“ ist es eng. Drei Besatzungsmitglieder hätten hier bei einer Tauchfahrt kniend Platz. Wie man es aus Filmen kennt, sind an den Wänden zahllose Rohrleitungen, Ventile und Regler zu sehen. Im vorderen Teil, dem Leitstand, wird das Boot gesteuert: Navigation, Funk, das Ruder und ein Bildschirm für das Periskop. Statt einer aufwendigen und teuren Spiegelkonstruktion hat sich Vieth für eine praktikablere Lösung entschieden: Rückfahrkameras. „Da hab‘ ich einfach zwei Kabel getrennt, damit die Fahrspuren nicht mehr zu sehen sind“, erzählt er.

Gute Fahrt

„Am Anfang 50 zu 50“, sagt Holger Vieth auf die Frage, wie sicher er denn sei, dass die „Troll“ auch schwimmt. „Inzwischen, nach der ganzen Hilfe des Schiffbauers, würde ich 90 Prozent sagen. Aber das werde ich erst sicher sehen können, wenn wir es dann zu Wasser lassen“, sagt er lächelnd. Die Aufregung ist ihm anzumerken. Heute werden sie, Vieth und ein Schweißer, der ihn unterstützt, noch die Heckruder einpassen. Viele Details gilt es in den kommenden Monaten noch zu verbessern bis er sich auf den Weg zum Treffen in Rostock macht. Dann müssen die Schotten dicht und die Decks geputzt sein – für gute Fahrt und allzeit eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.

Von Kevin R. Thomas

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