Rollator-Parcours
Ria Gläsel übt mit ihrem Rollator auf dem Parcours. (Foto: phs)

Fieser Kies und stressige Ampeln

Kies, Ampeln, Wurzelpfade: Wer auf einen Rollstuhl, einen Rollator oder andere Gehhilfen angewiesen ist, weiß: Im Alltag und auf der Straße wimmelt es nur so vor Herausforderungen. In Bad Bevensen gibt es jetzt einen Parcours, auf dem diese nachgestellt werden – zu Trainingszwecken.


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Kies, Ampeln, Wurzelpfade: Wer auf einen Rollstuhl, einen Rollator oder andere Gehhilfen angewiesen ist, weiß: Im Alltag und auf der Straße wimmelt es nur so vor Herausforderungen. In Bad Bevensen gibt es jetzt einen Parcours, auf dem diese nachgestellt werden – zu Trainingszwecken.

Bad Bevensen. Früher ist Ria Gläsel gern mit Freunden im Park spazieren gegangen. Da war auch der Weg mit dem Bus zum Arzt noch ein Kinderspiel und der Absatz am Zebrastreifen quasi unsichtbar, zumindest kein Problem. Dann kam der Herzinfarkt, die Unsicherheit auf den Beinen, der Rollator. Seitdem sind die Wurzeln und Äste auf dem Gehweg schwer überwindbare Hindernisse und Busfahrten eine Strapaze. Doch die 80-Jährige will sich nicht unterkriegen lassen. Sie übt. In Bad Bevensen. Auf dem Rollator-Parcours.

Der Baumwurzel-Pfad hat es in sich

Seit dieser Woche ist die 300 Quadratmeter große Anlage zwischen Therme und Kurpark-Parkplatz, unweit der Sonnenuhr offiziell für den Betrieb freigegeben: Wer auf einen Rollstuhl, Rollator oder andere Gehhilfen angewiesen ist, kann sich dort in geschütztem Rahmen auf die Herausforderungen des Alltags vorbereiten. Eine Initiative von Stadt, Leuphana Universität und der benachbarten Diana Klinik. „Wir hoffen, dass wir auf diese Weise Stürze und Unfälle im Alltag vermeiden können“, erklärt Klinik-Geschäftsführer Detlef Bätz. Das gilt für die Reha-Patienten genauso wie für Privatpersonen. Der Parcours ins kostenfrei für jedermann zugänglich.

Ria Gläsel ist die erste, die die Herausforderung annimmt. Nach einem Schlaganfall hilft ihr Physiotherapeutin Mareike Hoffmann von der Diana Klinik, sich auf den Alltag zu Hause vorzubereiten. Ria Gläsel wohnt im zweiten Stock. Einen Aufzug gibt es nicht. Zusammen mit Hoffmann stellt sich die Seniorin also dem Problem Treppe: Das klappt schon ganz gut. Schwierig gestaltet sich dagegen der Baumwurzel-Pfad, eine aus Mulch und Betonstreben nachgebildete Hürde. Die Räder streiken an den Betonerhöhungen, verdrehen sich beim Schieben. „Kleiner Tipp: Treten Sie aufs Hinterrad“, sagt Hoffmann. Und tatsächlich: Das Gestell rutscht über das Hindernis, Ria Gläsel lächelt. Mit jeder weiteren „Wurzel“ wächst die Routine.

Für die Muckis und die Sicherheit

Folgt der Zebrastreifen mit Ampelschaltung. Ria Gläsel steuert seitlich auf den Straßenabsatz zu, die Grünphase macht künstlich Druck. „Schauen Sie, wo Sie hinwollen“, ruft Mareike Hoffmann. „Weiter rechts ist es einfacher.“ Der Absatz ist niedriger, Ria Gläsel wendet wieder den Fuß-Trick an, der Rollator rollt. Rampen sind ein Geschenk, aber auch nicht ohne. Ein Schild vor dieser nächsten Challenge rät dazu, die Fahrbremse leicht anzuziehen. Funktioniert! Dann ab durch die Gartenpforte, hin zum „fiesen Kies“. Der bringt Ria Gläsel ganz schön ins Schwitzen. „Man braucht schon ordentlich Armkraft, um den Rollator da durchzuschieben“, bemerkt die Seniorin aus Wolfsburg. Sie will weiter auf dem Parcours üben – für die Muckis und die Sicherheit.

„Je besser wir die Menschen auf solche Herausforderungen vorbereiten, desto mehr trauen sie sich zu“, sagt Mareike Hoffmann, die an der Entwicklung des Parks beteiligt war. Sie hat schon viele Patienten betreut, die sich nach einer Operation aus dem Alltag zurückgezogen haben – einfach, weil sie der Umgang mit der Gehhilfe überfordere. Ganz ungefährlich sind die Geräte tatsächlich nicht: „Die größte Gefahr im Alltag ist der Druck“, weiß die Physiotherapeutin und gibt ein Beispiel: „Ich möchte zu meinen Freunden, traue mich eigentlich nicht über die Straße, denke aber: Ich muss das schaffen.“ Wie das unfallfrei gelingt, können Betroffene auf acht verschiedenen Untergründen im Rollator-Parcours stressfrei lernen.

Kostenpunkt: 79.000 Euro

79.000 Euro hat das Projekt gekostet. Eine Summe, die aus Sicht von Stadtsprecher Jörn Nolting in der Kurstadt Bad Bevensen gut angelegt ist. Allein in der Diana Klinik werden laut Geschäftsführer Bätz in üblichen Jahren rund 6800 Menschen behandelt, etwa 60 Prozent sind über 70 Jahre alt. Ria Gläsel will bald wieder zurück in ihre Wohnung im zweiten Stock. Die Stufen machen ihr keine Angst mehr. Sie weiß, dass sie das kann.

Von Anna Petersen

Kies, Ampeln, Wurzelpfade: Wer auf einen Rollstuhl, einen Rollator oder andere Gehhilfen angewiesen ist, weiß: Im Alltag und auf der Straße wimmelt es nur so vor Herausforderungen. In Bad Bevensen gibt es jetzt einen Parcours, auf dem diese nachgestellt werden – zu Trainingszwecken.


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