Montag , 5. Dezember 2022
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André Knispel (im Vordergrund links) und Marian Drews (r.) legten mit ihren Kollegen am Sonnabend die KVG-Flotte still. Am Sonntag verkehrten die Busse normal. (Foto: t&w)

“Nicht immer zu Lasten der Arbeitnehmer”

Ein Warnstreik von Verdi legte am Sonnabend den Öffentlichen Personennahverkehr in Lüneburg, Salzgitter, Hameln, Stade, Verden und Buxtehude lahm. Die Gewerkschaft verlangt drei Euro pro Stunde mehr, die Arbeitgeber bieten 80 Cent. Ein Besuch bei den Arbeitskämpfern.

Lüneburg. 24 KVG-Busse stehen sauber aufgereiht und abfahrbereit auf dem Gelände des Unternehmens. Eigentlich müssten die meisten von ihnen an diesem Sonnabendvormittag längst unterwegs sein. Doch das ist nicht möglich. Ein weiterer Bus versperrt die Ausfahrt. Flaggen und Transparente schmücken ihn: "Wir sind mehr wert" und "Dieser Betrieb wird bestreikt".

Flaggen der Gewerkschaft Verdi flattern am Eingangstor im kalten Wind. Zwei Dutzend KVG-Mitarbeiter schützen sich unter dem Dach der Werkstatt vor dem Regen. "100 müssten in dieser Schicht eigentlich arbeiten", sagt André Knispel, "doch heute stehen alle Räder still, wir streiken." Der Grund für den Warnstreik: Die Gewerkschaft will vor der nächsten Tarifverhandlungsrunde am Donnerstag den Druck auf die Arbeitgeber erhöhen, damit die mehr Lohn anbieten.

Drei Jahre Laufzeit

Der Arbeitgeberverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen hat nach den Worten ihres Verhandlungsführers Uwe Gaßmann 50 Euro mehr im Monat ab März 2021 angeboten, gefolgt von zwei Prozent Lohnerhöhung im Jahr 2022 und weiteren 1,5 Prozent mehr im Jahr 2023.

"Viel zu wenig", sagt Gewerkschaftssekretär Marian Drews, "auf die Laufzeit von drei Jahren sind das umgerechnet 80 Cent pro Stunde". Knispel, der Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates der KVG Stade und Lüneburg ist, kann das Arbeitgeberargument des Fahrgastschwundes in Zeiten der Pandemie durchaus nachvollziehen. "Wir verstehen, dass es derzeit schwierig ist", sagt Knispel, "aber es kann nicht sein, dass dies immer nur auf den Schultern der Arbeitnehmer abgeladen wird. Zumal wir die gesamte Krise durchgefahren sind, keine Kurzarbeit gemacht haben."

Zudem zeige der Blick über den Gartenzaun, dass das Gras anderswo grüner ist. Kollegen, die im kommunalen Öffentlichen Personennahverkehr arbeiteten, "bekommen bis zu fünf Euro pro Stunde mehr", sagt Knispel und ergänzt: "Diese Lücke muss deutlich verkleinert werden."

Lücke von 5 Euro zu kommunalen Busfahrern

In anderen Bundesländern wie etwa Schleswig-Holstein hätten die Arbeitgeber im privaten ÖPNV die Zeichen erkannt, sagt Marian Drews. Hier werde die 5-Euro-Lücke erkennbar geschlossen. Damit die Kollegen pro Stunde künftig etwa drei Euro mehr im Portemonnaie haben, fuhren am Sonnabend in Lüneburg, Salzgitter, Hameln, Stade, Verden und Buxtehude keine Busse. "Ausnahme: Die Impf-Shuttle in Stade und der Elbmarsch."

Der eintägige Warnstreik der Busfahrer sollte möglichst wenig schmerzen. "Wir wollten weder die Schüler, die gerade erst wieder zur Schule gehen, noch die Pendler treffen", sagt Knispel. Ein "Warnschuss", der Eskalationspotenzial besitzt, wie Drews betont: "Bewegen sich die Arbeitgeber nicht, sind wir durchaus auch in der Lage, in der Woche und ohne lange Vorankündigung zu streiken."

So kampfbereit die Gewerkschafter in ihren Warnwesten auch wirken, so ungewohnt ist eine harte Tarifauseinandersetzung für sie. Gesamtbetriebsratsvorsitzender Knispel hat keinen Streik bei der KVG miterlebt, fragt über die Schulter noch eine Kollegin und erinnert sich dann: "Vor 20, 25 Jahren gab es schon mal einen Streik, aber da hatte ich Urlaub."

Von Joachim Zießler

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