Freitag , 2. Dezember 2022
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Bei Thomas Weiß gibt es alles umsonst - Fundsachen und immer mehr aussortierte Stücke. (Foto: t&w)

Alles geschenkt an der Friedenskirche

Thomas Weiß ist Hausmeister der Friedenskirche. Hatte er anfangs noch Dinge verschenkt, die in der Gemeinde keinen Besitzer mehr fanden, so kommen jetzt zunehmend mehr Menschen und bringen Dinge vorbei, über die sich dann andere freuen dürfen

Lüneburg. Am Anfang war der Tisch. Auf den packte Thomas Weiß die Dinge, die irgendwo im Haus übriggeblieben waren. Bei dem Hausmeister in der Friedenskirche fällt da einiges an: von Mützen, Salatschüsseln und Schirmen bis zu Isomatten und Kinderspielzeug. Waren die Fundsachen nach einiger Zeit nicht abgeholt, wurden sie verschenkt.

Dann brachten Leute Dinge mit, die bei ihnen nutzlos herumstanden, aber zu schade zum Wegwerfen waren. Der Fundtisch im Foyer der Kirche wurde zum „Fairschenker“-Tisch, der immer wieder anders aussah. „Als Corona anfing, habe ich den Tisch einfach vor die Tür gestellt“, erzählt der Hausmeister. „Da ist er ziemlich schnell zu einer beliebten Anlaufstelle geworden. Den Inhalt von mehr als 30 Bananenkartons habe ich so in kurzer Zeit verschenkt.“

Mitarbeiter helfen bei Umzügen

Dazu muss man wissen, dass die Friedenskirche einen Arbeitskreis Diakonie eingerichtet hat, dessen ehrenamtliche Mitarbeiter bei Umzügen und Haushaltsauflösungen helfen. Dabei fällt immer reichlich Nachschub an für den „Fairschenker“. „Den Leuten fällt es viel leichter, Dinge wegzugeben, wenn sie wissen, dass die von anderen noch benutzt werden, also in gute Hände kommen“, hat Thomas Weiß beobachtet.

Doch es fehlte an Platz, sollte das Kirchenfoyer nicht zum Secondhand-Shop mutieren. Die Lösung ist jetzt in Form einer Holzhütte auf dem Kirchengrundstück an der Wichernstraße gefunden: Seit 1. Februar haben „Fairschenker“ und „Fairteiler“ ihr neues Domizil bezogen.

Zwei Angebote werden vereint

Die Holzhütte vereint also zwei Angebote: Ein Regal ist für gespendete Küchengeräte, Geschirr oder Spielzeug bestimmt, ein weiteres für Lebensmittel. Die bestückt ein Team vom Verein „Foodsharing“ regelmäßig mit übriggebliebenen Waren aus Supermärkten und Bäckereien. „In der Stadtteilrunde war der Wunsch aufgekommen, dass wir so einen Fairteiler auch bei uns am Bockelsberg gebrauchen könnten“, erklärt Pastor Axel Kuhlmann, „also haben wir beides verbunden.“

Der Gemeinde sei wichtig, dass wirklich alle Menschen ohne Voraussetzung Dinge mitnehmen oder abgeben dürfen. Das klappe gut, bestätigt der Hausmeister, „hier kann natürlich auch jemand mit dem Porsche vorfahren und einen Apfel rausholen.“ Wie schwer fällt ihm selbst das Abgeben? „Das übe ich jetzt seit zehn Jahren und es wird immer leichter. Ich lagere keine Sachen, die ich nicht brauche. Und wenn ich was brauche, hat immer irgendwer was übrig. Das ist nicht nur nachhaltig, sondern erleichtert das ganze Leben.“

Kontaktstelle für ältere Menschen

Thomas Weiß freut sich besonders über einen Nebeneffekt: Gerade für ältere und alleinstehende Menschen sei die Fairteiler-Hütte zur Kontaktstelle in Coronazeiten geworden: „Manche erzählen, dass sie seit einem halben Jahr nicht mehr mit jemandem geklönt haben. Der Redebedarf ist groß.“ Sobald es Pandemie und Wetter zulassen, will der Hausmeister deshalb seine Kaffeepause nach draußen verlagern. Dann gibt es Kaffee für alle – natürlich geschenkt.

Haben Sie auch ein Beispiel, das Mut in diesen Zeiten macht? Dann schreiben Sie eine E-Mail an Koordinatoren@landeszeitung.de

Von Ute Klingberg-Strunk

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