Freitag , 2. Dezember 2022
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Elias hat das Asperger-Syndrom
Elias (r.) mit seinem Zwillingsbruder Liam und Mutter Katrin Möller – und seiner Handpuppe, Frau Schlange. (Fotos: t&w)

Glück lässt sich nicht berechnen

Elias spielt gern mit Lego. Die kleinen bunten Kunststoffteilchen sind zuverlässig, berechenbar – nichts obliegt dem Zufall. Elias mag keine spontanen Planänderungen. Der Neunjährige hat das Asperger-Syndrom, eine autistische Entwicklungsstörung. Zum Welt-Autismus-Tag am heutigen Freitag erzählt die LZ seine Geschichte.

Lüneburg. Lego ist eine feine Sache. Lego funktioniert immer gleich. Lego überrascht nicht. Am liebsten hockt Elias darum stundenlang ganz allein mit den kleinen bunten Kunststoffteilchen auf dem Fußboden und baut eine funktionierende Welt im Kleinformat: eine Kardanwelle, im Auto für die Drehmomentübertragung zuständig, nach echtem Vorbild. Einen schwarzen Düsenjet, der das Fahrwerk ausfahren kann und noch so einiges mehr. Darf nur niemand dazwischenfunken.

„Baut ein anderes Kind ein grünes Dach statt ein Rotes auf das Haus, pfeffert er alles durch die Gegend“, weiß Mutter Katrin. Das ist schon häufiger passiert. Menschen sind eine feine Sache. Menschen funktionieren aber nicht alle gleich. Menschen überraschen – und genau das macht dem Neunjährigen Probleme. Diagnose: Asperger-Syndrom, eine autistische Entwicklungsstörung.

"Die kleinste Abweichung führt schon zu Verunsicherung“ - Katrin Möller, Mutter von Elias

Elias hat einen Zwillingsbruder, Liam. Der ist voll in Ordnung, findet Elias. Aber eben auch schwer durchschaubar – und tickt immer etwas anders als er: Will Liam schlafen, hat Elias noch Energie für mindestens zwei Lego-Häuser. Haben sie Geburtstag, macht sich Liam direkt nach dem Aufstehen über Kuchen und Geschenke her, während Elias moniert, dass es morgens keinen Kuchen zu geben hat – sondern Brötchen. Wie immer halt. Alles andere ist verkehrt.

Er rechnet wie ein Weltmeister

Elias kann rechnen wie ein Weltmeister, aber Emotionen, fremde Abläufe... Das ist nicht berechenbar. „Bei ihm muss alles geregelt ablaufen. Die kleinste Abweichung führt schon zu Verunsicherung“, erklärt Katrin Möller. „Wir gehen mal eben zum Stadtfest oder zum Weihnachtsmarkt – so was gibt es bei uns nicht.“ Schon vor Corona nicht. Das Virus ist aber überhaupt ein riesiges Problem: Denn es hat alles durcheinander gebracht, auch bei den Möllers.

„Corona ist blöd“, klagt Elias. Viel mehr will er dazu nicht sagen. Wer Weiteres wissen will, muss Mama fragen – oder Frau Schlange. Die Handpuppe ist eigentlich immer dabei, auch in der Schule. „Damit ich mich besser konzentrieren kann“, sagt Elias. Manchmal fragen Lehrer oder Schulbegleiter, ob Frau Schlange nicht vielleicht noch eine Aufgabe schafft. „Und manchmal gelingt Frau Schlange dann, was sich Elias eigentlich allein nicht mehr zugetraut hätte“, erklärt Katrin Möller. „Sie beruhigt ihn.“

Die Corona-Krise ist ein großes Problem für die Familie

Nur die Corona-Krise, die kann auch Frau Schlange nicht wettmachen. Elias fehlen die gewohnten Abläufe und seine Mitschüler. „Alle gelernten sozialen Kompetenzen sind dadurch quasi wieder auf null“, sagt die Mutter und seufzt. Die 50-Jährige ist alleinerziehend. Vier Kinder hat sie bereits großgezogen – und dachte eigentlich zu wissen, was sie brauchen. Nur bei Elias ist alles anders.

