Montag , 5. Dezember 2022
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Für Männer, die Schwierigkeiten haben, aggressive Gefühle zu kontrollieren, bietet die drobs ein Anti-Gewalt-Training an. Symbolbild: AdobeStock

Häusliche Gewalt: Wenn Männer ausrasten

Für Männer, die Schwierigkeiten haben, aggressive Gefühle zu kontrollieren, bietet die drobs ein Anti-Gewalt-Training an. Erstmals wird eine Frau dieses mit leiten. Dazu muss Imke Peters eine Zusatzausbildung machen. Die wäre allerdings nicht möglich, wenn es nicht finanzielle Unterstützung von einer Stiftung gäbe.

Lüneburg. Es ist wiederholt passiert. Seine Partnerin wollte mit ihm über Beziehungsprobleme reden. Das nervte ihn. Als sie nicht damit aufhörte, hat er sie erst zusammengebrüllt. Doch dabei blieb es nicht, er schlug auch zu. Ein solcher Fall von häuslicher Gewalt ist immer wieder in den Polizeiberichten zu finden. Die drobs in Lüneburg bietet Männern bei der Auseinandersetzung mit den eigenen gewalttätigen Impulsen Unterstützung.

Das Anti-Gewalt-Training für Männer gibt es seit 2008, initiert unter anderem von Albrecht von Bülow. Nun bietet er dieses zum ersten Mal gemeinsam mit einer Frau an. Imke Peters muss aber zuvor noch eine Zusatzausbildung machen. Ohne finanzielle Unterstützung der „Stiftung Diakonie – Ich mache mit“ (DIMM) wäre die nicht möglich.

254 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt

Die Polizeiinspektion Lüneburg verzeichnete im vergangenen Jahr 254 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt, darunter auch Männer, die mehrfach ausgerastet sind. „Die Anzeigen werden an uns weitergeleitet. Wir laden dann zu einem Erstgespräch ein“, berichtet Albrecht von Bülow.

Doch nur 17 der mehr als 200 Männer erschienen zum Gespräch, vier konnten zur Teilnahme am Anti-Gewalt-Training motiviert werden. „Aber es gibt daneben einen viel höheren Anteil von Männern, die sich freiwillig bei uns melden, weil sie Schwierigkeiten haben, ihre aggressiven Gefühle oder überhaupt Emotionen zu kontrollieren und diese zu artikulieren.“

Männern fällt es schwer, über Gefühle zu reden

Ursächlich dafür, dass es manchen Männern schwer fällt, über Gefühle wie Angst, Traurigkeit und Aggressionen zu reden, sei die Sozialisation. Auch wenn das männliche Rollenbild längst im Wandel ist, kann es sein, dass ein Bekennen zu Gefühlen als Schwäche manifestiert ist. Sich bewusst werden, warum man in bestimmten Situationen explodiert und ein partnerschaftliches miteinander Reden nicht funktionieren will, gehört zum Training.

Am Anfang steht ein sogenannter Aggressions-Lebenslauf. „Es wird ein Stück weit aufgearbeitet, wie Gewalttätigkeit in Kindheit und Jugend anerzogen wurde. Die Folge ist häufig, dass in der Pubertät aus Opfern Täter werden, die später in Partnerschaften als solche handeln.“ Beim Training wird dann aufgezeigt, wie partnerschaftliche Kommunikation laufen kann. Es geht außerdem um Stressbewältigung und eine Analyse von „Tathergängen, um gemeinsam zu schauen, wo es eine Ausstiegsmöglichkeit aus dem gewaltbereiten Verhalten hätte geben können“.

Lernen wie partnerschaftliche Kommunikation funktioniert

Dass nun erstmals eine Frau dieses Trainingsprogramm in Lüneburg mit leiten wird, begrüßt von Bülow sehr. Die Teilnehmer würden so direkt erfahren, wie gleichberechtigte Zusammenarbeit und partnerschaftliche Kommunikation funktionieren. Imke Peters hat nach dem Studium Soziale Arbeit ihr Anerkennungsjahr bei der drobs gemacht und freut sich nun auf die neue Aufgabe. Zuvor muss sie eine gewaltspezifische Zusatzausbildung machen.

Das ist seit 2016 vom Land vorgegeben. Dafür gibt es vom Land – das ansonsten das Trainingsprogramm finanziell fördert – kein Geld. Hans-Hermann Jantzen, Vorsitzender der DIMM-Stiftung: „Wir fördern diese Zusatzausbildung nun mit 5000 Euro, denn das Projekt ist uns seit Jahren wichtig. In Corona-Zeiten gewinnt es weiter an Bedeutung, da häusliche Gewalt zunimmt.“ Die Stiftung fördert seit bereits 18 Jahren Einrichtungen im Kirchenkreis Lüneburg, die seit 2018 zum Lebensraum Diakonie gehören.

Wer die "Stiftung Diakonie ich mache mit" mit Spenden unterstützen und weitere Informationen erhalten möchte, geht auf die Homepage www.stiftungdimm.de

Von Antje Schäfer

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