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Petra L. hätte an einer Kohlenmonoxidvergiftung sterben können - ausgelöst durch eine defekte Therme in ihrer Mietwohnung.

Todesgefahr im Bad

Eine defekte, nicht gewartete Therme entwickelte sich für eine junge Frau in Lüneburg zu einer tödlichen Gefahr. Austretendes Kohlenmonoxid machte sie krank. Sie klagt vor Gericht gegen den Vermieter auf Schmerzensgeld, allerdings mit geringen Chancen.

Lüneburg. Petra L.* hat Glück gehabt, dass sie an diesem Tag in Raum 214 des Amtsgerichts noch um ihr Recht kämpfen konnte. Die junge Frau war 2017 nach Lüneburg gezogen, um eine Ausbildung zu machen. Im Februar zog sie in eine Wohngemeinschaft. Ein gutes halbes Jahr später schlug ihr Körper Alarm: Der Kopf schmerzte, vor den Augen tanzten Lichter, manchmal fielen ihr Worte nicht ein. Ärzte fanden nichts.

"Ich war sicher, einen Hirntumor zu haben." Doch sie war nicht krank, sondern vergiftet, wie sich im März 2018 herausstellte. Der Heizungsmonteur sagte angesichts einer defekten Therme, aus der Kohlenmonoxid austrat: "Ein Wunder, dass Sie noch leben." Nun kämpft Petra L. gegen den Vermieter um Schmerzensgeld – mit wenig Chancen.

Vermieter wartete Therme nicht

Kohlenmonoxid ist ein tückisches Gas, geruchlos, aber tödlich. Auf den Blutkörperchen besetzt es den Platz, den eigentlich Sauerstoff einnehmen müsste, es droht der Erstickungstod. Immer wenn Petra L. in ihrer Lüneburger Wohnung das Bad betrat, war sie offenbar in höchster Gefahr. Die Therme war lange nicht gewartet worden, verdreckt und verrostet, wie der Heizungsbauer schließlich feststellte.

Er maß direkt an der Therme austretendes Kohlenmonoxid in einer Konzentration von 2000 ppm. Die Weltgesundheitsorganisation warnt bereits vor Schäden, wenn man sich einer Konzentration von 87 ppm für eine Viertelstunde aussetzt. "Atmen Sie 2000 ppm direkt ein, sind Sie in spätestens einer Stunde tot", sagte Gutachter Prof. Rolf Merget bei der Verhandlung in Lüneburg.

Kopfschmerzen, Übelkeit, Konzentrationsschwierigkeiten

Auch in den anderen Zimmern der Wohnung dürfte die defekte Therme, für deren angebliche Wartung sich der Vermieter noch eigens Geld auf die Miete zahlen ließ, für gesundheitsgefährdende Gaskonzentrationen gesorgt haben. Auch in der Wohnung unterhalb von Petra L. trat Kohlenmonoxid aus der Therme aus. "Ich hatte permanent Kopfschmerzen, Übelkeit, war immer müde, konnte mich nicht konzentrieren. An manchen Tagen hatte ich Sehstörungen. Manchmal war das Gesicht taub, manchmal hatte ich das Gefühl, meine Füße wären am Boden festgeklebt", berichtet die 30-Jährige.

Ein Mal ließ sie sich auf die Schlaganfallstation des Klinikums einweisen, einmal auf die der Klinik in Marburg, einmal ging sie in Lüneburg in die Notaufnahme. Computertomographische Aufnahmen des Kopfes ergaben keinen Befund, ebensowenig die Messung der Leitungsgeschwindigkeit der Nerven. "Die Ärzte fragten, ob ich Stress hätte. Ja, antwortete ich, aber den hatte ich schon im Studium."

Gefährliche Müdigkeit in der Wanne

Bei einem Vollbad bei aufgedrehter Heizung neben der Therme wurde die junge Frau extrem schläfrig. "Aber anders, als bei normaler Müdigkeit. Ich wusste, ich muss raus aus der Wanne." Beim Aufstehen versagten ihre Beine, sie krabbelte aus der Wanne, schlief anschließend fünf Stunden.