So war es schon, als er noch ein Baby war. „Wenn wir in der Wohnung irgendetwas umgestellt haben, war er unruhig. Elias ist immer sofort aufgefallen, wenn etwas anders ist.“ Nein, „wenn etwas falsch ist“, korrigiert der Neunjährige. „Wenn etwas für dich falsch ist“, merkt seine Mutter an. Schon damals wusste sie, dass Elias Entwicklung anders verläuft und es eine Erklärung dafür geben müsste. Die Familie suchte einen Arzt nach dem anderen auf. „Sein ADHS ist Schuld“, sollen sie gesagt haben. Eine andere Antwort gab es nicht. Erst im integrativen Kindergarten bekamen die Probleme einen neuen Namen: Eine Erzieherin habe ihr den Kontakt zu einem Autismus-Experten vermittelt, erinnert sich Katrin Möller. Der hat mit Elias einen Test gemacht. „Und sagte sofort: Ganz klar, das ist ein Asperger-Autist.“

Endlich, kurz vor der Einschulung, gab es eine Erklärung. Für die ewigen Diskussionen, weshalb „Bauer Gurke“ aus dem Kinderbuch Gurke heißt – obwohl er ein Mensch ist und kein Gemüse. Warum Elias manchmal nicht zurückgrüßt, wenn die Nachbarn freundlich winken – obwohl Katrin Möller doch großen Wert auf gute Erziehung legt. Da fühlen sich die Leute auf den Schlips getreten. „Ich sage dann: Elias hat heute keine Sprechstunde“, erzählt sie. „Entweder sie akzeptieren das, oder sie lassen es.“

Wunsch nach mehr Sensibilität der Mitmenschen

Manchmal wünscht sich Katrin Möller, ihre Mitmenschen hätten mehr Antworten auf sein Verhalten als „Oh, du bist ja ein unerzogenes Kind“. Sie wünscht sich mehr Sensibilität, mehr Wissen über die Vielzahl an Entwicklungsstörungen. Das würde Elias – und auch ihr – das Leben leichter machen. „Nicht jedem Kind sieht man seine Behinderung direkt an.“

Das Problem ist nicht, dass Elias anders ist, sagt seine Mutter. Das Problem sei die Gesellschaft und ihre mangelnde Akzeptanz. Elias hat ein Schulbegleiterin, die mit ihm den Klassenraum verlässt, wenn es zu unruhig wird. „Zehn bis 15 Minuten – dann muss er raus.“ Sie ist ihm eine große Hilfe. Elias besucht auch das Autismus-Institut, wo er lernt, auf Emotionen zu reagieren und im Alltag besser zurechtzukommen. Und er macht eine Therapie, weil Schulbegleiter, Pädagogen, Frau Schlange und Mama nicht alles Leid von ihm abfangen können. „Er merkt zum Beispiel, dass er keinen Besuch kriegt. Liams Freunde sind dann automatisch auch seine“, beobachtet Katrin Möller. Das mag eine Weile gut gehen, ist aber nicht immer in Liams Interesse.

Was die Zukunft bringt, ist ungewiss

Neulich hat Elias mit seiner Mutter über die Zukunft gesprochen. Erzählt, dass er mit Liam zusammen wohnen will – und arbeiten, wie alle anderen Erwachsenen auch. „Morgens als Architekt, abends als Maschinenbau-Ingenieur.“ Doch was die Zukunft bringt, ist ungewiss. Glück lässt sich nicht berechnen. „Aber ich hoffe“, sagt Katrin Möller. „Ich hoffe, dass er ein selbstständiges Leben führen wird und zufrieden ist – egal, wo er lebt und was er tut.“ Dann wird Elias ungeduldig. Die Fragen nerven, der Spielplatz ist langweilig. Drinnen warten ein Haufen Lego-Steine – und ebenso viele Ideen.

Von Anna Petersen

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