Symptome, die durchaus zu einer CO-Vergiftung passen, sagte Gutachter Merget aus. "Es ist plausibel, dass dies auf die defekte Therme zurückgeht – aber mit Sicherheit kann ich das nicht sagen." Zu unspezifisch seien die Symptome. Auch andere Krankheiten seien als Ursachen denkbar. Zudem fehle es bezüglich der Auswirkungen einer schleichenden, über Monate wirkenden Vergiftung an Literatur.

Nachdem der Wassererhitzer repariert war, versuchte der Vermieter vergeblich, sich die ausgetauschten, maroden Teile aushändigen zu lassen. Doch das, was Schlamperei beweist, taugt noch nicht, um die Vergiftung zu beweisen.

Wer die Beweislast hat, verliert

Richter Tobias Wolfer wird sein Urteil am 6. April sprechen. Er ließ aber bereits durchblicken, dass er wenig Anlass sieht, um ein Schmerzensgeld festzusetzen. Denn als Klägerin muss die Frau beweisen, dass ihre damaligen Qualen auf die Vergiftung zurückzuführen waren und nicht auf etwas anderes. Es fehlt der rauchende Colt, in diesem Fall eine CO-Messung des Blutes der Geschädigten.

Weil aber damals der Verdacht auf eine neurologische Krankheit und nicht auf eine Kohlenmonoxid-Vergiftung verfolgt wurde, unterblieb dies. Eine echte Erfolgsaussicht hätte eine solche Blutuntersuchung aber wohl nur gehabt, wenn Petra L. selbst einen konkreten Verdacht gehabt hätte. Denn: Ist man dem Gas nicht mehr ausgesetzt, baut es sich in fünf Stunden im Körper etwa zur Hälfte ab.

"Wer die Beweislast hat, verliert", resümiert Verteidiger Jens-Uwe Thümer den für ihn enttäuschenden Verlauf der Verhandlung.

Was Petra L. bleibt, sind "krasse Krankheitsängste". Nach Monaten immer wieder neuer, heftiger Symptome fällt es schwer, wieder Zutrauen in den eigenen Körper zu entwickeln.

*Name ist der Redaktion bekannt

Ohne Heizungswartung droht Lebensgefahr

Gefahr Kohlenmonoxid

Jedes Jahr sterben in Deutschland Menschen an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Ein Grund dafür sind häufig nicht gewartete Gasthermen. Jede zehnte Gasheizungsanlage in Wohnungen ist schadhaft, warnen die Schornsteinfeger. Kohlenmonoxid ist ein geruchloses und unsichtbares Gas, das bei der Verbrennung von Kohlenstoff entsteht. Die korrekte Bezeichnung lautet deshalb auch „Kohlenstoffmonoxid“ (chemische Formel: CO).

Im Alltag wird aber nur von „Kohlenmonoxid“ gesprochen. CO entsteht immer, wenn Gas, Öl, Holz oder Kohle verheizt werden. Bei einer funktionierenden Abgasanlage wird das Gas aber sicher nach draußen geführt. Selbst kleinste Konzentrationen des giftigen Gases in der Umgebungsluft reichen aus, um nach dem Einatmen zu Erstickungen oder Vergiftungen zu führen. Atmen Menschen zu viel Kohlenmonoxid ein, erhält der Körper nicht mehr ausreichend Sauerstoff und kann somit seine Organe und das Gehirn nicht mehr damit versorgen. Eine Kohlenmonoxidvergiftung ist deshalb häufig tödlich.

Panik ist aber unnötig: Solange Ihr Heizgerät regelmäßig gewartet wird, ist die Gefahr einer Kohlenmonoxidvergiftung sehr gering. Schornsteinfeger kontrollieren im Rahmen der Wartung, wie hoch die CO-Konzentration im Abgas ist und ob es Lecks in der Anlage gibt. Ist der Aufstellraum der Heizung außerdem gut belüftet, reduziert sich die Gefahr nochmals. Auch CO-Melder sind eine sinnvolle Anschaffung.

Von Joachim Zießler

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